Region Baden
11 Prozent mehr Todesfälle als im Vorjahr – aber eine Gemeinde kommt auffällig gut durch die Coronakrise

Die Pandemie hat im Bezirk Baden ihre Spuren hinterlassen: Das zeigen die Zahlen der einzelnen Gemeinden, die der AZ vorliegen. Eine Ortschaft jedoch verzeichnet weniger Todesfälle – das lässt sich nicht nur mit Glück erklären, ist der Gemeinderat überzeugt.

Pirmin Kramer
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«Das gab es noch nie», sagt Albert Conrad, Leiter des Zivilstandkreises Baden. Er führt die Bevölkerungsstatistik zu neun Gemeinden in und um Baden. Letzten Monat, im Dezember 2020, starben 126 Menschen. «Das ist die mit Abstand höchste Anzahl Todesfälle innerhalb eines Monats seit Start meiner Aufzeichnungen im Jahr 2005.» Zum Vergleich: Im Dezember des Vorjahres starben nicht einmal halb so viele Menschen.

Das «Badener Tagblatt» hat bei allen Gemeinden im Bezirk Baden nachgefragt: Wie viele Menschen sind 2020 gestorben, wie viele im Jahr zuvor? Das Resultat: Die Zahl der Todesfälle im Bezirk ist um 10,9 Prozent angestiegen. François Höpflinger, Professor für Soziologie und Demografie an der Universität Zürich, sagt:

Es handelt sich um einen sehr starken Anstieg, der eindeutig auf die Coronapandemie zurückzuführen ist.

Auffällig: In 19 der 26 Gemeinden des Bezirks Baden sind mehr Menschen gestorben als im Vorjahr. Mancherorts hat sich die Zahl der Todesfälle fast verdoppelt, so in Bergdietikon oder in Stetten. Bei den Gemeinden, in denen die Zahl gesunken ist, fallen zwei Ortschaften auf: Zum einen Freienwil mit einem Minus von 50 Prozent – doch dieser Wert ist wenig aussagekräftig, weil es sich um die kleinste Gemeinde im Bezirk handelt.

Würenlos: Viele Menschen über 65 – aber wenige Todesfälle

Spannend ist der Blick auf Würenlos: Die Ortschaft, in der über 6500 Menschen leben, verzeichnet einen Rückgang der Todeszahlen um 15 Prozent. Und dies, obschon gemäss Statistik Aargau im Vergleich zu den anderen Gemeinden im Bezirk Baden überdurchschnittlich viele Menschen über 65 im Dorf wohnen. Wie lässt sich die tiefe Anzahl Todesfälle erklären? «Wir haben sicher Glück gehabt, das ist die einzige Aussage, die ich punkto Todeszahlen mit Sicherheit machen kann», so Lukas Wopmann (BDP), Gemeinderat und Vorsteher des Ressorts Gesundheit. Zufall und Glück allein reichten als Erklärung aber wohl nicht aus, ergänzt er. Würenlos sei eine Gemeinde mit hoher Wohneigentumsquote, ein typisches Einfamilienhausdorf.

Das führt dazu, dass viele Menschen in unserem Dorf die Abstandsregeln gut einhalten können.

Gemeindeammann Anton Möckel (parteilos) ist ebenfalls davon überzeugt, dass die Siedlungsstruktur einen Einfluss haben könnte. «In unserer Gemeinde herrscht sicher kein Dichtestress. Man kann sich zurückziehen, wenn man möchte.»

Würenlos: Ein typisches Einfamilienhausdorf, wo man die Abstandsregeln einhalten kann.

Würenlos: Ein typisches Einfamilienhausdorf, wo man die Abstandsregeln einhalten kann.

Dieter Minder (2018

Die Aussagen der beiden Politiker passen zur Untersuchung, die für die Stadt Basel zum Schluss kam: Das Virus verbreitet sich dort in wohlhabenderen Quartieren langsamer als in der dicht besiedelten Kernstadt. Würenlos, das zeigt der Blick in die Statistik, zählt innerhalb des Bezirk Badens zu den wohlhabenderen Gemeinden: Das durchschnittliche Reinvermögen der Steuerpflichtigen ist nur in einer Handvoll Gemeinden höher.

Solidarität und Disziplin als weitere Faktoren

Darüber hinaus habe Würenlos gewiss auch davon profitiert, dass die Solidarität in der Krise gross gewesen sei, sagt Anton Möckel. «So gab es privat organisierte Nachbarschaftshilfe: Man unterstützte sich, kaufte füreinander ein.» Und er habe den Eindruck, dass Würenloserinnen und Würenloser im Allgemeinen gesundheitsbewusste Menschen seien. «Ich sehe immer wieder viele Menschen spazieren, mit Abstand selbstverständlich. Und in normalen Zeiten haben wir ein ausgeprägtes Vereinsleben, viele Menschen treiben Sport.» Nicht zuletzt, so Möckel, sei die Bevölkerung im Dorf bisher sehr diszipliniert gewesen, was die Einhaltung der Regeln des Bundesamtes für Gesundheit anbetrifft.

Zurück zur Zunahme der Todesfälle um 10,9 Prozent: «Normalerweise sinkt die Sterblichkeit schweizweit um 1 bis 2 Prozent pro Jahr wegen der Fortschritte der Medizin», erklärt Demografieproesseor François Höpflinger. Insbesondere Verbesserungen bei der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen führe zu einem Rückgang. Dass die Sterblichkeitsziffer wie 2020 um mehrere Prozente gegenüber dem Vorjahr ansteigt, sei zwar eine Seltenheit, aber in vergangenen Jahren auch schon zu beobachten gewesen, so wenn es zu starken Grippewellen kam. «Das Besondere an der Coronapandemie aber ist, dass die Sterblichkeit in einzelnen Monaten sehr hoch ist.» So wie nun in der Region Baden im Dezember.