Killwangen

100 Jahre alt: Einer der ersten Penizillin-Patienten der Schweiz ist ein Aargauer und feiert Geburtstag

Am Donnerstag vor 100 Jahren wurde Bernhard Scherer in Killwangen geboren. Bei einem Arbeitsunfall hätte er fast seinen linken Arm verloren, doch das erste Antibiotikum der Schweiz hat ihn gerettet.

Am 12. Dezember 1919 kam Bernhard Scherer in seinem Elternhaus in Killwangen zur Welt – als fünftes von 13 Kindern. 100 Jahre später feiert er heute Donnerstag einen runden Geburtstag, den nicht viele noch erleben dürfen. Und deshalb wird dieser auch standesgemäss begangen, in der Killwangener Turnhalle, mit fast 100 Personen, die sich zu seiner «kleinen Geburtstagsfeier», wie es auf der Einladung heisst, angemeldet haben.

Auch er ist – wen wundert’s – über die Jahre nicht von Altersgebrechen verschont geblieben. Als das BT ihn bei sich zu Hause besucht, geht es ihm nicht so gut wie einen Tag zuvor: «Er hört seit heute Morgen fast nichts mehr», erzählt Frau Abbt, die Betreuerin von der Spitex, eine von vier Frauen, die jeden Morgen für vier Stunden bei Scherer nach dem Rechten schauen: «Den Rest des Tages verbringt er aber für sich, wenn er nicht gerade Besuch hat, und am Abend kocht er auch noch für sich selbst. Also er bereitet das zu, was wir für ihn vorbereiten», erzählt Frau Abbt.

Dass er genau jetzt in der Woche seiner grossen kleinen Geburtstagsfeier nicht so fit ist, bedauert sie sehr. Sie hofft aber, dass er bis Donnerstag wieder so weit hergestellt ist, dass er die Feier auch geniessen kann. Seine Heiterkeit hat er auf jeden Fall nicht verloren: «Ich habe schliesslich nur mein Gehör verloren und nicht meinen Humor», sagt er lachend.

Als ihn Journalistin, Fotografin und deren Assistent in seinem Haus begrüssen, sagt Scherer zu Frau Abbt: «Du lahsch au alli ie!» Und so wird es in der nächsten Stunde auch bleiben: Gelächter füllt den Raum immer und immer wieder. Sprüche gehören zu Bernhard Scherers Spezialität. Er kann aber auch ernst, und erzählt der Journalistin nun einfach, was er glaubt, will sie hören.

«Meine Finger sind nur noch so von der Hand gebaumelt»

Speziell an Scherer ist nicht nur, dass er – obwohl nun 100 Jahre alt – noch immer im eigenen Haus wohnt, sondern dass er auch einer der ersten Schweizer gewesen ist, der Penizillin, das erste Antibiotikum, erhalten hat.

1947 hatte ihm ein schwerer Unfall fast den linken Arm gekostet. Der gelernte Wagen- und Hufschmied hatte sich in dieser Zeit zum Bauschlosser umschulen lassen, in weiser Vorahnung, dass sein erlernter Beruf wohl irgendwann verschwinden würde. «Auf der Baustelle ist ein anderer auf das Gerüst gesprungen, auf dem ich stand», erklärt Scherer, worauf er drei Meter vom Gerüst gefallen sei.

Dabei sei sein Arm bei einem Gerüstträger eingehängt und zwei Muskelstränge ganz durchtrennt worden. Beim Unfall war zudem Bleifarbe, ein Gift, in seinen Arm gelangt. «Danach wollte man mir gleich den ganzen Arm abnehmen», erinnert er sich, «doch da war ein junger Oberarzt, der, bevor es so weit kommen würde, erst noch Penizillin versuchen wollte, um zu schauen, ob das eine Verbesserung bringt.»

Und tatsächlich, es wirkte. Zehn Tage lang, alle vier Stunden, Tag und Nacht, musste ihm das Antibiotikum gespritzt werden: «Das hat mir das Leben und den Arm gerettet», sagt Scherer. Trotzdem waren die nachfolgenden zwei Jahre nicht ganz einfach, an Arbeiten war nicht zu denken. «Es hat sicher ein Jahr gedauert, bis wieder Leben in meinen Arm kehrte», sagt er und hebt seinen linken Arm.

Die Finger seien nur so von der Hand «gebaumelt». Dreimal musste er dafür operiert werden. Dem Oberarzt des Kantonsspitals Winterthur sei es aber gelungen, 40 Prozent der Nervenstränge wieder herzustellen. «Als ich dann zuerst den Daumen wieder bewegen konnte, war das eine Riesenerleichterung», erzählt er.

Sein 95-jähriger Bruder besucht in jede Woche einmal zu Fuss

Trotzdem musste er sich danach schon wieder eine neue Aufgabe suchen. Die Suva hatte ihn finanziell unterstützt, auch noch als er eine Umschulung in Angriff nahm. Doch irgendwann stellte der Unfallversicherer die Zahlungen ein und erklärte Scherer, er müsse sich nun innerhalb einer Woche einen Job suchen. Er erhielt bei der Patria (heutige Helvetia Versicherung) die Chance, von Tür zu Tür die Versicherungsprämien einzukassieren.

«Ich habe unglückliche berufliche Zwischenfälle gehabt, aber bin jedes Mal wieder gestärkt daraus herausgekommen», so Scherer. Er habe sozusagen zweimal von Null beginnen müssen. Damit meint er einerseits den Unfall, andererseits aber auch, dass er in eine Bauernfamilie geboren worden war, die nicht auf Rosen gebettet war.

Von seinen zwölf Geschwistern leben noch fünf, zwei davon im Ausland. Die 96-jährige Anny in England, der 89-jährige Leo in Frankreich. Nur er kann zum Geburtstagsfest seines Bruders anreisen. Teilnehmen wird auch der Bruder, der ihm am nächsten steht, der bald 95-jährige Martin, der in Neuenhof lebt und fast jede Woche von Neuenhof nach Killwangen spaziert, um Scherer zu besuchen.

Wer nicht mehr dabei sein kann, ist seine Frau Hilda, die er 1950 geheiratet hatte, und die 2015 nach 65 Ehejahren starb. Scherer hatte sie bis zu ihrem Tod gepflegt. Mit ihr hat er fünf Kinder, zu denen er eine sehr gute Beziehung hat: «Sie besuchen mich oft und stehen zu mir. Meine Familie hat das, was ich für sie getan habe, immer sehr geschätzt», ist er sicher.

Inzwischen hat er auch acht Enkel und vier Urenkel. Rückblickend kann er es nicht genug oft sagen: «Ich habe nicht alles richtig, aber ganz viel gut gemacht», bekräftigt er im Gespräch mehrmals. Und sein Rezept für ein langes Leben? «Schaffen ist gesund, aber auch viel frische Luft und Reisen.» Dem hat er in der Pension ausgiebig gefrönt, um geistig fit zu bleiben. Noch dieses Jahr war er an Pfingsten mit seinen Kindern im Tessin.

Und nun also das grosse Fest in der Mehrzweckhalle in Killwangen, keine Reise zwar, aber genauso ein Abenteuer. Scherer freut sich darauf und wünscht sich sehr, dass er die vier Stunden wirklich auch geniessen kann.

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