Seit 1939 werden im Erdgeschoss des Hauses an der Rathausgasse 20 Haare geschnitten – Ende März endet die Ära des Coiffeurgeschäfts Wörndli. Besitzer Felix Wörndli, der den Coiffeur-Salon von seinen Eltern übernommen hatte, erfüllt sich gemeinsam mit seiner Frau Christine einen langersehnten Wunsch: Die beiden lassen sich frühpensionieren und gehen mit ihrem Toyota Landcruiser auf Weltreise.

«Seit ich denken kann, habe ich Zeit im Geschäft verbracht, schon als Kind und Jugendlicher half ich hier aus», erzählt Felix Wörndli. «Es wird eine ganz neue Erfahrung für mich, einfach nur als Reisender unterwegs zu sein und nicht zu arbeiten, aber ich freue mich riesig.»

Berühmter Kunde

Nach der Schule überlegte er sich kurz, Koch zu werden, doch er merkte schnell, dass die unregelmässigen Arbeitszeiten nichts für ihn gewesen wären. So lernte er den Beruf seiner Eltern, genau genommen liess er sich zum Damencoiffeur ausbilden.

«Klar, Frauen können anspruchsvolle Kundinnen sein, doch viel schwieriger sind eitle Männer», sagt Wörndli und lacht. Wehmut, dass er die Schere bald aus der Hand legen wird, ist bei ihm kaum zu spüren. «Warum auch, ich hatte eine wunderbare Zeit als Coiffeur.»

Er schwärmt von den 1970er-Jahren, als er einige Jahre in Südafrika verbrachte. «Dort traf ich den berühmtesten Menschen, dem ich die Haare schneiden durfte: Christiaan Barnard, der Arzt, der die weltweit erste erfolgreiche Herztransplantation durchführte. Ein hochanständiger Mann und sehr angenehmer Kunde», erzählt Wörndli. Beinahe wäre er für immer in Südafrika geblieben, doch seine Eltern überredeten ihn, nach Baden zurückzukehren und den Salon zu übernehmen.

Es folgte eine sehr erfolgreiche Zeit: «Zu Beginn der 1980er-Jahre erlebten wir goldene Monate und Jahre. Alle wollten Locken haben, auch Männer, selbst wenn sie damit aussahen wie ausgetrocknete Pudel. Aber für uns zahlte sich das Geschäft voll und ganz aus, wir konnten bis zu 60 Franken verlangen, für jene Zeit eine sehr hohe Summe», erzählt Wörndli.

Seine Frau Christine (60), gelernte Krankenschwester, liess sich in den 1990er-Jahren ebenfalls zur Coiffeuse ausbilden – von ihrem Mann höchstpersönlich. «Sie hat es wie niemand sonst geschafft, auf die Kunden einzugehen, ihnen zuzuhören und eine gute Beziehung aufzubauen», sagt Felix Wörndli.

Sie wiederum findet sein Arbeitstempo beeindruckend. «Ich denke, wir waren immer ein gutes Team, haben uns gut ergänzt und motiviert, immer wieder dazuzulernen.» Denn es habe auch schwierige Zeiten und harte Jahre gegeben; die Konkurrenz sei in Baden sehr gross. «Dennoch hatten wir eine gute und faire Beziehung zu den anderen alteingesessenen Badener Coiffeuren», sagen die Wörndlis.

Im Lauf der Jahrzehnte haben sie es geschafft, eine grosse Stammkundschaft aufzubauen. «Wir sind wirklich dankbar, dass so viele Leute uns so lange die Treue gehalten haben.» Stolz sind sie darauf, 37 Lehrlinge ausgebildet zu haben.

Zuerst reisen die Wörndlis nun nach Südamerika, danach lassen sie ihr Auto nach Afrika, später Australien und Asien verschiffen. Zwei bis drei Jahre wollen sie unterwegs sein, dazwischen ab und zu für ein paar Tage nach Baden zurückkehren. An der Rathausgasse 20 wird es dann kein Coiffeurgeschäft mehr geben.

«Im April gehen die Räumlichkeiten an ein Blumengeschäft über. Einer unserer drei Söhne hat sich zwar ebenfalls zum Coiffeur ausbilden lassen, aber er reist viel und hat darum das Geschäft nicht übernehmen wollen», sagt Felix Wörndli . «Dass es den Coiffeur-Salon nicht mehr geben wird, ist schade, aber man muss auch loslassen können im Leben.»