Gastbeitrag

Amerikanerin porträtiert Fislisbach – «a small town in Switzerland»

Die «Town hall», das Gemeindehaus, wird im Video als imposantes Gebäude gewürdigt.

Die «Town hall», das Gemeindehaus, wird im Video als imposantes Gebäude gewürdigt.

Auf Youtube ist ein gefälliges kleines Filmporträt einer Amerikanerin asiatischer Abstammung anzuklicken: «Fislisbach – a small town in Switzerland».

Die Fremdwahrnehmung einer durchschnittlichen Ortschaft des schweizerischen Mittellandes.

Youtube-Video Fislisbach

Zunächst präsentiert sich Fislisbach als Wohn- und Schlafdorf mit wenig charaktervoll strukturierten Einfamilienhäusern ab Waldrand. Dann zeigt die Kamera das stark befahrene Strassendorf mit «2 gas stations, 3 groceries, kiosks, Cafés», wird die Gaststätte zum Rössli vorgestellt als «italian restaurant». Es fehlt freilich die für Touristen noch attraktive «Linde».

Der Name steht für einen einstigen dörflichen Gerichtsplatz. Die Video- Touristin zeigt schliesslich «Appartments», «very expensive», wie sie betont, die sich wie Legebatterien aufeinander- und aneinanderreihen. Die «Town hall» (Gemeindehaus) wird als imposantes Gebäude gewürdigt, und es fehlt nicht der Hinweis auf die nahe Industrie- und Kulturstadt Baden.

Eines der schönsten Heimatporträts überhaupt

Einheimische getraute sie sich nicht anzusprechen, zum Beispiel den örtlichen Dorfchronisten und Autor August Guido Holstein. Von diesem wurden noch vor der Jahrtausendwende die «Geschichten vom Boll» veröffentlicht: eines der schönsten Heimatporträts nicht nur für Fislisbach. Auch die ganze Region mit den Nachbardörfern Rohrdorf, Mellingen, Rütihof, Birmenstorf (wo der heilige Bernhard von Clairvaux einst predigte) würde einiges zum Entdecken bieten.

Das liebevoll gemeinte Video steht für den Eindruck, den meine amerikanische Germanisten-Kollegin Dewey Kramer aus Decatur/Georgia vermittelt bekam, als ich vor gut 35 Jahren mit ihr und ihrem Mann per Automobil an einem Montag von Zürich auf die Habsburg fuhr, wo damals gerade Wirtesonntag herrschte; noch besuchbar war immerhin die Klosterkirche Königsfelden: das unvergleichliche mittelalterliche Juwel im alten Aargäu.

«Fislisbach – a small town in Argovia, Switzerland». Seit ich in der dortigen Nähe mit meiner jungen Familie lebte (Niederrohrdorf 1971–1973), wurde weiterhin fleissig dem Motto nachgelebt: «Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder», wie der Titel einer nicht mal satirischen begleitenden Bilderserie von Jörg Müller aus den Siebzigerjahren lautet.

«Very expensive» hat wenig mit Fislisbach zu tun

Dabei macht Fislisbach noch immer einen ordentlichen und aufgeräumten Eindruck. Ich erinnere mich gern an die Zeit, als mein Kollege aus dem Aargauer Verfassungsrat, Beat Peterhans (CVP), dort Vizeammann war und gewiss mit Umsicht das Seine dazu beitrug, aus Fislisbach, wie man damals sagte, eine «aufstrebende Gemeinde» zu machen.

Das von der Amerikanerin gefilmte Resultat scheint kaum vom Ehrgeiz geprägt, eine der 12 000 speziell besuchenswerten Örtlichkeiten Europas als Porträt darzubieten. Das «very expensive» der Wohnlage hat leider wenig mit Fislisbach zu tun. Eher schon mit dem nahen Autobahnanschluss, der ohne Stau das Portal von Zürich in weniger als 20 Minuten erreichbar macht. Basel und Bern ebenfalls in einer guten Stunde, und über den öffentlichen Verkehr kann Fislisbach als quasi Vorstadt von Baden ebenfalls in komfortablem Rhythmus erreicht werden.

Aber sonst? Ich habe Mühe zu artikulieren, was dem nicht gerade von Liebe affizierten Durchschnittszuschauer beim Betrachten des Films (zwischendurch erhält die Kamerafrau einen Anruf von ihrem «husband») als Urteil entschlüpfen könnte: Welch ein Kaff! Der graue Durchschnitt des Aargauer Mittellandes? Ein Land auf dem Weg zur Zehnmillionenschweiz, was, wie man hört, hauptsächlich ein Problem vernünftiger Planung sei.

Fislisbach ist für mich mehr als nur ein Strassendorf. Hier fand zum Beispiel unter Pfarrer Urban Wyss, einem Freund Zwinglis und Zeitgenossen von Paracelsus, die Reformation auf dramatische Weise statt. Nach Bilderstürmen, auch im historisch berüchtigten benachbarten Bauern- und Kulturkampfdorf Wohlenschwil, mussten die Religionsänderungen auf Geheiss der bei Kappel (1531) siegreichen katholischen Orte wieder rückgängig gemacht werden. Der inhaftierte Pfarrer wurde gezwungen, seiner Überzeugung abzuschwören. Das Verfassungsjahr 1848 war für Fislisbach kein Zuckerschlecken. Es war das Jahr des grossen Dorfbrandes, welcher via Wiederaufbau dann das Strassendorf mitprägte.

Als der Pfarrer Wohnsitz im Wohnblock nahm

In Fislisbach besuchte ich vor Jahrzehnten auch noch regelmässig den Gottesdienst. Etwas sauer stiess es mir damals auf, als aus Anlass des Pfarrhausumbaus im Pfarrblatt sinngemäss zu lesen war: «Herr Pfarrer NN. nahm es auf sich, in der Zeit des Umbaus in einem Wohnblock Wohnsitz zu nehmen.» Die Mehrheit der Einwohner von Fislisbach lebte schon damals nicht in Einfamilienhäusern und Bauernhäusern, von denen einige als klar nicht mehr im Betrieb stehend im Film der Amerikanerin noch grau in grau aufscheinen.

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