Baden
Corona macht den Wald kaputt: Die Natur leidet wegen der vielen Menschen

Seit Corona ist viel los im Badener Wald: Jogger, Mountainbikerinnen, Hündeler, Erholungssuchende. Doch je mehr Platz der Mensch für sich beansprucht, desto weniger bleibt für Tiere und Natur. Wissen wir nicht mehr, wie wir uns im Wald verhalten sollten?

David Rutschmann
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Juan Eberle vor einem verwahrlosten Hochsitz. Hier ist so viel los, dass sich keine Rehe mehr blicken lassen.

Juan Eberle vor einem verwahrlosten Hochsitz. Hier ist so viel los, dass sich keine Rehe mehr blicken lassen.

Alex Spichale

«Spaziergänger fragen mich, ob wir so viele Rehe geschossen haben, sie würden kaum mehr welche sehen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Vom Hochsitz schiessen wir kaum mehr Rehe», sagt Johann Eberle, Jagdaufseher der Jagdgesellschaft Baden-Nord. Der 60-Jährige, den alle nur «Juan» nennen, schreitet mit schnellem, routiniertem Schritt durch den Schnee im Wald auf der Baldegg.

Er zeigt zu einer Futterstelle für die Rehe, welche die Jäger im Wald eingerichtet haben. Keine zehn Meter weiter: Eine provisorische Unterkunft aus Ästen mit Feuerstelle. Eberle nennt sie «Freizeitpark», denn Jugendliche haben sie im Sommer errichtet. Und sie sind nicht die einzigen. Eberle führt zu provisorischen Velo-Rampen mitten im Wald, herausfordernde Stock-und-Stein-Strecken auf neuentstandenen Trampenpfaden. Und die offiziellen Feuerstellen reichen längst nicht mehr aus. «Seit dem Lockdown ist spürbar mehr los im Wald», sagt er.

Dabei handelt es sich nicht nur um eine gefühlte Wahrheit

Ein Forschungsteam der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hat auf der Baldegg im vergangenen Jahr ein automatisches Zählgerät für Waldbesuche aufgestellt. Eigentlich wollte man untersuchen, ob tagsüber oder nachts mehr los ist im Wald. Dann kam der Studie der Lockdown dazwischen und die Zählungen stiegen an.

Während der Wald vor dem Lockdown vor allem an den Wochenenden aufgesucht wurde, verteilte sich die stärkere Frequentierung auf einmal auf die gesamte Woche. Auch die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft konnte einen Anstieg der täglichen Waldbesuche durch Städter während des Lockdowns belegen. Sie führte diese Entwicklung auf die Schliessung städtischer Parks und auf Social Distancing zurück: Im Wald erwartet man weniger Dichtestress als in einem Park.

Waldlichtungen werden zum Tourismus-Hotspot

Doch die «Waldflucht» kam nicht plötzlich, der Trend besteht schon länger: «Wald-Yoga, Wald-Baden, der Wald wird quasi zur Outdoor-Turnhalle», sagt die Badener Stadtökologin Barbara Finkenbrink. Dass die Baldegg so beliebt ist, führt sie auf ein «archaisches Bedürfnis» zurück: «Der Mensch hat seit jeher den Wunsch, sich einen Überblick zu verschaffen und sucht daher Anhöhen auf, um von oben in die Weite zu schauen. Auf der Baldegg, als Badens einziges zusammenhängendes Offenlandgebiet, kann diesem Verlangen nach Überblick und Weite im wahrsten Sinne des Wortes per Spaziergang nachgegangen werden.»

Hinzu komme ein modernes Phänomen: Die Zersiedlung löse eine Sehnsucht in uns aus, die letzten Flecken eines intakten Landschaftsbilds zu sehen. «Für ein schönes Instagramfoto dringen wir in die letzten Winkel vor und so werden der versteckte Weiher und die verwunschene Waldlichtung zum Tourismus-Hotspot», sagt Finkenbrink. Nichts bleibt mehr ein Geheimtipp.

Ich will nicht, dass Rehe als Schädling gehandelt werden und wir noch mehr schiessen müssen. Wir müssen der Natur einfach ihren Platz lassen.

(Quelle: Johann Eberle, Jagdaufseher der Jagdgesellschaft Baden-Nord)

Das Problem daran: Rehe trauen sich wegen dieses Andrangs nicht mehr aus dem Wald und müssen sich ihre Nahrung statt auf der Wiese in ebenjenem holen. Eberle zeigt eine Lichtung, in der spärlich junge Bäume herangezogen werden. Ursprünglich wurden mehr gepflanzt, doch die Rehe verhinderten mit dem Verbiss das Wachstum. Damit behindern sie auch den Klimaschutz, denn im Wald müssen Verjüngungsmassnahmen durchgesetzt werden, um ihn an die sich verändernden klimatischen Bedingungen anzupassen.

«Ich will nicht, dass Rehe als Schädling gehandelt werden und wir noch mehr schiessen müssen. Wir müssen der Natur einfach ihren Platz lassen», sagt Eberle. Stadtoberförsterin Sarah Niedermann: «Wir freuen uns, dass der Wald als attraktiver Erholungsort genutzt wird. Das wollen wir auch fördern, da die Bevölkerung die Natur so besser kennen und zu schätzen lernt. Die Kehrseite ist, dass manchen Waldbesuchenden aktuell noch die Rücksicht auf die Natur und die Waldbewohner fehlt», sagt sie.

Rücksichtnehmen heisst in diesem Fall: Die vorhandene Infrastruktur, sprich das Wegenetz und offizielle Feuerstellen, nutzen, Abfall mitnehmen, beim Beeren- und Pilzesammeln sowie Blumenpflücken keine unter Naturschutz stehenden Arten aus dem Boden reissen. Wichtig auch: Den Hund an die Leine zu nehmen, damit der Feldhase nicht in seinem Unterschlupf aufgespürt wird − die Baldegg ist laut Barbara Finkenbrink aufgrund der vielen Hündeler mittlerweile eine «Feldhasen-freie Zone».

Müssen wir menschenfreie Zonen im Wald schaffen?

«Auf lange Sicht müssen wir festlegen, in welchen Zonen der Mensch mit seinen Bedürfnissen nach Erholung Vorrang hat und in welchen der Naturschutz und die Wildruhe», sagt die naturwissenschaftliche Fachspezialistin. Das Stadtforstamt beschäftigt sich daher schon seit längerem mit dem Erholungswald, will diesen erfassen und weiterentwickeln.

«Natürlich kommen so viele Leute her, es ist idyllisch», sagt Juan Eberle, während er so im verschneiten Wald steht. Er betont, wie viel Verständnis er für die Mountainbiker, Jogger, Spaziergänger und ihre Bedürfnisse habe und dass der Wald allen öffentlich zugänglich bleiben muss. «Aber wir müssen ein Bewusstsein entwickeln, dass im Wald eben nicht nur der Mensch zuhause ist», sagt er.