Bezirksgericht Baden
19-Franken-Forderung kommt Angeklagten teuer zu stehen – es ging um ein Ticket, das er bei Ricardo kaufte

Ein 58-Jähriger kaute bei Ricardo ein Ticket. Nach der Absage wegen Corona forderte er die Verkäuferin zur Rückzahlung auf – wegen der Umstände musste er vor Gericht antraben.

Rosmarie Mehlin
Merken
Drucken
Teilen
Das Bezirksgericht in Baden: Manchmal werden hier auch geringe Forderungen verhandelt.

Das Bezirksgericht in Baden: Manchmal werden hier auch geringe Forderungen verhandelt.

Chris Iseli

Eine Karte für das Konzert der amerikanischen Elektropop-Sängerin Halsey am 2. März 2020 in der Samsung-Hall Zürich kostete 80 Franken. Der 58-jährige Uwe (Namen geändert) hatte Glück: Bei Ricardo ergatterte er Ende Februar von einer Lea aus dem Kanton Bern die Karte für 18 Franken.

Pech allerdings, dass das Konzert bald wegen Corona abgesagt wurde, worauf Uwe Lea per Mail aufforderte, ihm die 19 Franken (samt Porto) zurückzuerstatten. Er tat dies mehrfach und mit teilweise unmissverständlichen Warnungen, etwa mit den Worten, dass er ihr sonst «grosse Probleme bereiten könne» und «dass zur Not die Polizei kommen und alles Weitere klären» werde.

Lea, darüber sehr erschrocken, überwies das Geld an Uwe. Die Polizei ihrerseits schickte ihm einen Strafbefehl mit 300 Franken Busse plus 800 Franken Gebühr wegen Nötigung. Das allerdings passte dem auf einem medizinisch-technischen Fachgebiet ausgebildeten Deutschen keineswegs. Seine Antwort auf die Frage von Einzelrichterin Angela Eckert, warum er eine Einsprache gemacht habe, war kurz und bündig:

«Weil der Strafbefehl gegenstandslos ist. Weitere Aussagen werde ich nicht machen.»

Solche machte Uwe dann selektiv doch. Angaben zu seinen Miet- und Krankenkassenkosten verweigerte er, berichtete aber, dass er seit der Jahrhundertwende in Baden lebe. «Mir liegt viel an Baden – trotz dieser Vorstösse von rechts und das mit Geri Müller, sie wissen, ‹Gerigate›.» Gegenwärtig sei er erwerbslos. «Ich nehme aber keine Gelder vom Sozialstaat, sondern lebe von meinem Ersparten.»

Zum Grund der Einsprache äussert er sich doch noch Geldprobleme habe er nicht, «jedenfalls jetzt noch nicht», und Vorwürfe habe er sich keine zu machen. Er sagte:

«Ich habe mir überhaupt nichts zu Schulden kommen lassen, habe nie Kontakt zu einer Lea gehabt.»

Er gehe aber davon aus, dass es ein Mensch aus Fleisch und Blut sei, «dem ich aber weder beruflich noch privat je E-Mails geschickt habe».

Daraufhin las die Richterin ihm eine E-Mail-Adresse vor, die ganz klar seinen Vor- und Nachnamen enthält. «Dazu sage ich nichts.» Im Verlauf der Befragung äusserte sich Uwe – hager, mit schütterem Haar, Jeans, kragenlosem Hemd und Gilet – doch noch zum Grund für die Einsprache: «Wenn man mit meinem Beruf vorbestraft ist, kann das existenziell bedrohlich sein.» Er wisse nicht, weshalb man ihm so an den Karren fahre. «Ich bin unbescholten – national und international.»

Richterin Eckert sprach den 58-Jährigen schuldig. «Wir sehen die vorgeworfene Nötigung als erstellt, sind in Unterlagen Ihre Adresse und mehrere Mails mit klaren Androhungen hinterlegt.» Uwe wird gemäss Antrag des Staatsanwaltes mit 900 Franken Geldstrafe bedingt und 300 Franken Busse bestraft. Dazu muss er die Verfahrenskosten übernehmen.

Etwas kleinlaut erkundigt sich Uwe, ob er dafür finanzielle Unterstützung beantragen könne, «allmählich geht mein Vermögen zur Neige». Im selben Atemzug kündigte der 58-Jährige an, dass er das begründete Urteil haben und es weiterziehen wolle. «Es ist wichtig, dass das Ganze ordentlich geklärt wird.»