Oberrohrdorf
Claude Nicollier: «Ich hatte mehr Angst vor Fehlern als vor dem Tod im Feuerball»

Der ehemalige Astronaut erzählte in der Zähntenschür von seinen Flügen ins All und wie er alle 90 Minuten einen Sonnenaufgang sah.

Patrick Hersiczky (Text und Foto)
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Claude Nicollier: «Risikomanagement kann man am besten mit Tauchen, Bergsteigen oder Fallschirmspringen verbessern.»

Claude Nicollier: «Risikomanagement kann man am besten mit Tauchen, Bergsteigen oder Fallschirmspringen verbessern.»

Der erste und bisher einzige Schweizer Astronaut Claude Nicollier ist vier Mal im Welttraum gewesen und dennoch: Er ist ein Mann ohne Starallüren. So verwundert es nicht, dass Nicollier zu einem Vortrag in der Zähntenschür sofort zugesagt hat. «Claude Nicollier war Astronaut, Militär- und Swissairpilot und Astrophysiker», hat André Widmer von der Vereinigung für Heimatkunde des Bezirks Baden Nicolliers Karriere beschrieben. Man hätte den Palmarès des mittlerweile 71-jährigen Waadtländers noch weiter führen können, doch wollte Widmer nicht die kostbare Zeit des aus Vevey angereisten Nicollier überstrapazieren.

«Bin Schweizer, nicht Romand»

Nicollier, der an der ETH Lausanne noch als Professor tätig ist, hat typisch schweizerische Tugenden: Bescheidenheit und Dankbarkeit. «Ich fühle mich vor allem als Schweizer Bürger und nicht als Romand. Und obschon ich auch in grossen Städten Vorträge halte, so schätze ich kleine Ortschaften wie Oberrohrdorf sehr.» Der ehemalige Astronaut, der Ogi zu seinem bekannten «Freude herrscht!» bewogen hat, verdankt seine Nasa-Karriere unter anderem auch dem schweizerischen Milizsystem: «Die Ausbildung als Militärpilot hat mir geholfen, Risiken richtig einzuschätzen. Eine Landung mit einem Jet auf einer Strasse, wo es Brücken gab, ist kein leichtes Unterfangen gewesen», meinte Nicollier süffisant. Damit hat er die rund 120 Besucher in seinen Bann gezogen. Der Astronaut wusste sein Publikum aber auch mit Aussagen wie der folgenden zu faszinieren: «Mit 26-facher Schallgeschwindigkeit um die Erde kreisen und alle 90 Minuten einen Sonnenaufgang erleben.»

Für einen Einsatz im All ist Disziplin, Vorbereitung und Teamarbeit unerlässlich: «Wir mussten selbst das Unvorhergesehene in die Planung aufnehmen.» Für eine Mission von etwa zehn Tagen hat ein Space-Shuttle-Team fast zwei Jahre trainiert. «In Houston habe ich im Simulator eines Space Shuttles alle möglichen Szenarien durchgespielt. Im Weltraum hatten wir letztlich alle fünf Minuten ein kleines Problem.» Nicollier ist aber stets froh um solche kleine Zwischenfälle gewesen: «Nachdem wir das Problem gelöst hatten, verspürten wir eine grosse Zufriedenheit.» Dennoch ist die Angst bei jeder Mission mitgeflogen: «Ich hatte weniger Angst davor, dass ich im Feuerball beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verglühen würde, als dass ich einen Fehler machen würde, der die Mission gefährdet hätte.» Um dem entgegenzuwirken, sei mentales Training genau so wichtig wie körperliche Fitness.

Fallschirmspringen als Tipp

Auf die Frage eines Jungen aus dem Publikum, wie man Astronaut werden könne, hat Nicollier geantwortet: «2020 gibt es bei der europäischen Weltraumbehörde ESA ein neues Programm für Astronauten. Wichtig sei, dass man ein Physik- oder Ingenieurstudium mit Berufserfahrung vorweisen könne. Und man muss auch das sogenannte Risikomanagement beherrschen. Dies kann man am besten mit Tauchen, Bergsteigen oder Fallschirmspringen verbessern.» Letztlich appellierte Nicollier, dass es weiterhin auch für Schweizer möglich sei, Astronaut zu werden. «Die Europäer wollen auf den Mond, die Amerikaner auf den Mars. Ich bin leider zu alt, um nochmals in den Weltraum zu fliegen.»