Kunst
Zwischen Blumen und Panzern: Eines der schönsten Schweizer Bücher stammt von der Aarauer Künstlerin Denise Bertschi

Jedes Jahr werden die schönsten Schweizer Bücher gekürt. Die Künstlerin Denise Bertschi wird nun schon zum zweiten Mal ausgezeichnet.

Anna Raymann
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Denise Bertschi steht schon zum zweiten Mal hinter einem der schönsten Schweizer Bücher.

Denise Bertschi steht schon zum zweiten Mal hinter einem der schönsten Schweizer Bücher.

Colin Frei

In allen Farben kommen sie daher, die 23 schönsten Schweizer Bücher. Jedes Jahr stöbert eine Jury des Bundesamtes für Kultur (BAK) in aktuellen Publikationen auf der Suche nach dem Besonderen. Gefunden hat sie es diesmal auch im Künstlerbuch von Denise Bertschi – und das nicht zum ersten Mal. Bereits 2018 hat die Aarauer Künstlerin ein Buch veröffentlicht, das zu den schönsten zählte.

Dabei macht es sich Bertschi nicht leicht. Die Themen, die sie auf das Papier bringt, sind mitunter schwer verdaulich. Angefangen hat das aktuelle, das ausgezeichnete Projekt 2013 mit einer Studienreise an die demilitarisierte Grenze zwischen Nord- und Südkorea.

Im Buch «State Fiction» geht es auch um den Blick, wie gelenkt und gesteuert wird.

Im Buch «State Fiction» geht es auch um den Blick, wie gelenkt und gesteuert wird.

Nask Genève / Fabien Scotti

Seither beschäftigt sich die Künstlerin mit der Schweizer Neutralität, mit ihrem Mythos und ihren Ausprägungen. Das Buch trägt den Titel «State Fiction» – Denise Bertschi erklärt: «Mich beschäftigt die Frage, was einen Staat überhaupt definiert. Und welche Rolle dabei Erzählungen oder eben Bilder, die man selbst kreiert, spielen. In Korea hat die Schweiz nach dem 2. Weltkrieg eine für sie selbst wichtige Rolle übernommen. Es gab ihr die Gelegenheit, sich nach den zum Teil schwierigen Positionen zum Nazi-Regime, mit ihrer Neutralität auf dem Weltparkett neu auszurichten.» Aus einer umfassenden Recherche entstand eine Ausstellung, die letztes Jahr im Centre culturel suisse in Paris zu sehen war und eben die gut 350 Seiten dicke Publikation.

Das Bildmaterial kommt aus dem Archiv Bibliothek am Guisanplatz in Bern.

Das Bildmaterial kommt aus dem Archiv Bibliothek am Guisanplatz in Bern.

Nask Genève / Fabien Scotti

Ausgangspunkt für beides war ein dichter Fundus an Fotografien und Video-Aufnahmen von Schweizer Soldaten, die zwischen 1953 und 1980 an der demilitarisierten Zone in Korea positioniert waren. Denise Bertschi:

«Die Schweizer Militärs waren sehr aktive Fotografen.»

Die Aufnahmen sind heute in der Bibliothek am Guisanplatz in Bern archiviert. Denise Bertschi hat sie für das Buch gesichtet, editiert und gemeinsam mit der Grafikerin Nadja Zimmermann neu angeordnet.

Schweizer Fahne an der koreanischen Grenze

Wie flicht man aber aus Archivbildern und komplexen historischen Grundlagen ein Buch, das man gerne in die Finger nimmt?

«Ein Buch hat oft etwas Filmisches», sagt Bertschi, «man hat einen Anfang, von wo aus wie auf einer Zeitleiste die Geschichte mit Höhepunkten und Überraschungsmomenten aufgeführt wird.» Wenn man «State Fiction» durchblättert, erkennt man rasch, was sie meint. Die Bilder folgen einander temporeich, verdichten sich zu eigenständigen Szenen: der Badeausflug an den See, das Hissen der Schweizer Fahne, der Besuch in einem entlegenen Dorf, die Bewohner offenbar mit Zigaretten und Schokolade vor die Linse gelockt. Die Sorgfalt, mit der die Soldaten ihr pittoreskes «little Switzerland» mitten im Kalten Krieg an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea aufgebaut haben, wirkt bisweilen kurios.

Die Schweizer Soldaten haben sich im «Swiss Camp» eine kleine Schweiz aufgebaut.

Die Schweizer Soldaten haben sich im «Swiss Camp» eine kleine Schweiz aufgebaut.

Nask Genève / Fabien Scotti

«Mich interessieren Geschichten, die an Nebenschauplätzen stattfinden. Aber egal ob ich in Korea oder Südafrika recherchiere, geht es mir stets um die historischen und politischen Beziehungen zur Schweiz», so Bertschi. Für ihre Ausstellung zum Manor Kunstpreis klopfte sie die Verbindungen der Aarauer Schoggifabrik Frey mit Brasilien und seiner Kolonialgeschichte ab. Bei jedem Projekt hatte Bertschi die Möglichkeit, dort zu recherchieren, wo die Geschichten stattgefunden haben. So löst sie sich von der reinen Aktenstudie:

«Es ist mir wichtig, vor Ort arbeiten zu können und dort lokale Archive zu nutzen. Dabei verstehe ich Archive im weitesten Sinne: Für mich kann eine Landschaft ein Archiv sein, ein Mensch, der seine Erinnerungen teilt…»

Die entscheidende Frage ist aber noch offen: Was ist ein schönes Buch? Wer gleich zweimal ausgezeichnet wurde, muss es wissen: «Ein schönes Buch ist für mich ein Buch, das überrascht», sagt Denise Bertschi. In «State Fiction» gelingt ihr dieser Effekt mit unerwarteten Gegenüberstellungen. Alle paar Seiten unterbrechen grossformatige Naturaufnahmen den Bilderfluss: «Es hat mich erstaunt, dass all diese Militär-Männer von Fauna und Flora derart fasziniert waren. Da trifft das militärische Bild – ein Panzer, der den Tennisplatz des ‹Swiss Camps› ebnet – auf diese ästhetischen, fast femininen Blumenbilder.»

Denise Bertschi. State Fiction. The Gaze of the Swiss Neutral Mission in the Korean Demilitarized Zone. Editions Centre de la photographie Genève, S. 348
Ausstellung «Die schönsten Schweizer Bücher»: 23.6.– 26.6. Helmhaus Zürich