Marcel Lang

Blitz-Rücktritt von Gemeindepräsident – Spreitenbach steht unter Schock: «Und ich dachte, er rettet uns»

Marcel Lang (r.) mit seinem Partner am Tag seiner Wahl zum Gemeindepräsidenten

Am 17. Mai ganz klar gewählt, nach 22 Tagen bereits wieder zurückgetreten

Marcel Lang (r.) mit seinem Partner am Tag seiner Wahl zum Gemeindepräsidenten

Spreitenbachs Gemeindepräsident Marcel Lang ist mit sofortiger Wirkung zurückgetreten - aus gesundheitlichen Gründen, wie die Gemeinde schreibt. Die Überraschung beim Gemeinderat, den Parteien und der Bevölkerung ist gross, wurde er doch erst vor etwas mehr als drei Wochen in dieses Amt gewählt.

Der Schreck war gross als am Mittwoch die Mitteilung die Runde machte, dass Marcel Lang (45, parteilos) nach nur 22 Tagen im Amt bereits wieder als Gemeindepräsident von Spreitenbach zurücktritt. Viel Hoffnung war in ihn gesetzt worden, wie die Reaktionen in den sozialen Medien zeigen. "Ich dachte, er 'rettet' uns" schreibt eine Einwohnerin unter einen Eintrag in einer Spreitenbacher Facebook-Gruppe.

Auch das klare Abstimmungsresultat am 17. Mai zeigte den Rückhalt, den Lang in der Gemeinde dank seiner Arbeit als Gemeinderat genoss: Er erhielt mit 969 mehr als doppelt so viele Stimmen als sein Konkurrent Markus Mötteli (61, CVP) mit 405 Stimmen. 

Als Gemeinderat, der er seit drei Jahren war, dachten seine Wähler, Marcel Lang wisse, was auf ihn zukommen würde. Doch: "Es gibt einen nicht zu unterschätzenden Unterschied zwischen der Gemeinderatstätigkeit und den Aufgaben eines Gemeindeammanns", sagt Renate Gautschy, Präsidentin der Aargauer Gemeindeammänner-Vereinigung. "Als Gemeinderat weiss man nur ansatzweise, welche Aufgaben das Gemeindeammann-Amt wirklich mit sich bringt."

Und auch wenn sie die Gründe des Rücktritts nicht kenne, sei sie überzeugt, dass sich Marcel Lang mit den Aufgaben auseinandergesetzt und geahnt habe, was auf ihn zukomme. "Er hat das Amt sicherlich mit den allerbesten Absichten angetreten. Doch wie sich das Leben mit so einem Amt dann wirklich gestaltet, das weiss man nicht im Voraus", sagt Gautschy weiter.

Was steckt wirklich dahinter?

In der Mitteilung zitiert die Gemeinde Lang, dass er als Gemeinderat immer mit vollem Elan, Herzblut und Aufrichtigkeit sowie einem hohen Anspruch an eine saubere und gute Umsetzung seiner Aufgaben gearbeitet habe. "Dies wollte ich als Gemeindepräsident in der gleichen Form auch weiterführen. Ich musste leider schmerzlich feststellen, dass diese Umsetzung, welche ich auch als Qualitätsmerkmal von mir verlange, ausserordentlich belastend ist. Mein Rücktritt ist daher als Schutz meiner Gesundheit zu verstehen."

Eine Spreitenbacherin schreibt dazu auf Facebook: "Das kann nicht der Grund sein. Was ist los im Gemeindehaus?!?" Auch die FDP-Ortspartei fragt sich das. "Der sofortige Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen als Gemeindepräsident und Gemeinderat lässt vermuten, dass die immense und vielfältige Last, die als Gemeindepräsident zu schultern ist, zu diesem Schritt geführt hat", schreibt die Partei in einer Mitteilung.

Spreitenbach sei eine prosperierende Gemeinde im boomenden Limmattal. 12 000 Einwohnerinnen und Einwohner, rund 7500 Arbeitsplätze, die sich im Bau befindende Limmattalbahn, grosse Wohnbauprojekte, eine vielfältige Bevölkerungsstruktur und vieles mehr würden die Behörden sowie die Verwaltung stark fordern und belasten. "Der sofortige Rücktritt von Marcel Lang, diverse Abgänge von zum Teil langjährigen Angestellten, Kündigungen von Führungspersonen sind alarmierende Zeichen, die es genauer und tiefer zu hinterfragen gilt." Die Ortspartei fordert eine externe Analyse, um gewohnte Abläufe und Organisationsformen zu hinterfragen.

Bedeutende Rolle für den früheren Konkurrenten

Vom Rücktritt überrascht wurden auch die Gemeinderäte. Diese hatten am Montag die dritte Sitzung in neuer Zusammensetzung. Da war Lang schon nicht mehr dabei: "Wir wurden von Gemeindeschreiber Jürg Müller über den Rücktritt informiert und wissen gleich viel wie in der Gemeindemitteilung kommuniziert wurde", sagt SVP-Ortsparteipräsident Edgar Benz, der am 17. Mai neu in den Gemeinderat gewählt wurde.

"Für uns alle kam der Rücktritt absolut überraschend, wir sind perplex, schon fast konsterniert", sagt Benz. Alles, was Lang bisher gemacht habe, sei gut gewesen und alle im Gemeinderat hätten sich gefreut, in dieser neuen Zusammensetzung die Gemeinde sozusagen neu aufzugleisen. "Marcel Lang ist ein unheimlich angenehmer Mensch mit viel Pfupf und grossem Willen, etwas zu ändern." Der Schritt zum Rücktritt sei ihm sicher nicht leicht gefallen, "aber er wird seine Gründe haben", so Benz.

Vizeammann Markus Mötteli (CVP) weilte am Montag noch in den Ferien und erfuhr einen Tag später von seinen Gemeinderatskollegen vom Rücktritt. «Das hat mich komplett überrascht. Nichts hat in den vergangenen Wochen für mich darauf hingedeutet.» Er habe Marcel Lang in den letzten zwei Jahren als offen und sehr ehrlich erlebt. Darum entspreche die Begründung für den Rücktritt, den Schutz der Gesundheit, sicher der Wahrheit, ist Mötteli überzeugt.

Im Mai waren die beiden Politiker Konkurrenten im Rennen um das Gemeindepräsidium. Auf die Frage, ob er enttäuscht von Lang sei, antwortet Mötteli: «Ich mache mir sicher Gedanken. Enttäuscht bin ich nicht, aber konsterniert.» Als Vizeammann kommt ihm nun eine bedeutende Rolle zu: «Das Gemeindepräsidium in Spreitenbach ist ein Vollzeit-Job. Es geht jetzt darum, die laufenden Geschäfte zu betreuen. Am nächsten Montag an der Gemeinderatssitzung besprechen wir das Vorgehen.»

Marcel Lang ist abgetaucht

Ob er nun erneut als Gemeindepräsident kandidieren werde, wisse er noch nicht, sagt Mötteli. Es wäre das dritte Mal: Bereits 2012 hatte er sich für das Amt beworben, musste aber Valentin Schmid den Vortritt lassen, der bis am 17. Mai die Geschicke des Dorfes geleitet hatte.

Marcel Lang war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Er ist auch digital abgetaucht, seine Website, sein Facebook- und sein Twitterprofil – alles wurde gelöscht.

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