Montagsporträt

Als Ausgleich zum vielen Weiss: Der knipsende Maler aus Fislisbach

Das «Weisse-Wände-Malen» ist sein Beruf, das Fotografieren seine Berufung. Sobald der 42-jährige Fislisbacher Manfred Stutz in den Pick-up steigt, in die Natur fährt und die Kamera zückt, taucht er in eine andere Welt ab.

Für die einen ist die Nacht zum Schlafen da, für die anderen nicht. Manfred Stutz aus Fislisbach gehört zu den Letzteren. So kommt es nicht selten vor, dass er mitten in der Nacht in seinen Pick-up steigt, nach Linn fährt und auf den Linnerberg marschiert. Ist er einmal oben angekommen, zückt er die Fotokamera und setzt sich hin. Dann richtet er seinen Blick in die Ferne – und wartet. Wartet auf einen einzigartigen Moment der Morgendämmerung.

«Das ist das, was mich am Fotografieren fasziniert», sagt Manfred Stutz. Wann erscheint die Sonne am Horizont? Legt sich der Nebel um die Berge? Kreuzt vielleicht auch ein Fuchs den Weg? Fragen, die den 42-Jährigen immer wieder motivieren, nachts aufzustehen, in die Natur zu fahren und zu versuchen, das Unvorhergesehene mit der Linse einzufangen.

Es sei schon fast wie eine Sucht, beschreibt er das Fotografieren. Vor allem aber helfe es ihm, sich vom Alltag zu erholen. «Als Ausgleich zum Weisse-Wände-Malen», sagt er mit einem Lachen. Denn hält er die Kamera für einmal nicht in der Hand, dann ist es ein Pinsel: Manfred Stutz ist gelernter Maler und betreibt sein eigenes Geschäft. Die Bedingungen dafür seien ähnlich wie beim Fotografieren: «Ich muss wissen, wie ich eine Wohnung streichen muss, damit sie schön wirkt.» Dieses geschulte Auge setzt er auch für Aufnahmen in der freien Natur ein.

Kleine Kamera genügte nicht mehr

Das Bedürfnis, nicht nur beim Malen die Kreativität auszuleben, kam im Jahr 2007 auf. Gemeinsam mit seiner Frau Marion Fischer reist er zum ersten Mal nach Afrika. Mit im Gepäck: eine kleine Kamera. Fasziniert von den Tieren und der Natur knipst er unzählige Fotos. «Einmal zurück, wusste ich, dass ich mehr aus den Aufnahmen machen will», sagt er. In der Folge besucht er verschiedene Kurse, liest sich durch Fachzeitschriften und kauft sich eine professionelle Kamera. Heute besitzt er zwei Kameras sowie sechs Objektive. «Mit der Zeit wurde das Hobby zwar immer teurer, doch die Investition hat sich gelohnt», so Manfred Stutz.

Dass er diese Worte nicht nur zum Schönreden benutzt, zeigt sich im Gespräch. Seine Augen leuchten, wenn er von seinen Foto-Touren spricht. So auch, als er die Nacht des Blutmonds erwähnt: Exakt vor einer Woche war es, als sich die totale Mondfinsternis abspielte. In Begleitung eines Kollegen, ebenfalls Hobbyfotograf, zog er um zwei Uhr in der Nacht los – nach Melchsee-Frutt. «Ich wusste, an welchen Plätzchen wir freie Sicht auf den Mond haben würden», erklärt Stutz den Grund, warum sie bis in den Kanton Obwalden gefahren sind. Rund eineinhalb Stunden beobachteten sie das Geschehen am Nachthimmel. «Den Sonnenaufgang habe ich danach auch noch fotografiert», sagt er. Wenige Stunden später hielt er bereits einen Pinsel in der Hand.

«Die Selbstständigkeit erlaubt es mir, ab und an solche Abenteuer zu unternehmen», so der Maler. Zwischen ein bis dreimal pro Woche steht Manfred Stutz mitten in der Nacht auf, um sich auf die Suche nach einem Foto mit einem aussergewöhnlichen Licht zu machen. «Im Herbst und im Winter stehe ich aber etwas später auf», fügt er an. Dies, weil die Sonne später aufgeht. Ob er dann auch wirklich in seinen Pick-up steigt, entscheidet sich jeweils am Vorabend: Bleibt der Regen aus, so legt er die Ausrüstung parat.

Zurzeit widmet er sich seinem Fotoprojekt «Aargauer Hügel». Ob Baldegg, Bözberg oder Cheisacher: Stutz erklimmt die Aargauer Hügel, um dann die Morgendämmerung festzuhalten. Damit dies gelingt, macht er sich zuvor auf die Suche nach dem perfekten Ort. Erst, wenn er diesen gefunden hat, kehrt er kurz darauf mit der Foto-Ausrüstung auf den Hügel zurück. Die Erkundungstouren unternimmt er am Wochenende, die Aufnahmen schiesst er unter der Woche. «So habe ich die Landschaft für mich alleine.» Nur selten wird er von seiner Frau Marion bei den Fototouren begleitet. «Sie verbringt die Zeit lieber auf dem Pferd. Die Fotos schaut sie sich dann in aller Ruhe zu Hause auf dem Computer an», sagt er.

In eine andere Welt abtauchen

Obwohl er längst nicht auf allen Hügeln war, hat er bereits ein Lieblingsplätzchen gefunden: Die Wasserflue. «Es gibt kaum einen schöneren Ort, um den Sonnenaufgang festzuhalten», so Stutz. Wenn dann auch noch Aarau in der Ferne leuchtet, der Morgenverkehr zu sehen, das Rascheln der Blätter und das Pfeifen der Vögel zu hören ist, dann ist es, «als wäre ich in eine andere Welt abgetaucht», fügt Manfred Stutz an.

Bis zum Wintereinbruch will er sein Aargauer-Hügel-Projekt voranbringen, danach werden vermehrt Tiere im Fokus stehen. «Es ist schwierig, sie hierzulande vor die Linse zu bekommen», erklärt er. Ganz im Gegensatz zu Afrika, wo sie sich auch mal zu Hunderten an Wasserlöchern aufhalten würden. Der Winter sei ideal, um Dachse, Rehe und andere Wildtiere abzulichten. Dies, weil sie dank den Spuren im Schnee einfacher als sonst zu finden seien. Die Erkundungs- und Fototour auf den Aargauer Hügeln wird er im neuen Jahr fortsetzen. Bereits jetzt hat er sich Gedanken gemacht: «Die Lägern werde ich als Nächstes in Angriff nehmen», sagt er.

Eine Frage bleibt: Was macht Manfred Stutz mit den vielen Fotos? «Computer und Festplatten füllen», sagt er und lacht. Die Aufnahmen seien für den privaten Gebrauch bestimmt. Vielleicht werde er später einmal ein Buch herausgeben oder eine Foto-Ausstellung organisieren. «Aber erst, wenn ich alle Aargauer Hügel entdeckt habe.»

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