Baden
Café Himmel droht der Konkurs – Nachfolge-Interessenten haben sich schon gemeldet

Das Badener Café Himmel steht vor dem Aus. Der Geschäftsführer des Traditionscafés versuchte, den Konkurs abzuwenden – ohne Erfolg. Konkurrenten schielen bereits auf die Räume am Bahnhofplatz. Derweil warten Angestellte auf ihren Lohn.

Pirmin Kramer, Daniel Vizentini
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Die Hauptfiliale beim Bahnhofplatz war am Donnerstagnachmittag noch gut besucht – vielleicht zum letzten Mal.
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Ein anderes Bild zeigt sich in der Filiale Delise im Badener Langhaus: leere Vitrine, kaum Gäste.
Impressionen aus dem Café Himmel am Tag, an dem die wahrscheinliche Schliessung öffentlich bekannt wurde.
Café Himmel Baden
Der «Himmel» am Bahnhofsplatz in Baden. (Archiv)
Advents-Schokolade im «Himmel»-Schaufenster. (Archiv)

Die Hauptfiliale beim Bahnhofplatz war am Donnerstagnachmittag noch gut besucht – vielleicht zum letzten Mal.

DV

Baden ohne den «Himmel» – für viele Bewohner der Stadt ein Schock, ein unvorstellbarer Gedanke. Die Nachricht, das vor über 160 Jahren gegründete Traditionsgeschäft stehe kurz vor dem Konkurs, kam für die meisten Badenerinnen und Badener gestern völlig überraschend. Zumal das Café und die Konditorei an bester Lage am Bahnhofplatz meist gut besucht waren.

Am Donnerstag waren alle drei Filialen – zwei in Baden, eine in Wettingen – zwar noch offen und teilweise voll besetzt; doch die Öfen in den Backstuben blieben kalt. Unklar ist, wann definitiv Schluss sein wird. Laut Angestellten womöglich bereits heute Freitag – je nachdem, wann der Konkurs eröffnet werde. So habe es der Geschäftsführer den Kadermitarbeitern mitgeteilt. «Ich rechne nicht damit, dass ich am Montag noch arbeiten werde», sagte eine Frau hinter der Theke der Hauptfiliale am Bahnhofplatz.

Verhandlungen mit Konditoren

Nach Weihnachten griff «Himmel»-Geschäftsführer Jörg Holstein zum letzten Mittel, um den drohenden Konkurs doch noch abzuwenden: Er führte Gespräche mit zwei bekannten Konditoren aus der Region betreffend eine Übernahme, wie eine Angestellte berichtet und eine weitere gut unterrichtete Person bestätigt.

Die beiden Geschäftsführer wurden mehrmals in «Himmel»-Filialen gesichtet. Doch der Deal kam nicht zustande. Geschäftsführer Holstein war auch am Donnerstag nicht für eine Stellungnahme erreichbar; er ist gemäss mehreren Angestellten seit einigen Tagen krankgeschrieben.

Derweil warten Angestellte auf den Januar-Lohn. Für viele nichts Neues: In den vergangenen Monaten wurden die Saläre diverser Angestellten jeweils erst mit Verspätung überwiesen. Dies berichten insgesamt vier Angestellte, zwei davon per Mail an die Redaktion, die anderen am Telefon beziehungsweise im Vier-Augen-Gespräch.

Der Dezember-Lohn wurde vielen Festangestellten erst in der zweiten Januar-Hälfte ausbezahlt. Einzig die Lehrlinge erhielten die Löhne bis zuletzt pünktlich – dafür leiden sie unter der unklaren Situation betreffend ihre Abschlussprüfungen.

Die «Himmel»-Filiale im Langhaus war gestern fast leer.

Die «Himmel»-Filiale im Langhaus war gestern fast leer.

Daniel Vizentini

Obschon auch sie nicht wissen, wie lange sie noch im «Himmel» arbeiten können, haben sich diverse Angestellte bereits beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet. Dort bestätigt eine Teamleiterin, dass das «Mobile RAV» in Kontakt mit «Himmel»-Angestellten stehe.

Wie reagiert Erbengemeinschaft?

Die Frage, die gestern immer wieder zu hören war: «Wie kann es sein, dass die Finanzen nicht stimmen? Das Café ist immer voll. Oft muss ich sogar auf ein anderes Café ausweichen», sagte ein Gast. Insider vermuten, die beiden kleineren Filialen «Delise» im Langhaus und «Bijou» in Wettingen hätten Probleme bereitet, seien deutlich weniger frequentiert worden als das Hauptgeschäft am Bahnhofplatz 9.

Diese Liegenschaft gehört der Erbengemeinschaft Himmel, der fünf Personen angehören. Gemäss einer davon meldeten sich gestern Donnerstag, nach Bekanntwerden des drohenden Konkurses, bereits Nachfolge-Interessenten – darunter auch Konditorei-Unternehmen aus der Region.

1895 zog der «Himmel» an den heutigen Standort.

1895 zog der «Himmel» an den heutigen Standort.

Alex Spichale

«Wir haben gute Betriebe in der Region, die den ‹Himmel› übernehmen könnten», äusserte eine Besucherin. «Ja kein Kleiderladen» – diese Devise hörte man oft, als sich die Gespräche um die Zukunft der Liegenschaft drehten. «Von denen haben wir in der Innenstadt definitiv genug», sagte ein weiterer Gast.

Ein letzter Lieblingstoast

Einige Besucher kamen extra ins Café, um Abschied zu nehmen. Eine Dame um die 40 sass am Fenster, schaute gedankenverloren in die Ferne. Dass dem «Himmel» die Schliessung drohe, hatte sie am Morgen aus den Medien erfahren.

«Nun will ich hier noch einmal meinen Lieblingstoast essen und eine heisse Schokolade trinken. Es ist die Beste, die es gibt», sagt sie, um dann gleich mit Ernüchterung festzustellen: «Jetzt ist es wohl die letzte.»

«Torte für Samstag? Geht nicht»

Für Generationen von Badenerinnen und Badenern war das Café ein gesellschaftlicher Treffpunkt, gar ein Zuhause. Seit zehn Jahren oder mehr hat sich die Einrichtung oder das Angebot in der Hauptfiliale des «Himmels» kaum verändert. Diese Kontinuität scheinen die vielen Stammgäste zu mögen. «Obwohl das Lokal sehr traditionell ist, sieht es nicht alt aus. Das hat mir immer gefallen», sagt ein weiterer Mann, der sich frisch pensionieren liess.

Seit 40 Jahren sei er immer wieder im «Himmel» anzutreffen. «Wenn ich sehe, was in der Gastrowelt passiert, überrascht mich dieser drohende Konkurs nicht. Heutzutage geht es nur ums Geld.» Mietpreise schnellten überall in die Höhe, jeder wolle das Maximale aus den Betrieben und Arbeitnehmern auspressen. «Diese Geizmentalität zerstört alles. Es ist jammerschade.»

An der Patisserie versuchte eine Kundin, für Samstag eine Torte zu bestellen. «Das geht nicht», sagte die Angestellte, «wir wissen ja nicht, ob es uns dann noch geben wird.»

Historische Bilder von Baden:

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So sah es am Schulhausplatz im Juli 1814 aus. Der Abbruch des «Mellingerturms», des Oberen Tors am Cordulaplatz (damals hiess er noch Paradiesplatz), wurde 1874 wie ein Fest gefeiert. Der Durchbruch sollte Luft und Licht in die Altstadtgassen bringen.
So sah es vor der Bahnverlegung aus: Durch den engen Schlossbergtunnel fuhr seit 1847 die Spanischbrötlibahn nach Zürich. Die Häuser vor dem Cordulaplatz wurden beim Bau des Strassentunnels abgerissen.
Als die Dampflok noch über den Platz fuhr und die Schiebebarrieren von Hand geschlossen wurden: Eine Postkarte von Baden um 1900. Der Gasthof zum Glas (rechts neben der Bahn) brannte 1960 ab, die Reben am Schlossberg wurden zu Bauland. Der Obeliskenbrunnen steht jetzt wieder an seinem Platz.
Der Kurpark in Baden war auch schon 1890 ein lauschiges Plätzchen, das zum Verweilen einlädt.
Baden, die Holzbrücke und der Bergsturzkopf um 1906.
Baden von Süden im Jahr 1913. Im Vordergrund der rauchende Schlot der Firma Merker.
Diese Postkarte zeigt das ehemalige Landvogtei-Schloss um ca. 1915.
Baden mit Lägern 1913: Als der Lägernhang noch völlig unbebaut war.
Das Brauerei-Gasthaus Falken gab der Barriere ihren Namen. Das Hotel musste schon 1957 weichen. Die 1850 erbaute Brauerei wurde erst 2004 durch den Neubau ersetzt, in dem sich heute das Bezirksgericht befindet.
Ein letztes Mal fällt die Falkenbarriere: Die Bahn brachte Wohlstand und Arbeitsplätze nach Baden. Aber auch viele Stunden mühsamen Wartens. Die Erleichterung war deshalb gross, als von 1957 bis 1965 der «neue» Schulhausplatz gebaut wurde.
Verstopfte Weite Gasse im Jahr 1960 mit Velo- und Buskolonnen. Das abgebrannte Restaurant Glas erlaubt die Datierung. Am oberen Bildrand das Schulhaus, das dem Platz seinen Namen gab.
Der Tunnelbogen des alten Bahntunnels steht noch, der Strassentunnel durch den Schlossberg ist schon betoniert. Der Ennetbadener Fotograf Werner Nefflen kam 1962 gerade noch rechtzeitig, um diesen denkwürdigen Augenblick festzuhalten. Rechts montiert ein Arbeiter die Sprengladung.
Als es in der Altstadt noch Handwerker gab: Der Sattler Mühlebach hatte seine Werkstatt in der Weiten Gasse und arbeitete gerne draussen. Hier zusammen mit den Pferden der Brauerei Müller am Schulhausplatz.
Der Bahnwärter hat ausgedient: Im September 1961 wurde die «Bahnverlegung» vollzogen, zumindest von der Eisenbahn war der Schulhausplatz befreit. Sie fuhr ab dann durch den grossen Bahntunnel.
Baden um 1919: im Vordergrund die mittelalterliche Brückenstadt, das moderne Baden liegt links.
Verkehr anno 1961: Im Hintergrund sieht man die alte Cordulapost mit dem Bild des abgebrochenen Mellingerturms. Rechts daneben der legendäre Lebensmittelladen Moneta. Die beiden Häuser wurden 1984 durch die neue «Porta Moneta» ersetzt.
Blick auf das Bahnhofquartier 1919. Der Badener Bahnhof zählt zu den ältesten des Landes. Er wurde 1847 als Endstation der Spanisch-Brötli-Bahn eröffnet.
Blick von oben auf die Hochbrücke und das Kleinkraftwerk Aue zwischen 1918 bis 1937.
Eine Postkarte von 1923, die den Kursaal Baden zeigt.
Eine weitere Postkarte vom Kurpark Baden aus dem Jahr 1926.
Blick in die Halle II des BBC-Gebäudes im Jahr 1926.
Blick auf die Ruine Stein um ca. 1930.
Im Jahr 1930 war der Löwenbrunnen bereits 108 Jahre alt.
Eine Postkarte des Kursaales datiert auf das Jahr 1936.
So sah die Badener Altstadt 1942 aus.
Limmat abwärts von der neuen Hochbrücke im Jahr 1942.
Limmat aufwärts von der neuen Hochbrücke im Jahr 1942.
Die Badener Altstadt 1945. Der Strassenverkehr wurde erst später aus der Altstadt verbannt. In der Badstrasse (links im Bild) entstand 1972 im Zuge des Bahnhofumbaus die erste Fussgängerzone der Schweiz.
Die Badener Altstadt im Jahr 1945, links im Bild die Hochbrücke, die 1926 eröffnet wurde.
Blick auf die Schiefe Brücke 1949, die Baden mit Ennetbaden verbindet. Sie wurde 1874 eröffnet und ist seit 2006 für den motorisierten Individualverkehr gesperrt.
Das 1963/64 erbaute Thermalbad im Jahr 1969.
Hier wurde fast 40 Jahre lang fröhlich geplanscht – gegen Ende des 20. Jahrhunderts gerieten die Bäder in eine Krise.
Baden 1970 von oben aus süd-östlichem Blickwinkel. Im Bild: das Stadtzentrum, der Elektrotechnikkonzern Brown Boveri & Cie. (BBC, später ABB), die Hochbrücke und das Terrassenschwimmbad.
Baden 1980 von Südwesten. Im Bild: das Stadtzentrum, der Schulhausplatz, die Ruine Stein und der Schlossbergtunnel.
Baden 1980 von Osten. Im Bild: Die Altstadt, die Hochbrücke, die Limmat, rechts im Bild der Elektrotechnikkonzern BBC.
Baden 1987 von Westen. Im Bild: die Stadtkirche, das Stadtzentrum und die Kreuzung Schulhausplatz.
Ein Blick in die Mittlere Gasse im Jahr 1988.

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