Wenn man Willy Wenger einen politischen Spätzünder nennt, ist das sicher nicht verkehrt. Von einem Amt in der Schulpflege abgesehen, fing er erst 2015 so richtig an. Frisch pensioniert, wurde er in den Gemeinderat Biberstein gewählt. Als der langjährige Ammann Peter Frei 2017 seinen Rücktritt bekannt gab, war man sich im Dorf schon vor dem Urnengang einig, dass Wenger der richtige Nachfolger sei.

Dass er nun, mit 62 Jahren, sogar noch für den Nationalrat kandidiert, hätte Willy Wenger selber nicht gedacht. Ebenso wenig, wie er als junger Fussballer beim FC Küttigen damit gerechnet hätte, mal Ammann beim Erzrivalen Biberstein zu werden. «Als die Anfrage für die Nationalratskandidatur kam, war ich so überrascht, dass ich drei Tage Bedenkzeit brauchte», sagt er.

Es gab auch negative Reaktionen

Wenger kandidiert nicht für eine Partei, sondern für eine Generation. Sein Name steht auf der Liste des «Team65+». Die Seniorenliste mit dem bisherigen SVP-Nationalrat Maximilian Reimann an der Spitze, der in seiner angestammten Partei aufgrund ihrer Altersguillotine nicht mehr antritt.

«Ich hatte viele positive, aber auch ein paar negative Reaktionen deswegen», sagt Wenger. Er betont dezidiert, dass es sich beim «Team65+» nicht um willige Steigbügelhalter handelt, die Reimann seinen Sitz sichern sollen: «Unsere Liste ist breit abgestützt, alle haben einen beachtlichen Leistungsausweis und bringen viel Know-how mit. Das Team hat ein gemeinsames Ziel: Senioren in der Politik zu vertreten. Eine Parteidoktrin gibt es nicht.» Unter anderem gehören auch Robert P. Hilty aus Küttigen und Barbara Buhofer aus Birrwil zum «Team65+».

Für die etablierten Parteien zu kandidieren, sagt Wenger weiter, könnten Menschen im Pensionsalter vergessen – man wolle sie nicht. «Ich bin aber der festen Überzeugung, dass die ältere Generation im Parlament zu wenig vertreten ist. Statistisch gesehen sind die meisten National- und Ständeräte zwischen 45 und 60 Jahre alt. Das ist dadurch erklärbar, dass die Vertreter der etablierten Parteien die Ochsentour über Lokal- und Kantonspolitik hinter sich haben und dann mit dem Pensionsalter finden, es sei jetzt genug.» Dennoch sieht er das «Team65+» auch als Experiment: «Die Wahlen werden zeigen, ob die ältere Generation überhaupt das Bedürfnis verspürt, besser vertreten zu sein.» Immerhin: Das «Team65+» hat eine Listenverbindung mit SVP und FDP. «Ein Zeichen, dass man uns ernst nimmt», so Wenger.

Wenger sieht sich als unverbrauchten, unabhängigen Quereinsteiger. Die FDP-Ortspartei, deren Mitglied er einst war, gibt es schon lange nicht mehr. Trotzdem würde er sich heute immer noch im Umfeld der Freisinnigen positionieren, sagt Wenger. «Wir müssen den Wirtschaftsstandort Aargau stärken und attraktive Bedingungen für unsere KMU schaffen. Und: Wir dürfen unseren Wohlstand nicht mit Experimenten aufs Spiel setzen, wie etwa dem bedingungslosen Grundeinkommen sowie einem ausufernden Sozialstaat von links oder Isolationspolitik von rechts.»

Zwei der Kinder gehen noch zur Schule

Willy Wenger ist als Metzgersohn in Oberentfelden aufgewachsen. Nach der KV-Lehre bei der Hochuli AG in Kölliken besuchte er die Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) in Olten. Bevor er sich mit 58 pensionieren liess, war Wenger über dreissig Jahre lang beim Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC), arbeitete sich zum Partner hoch, leitete den Sitz in Aarau und baute dort den Bereich Wirtschaftsprüfung und Steuern auf. Nach der «Pensionierung», die dann eben doch kein Ruhestand war, baute er sich eine eigene Beratungsfirma auf (Wenger Management Consulting AG) und übernimmt nach wie vor Stiftungs- und Verwaltungsratsmandate. Er war unter anderem schon Vorstandsmitglied von aarau info, Präsident der Treuhandkammer Sektion Aargau und aktuell Stiftungsrat beim Diakoniewerk Neumünster (Spital Zollikerberg). Durch Lezteres setze er sich schon seit Jahren mit Alterspolitik auseinander, etwa mit der Pflegefinanzierung, betont Willy Wenger.

Auch Bildungspolitik betreffe ihn gerade sehr direkt: Seine vier Kinder sind 25, 17 und zwei mal 15 Jahre alt. Die Zwillinge besuchen die dritte Bez, Lehrstellensuche und der Kanti-Übertritt sind Thema zu Hause. «Es ist schon spannend», sinniert Wenger. «Hier junge Leute, die ihren Platz in der Arbeitswelt noch finden müssen; dort Arbeitslose über 50, die auf dem Stellenmarkt diskriminiert werden. Da gibt es viele Gemeinsamkeiten.»

Seinen Kindern respektive seiner Tochter hat Wenger die Vorliebe für Fussball vererbt. Sie spielt bei den FC Aarau Frauen, während der Vater heute primär auf Golf und Curling setzt – und den Verein seiner Tochter beim Fundraising unterstützt. 2017 sagte Wenger zur AZ: «Mich fasziniert, dass diese Frauen aus purer Leidenschaft und Freude Fussball spielen, obwohl sie kaum etwas dafür erhalten.»

Es könnte für einen guten Ersatzplatz reichen

Wie gross sind nun die Chancen, dass Biberstein zu einem Nationalrat kommt? Würde man die rund 25 Prozent der Aargauerinnen und Aargauer, die älter als 65 Jahre sind, im Nationalrat angemessen vertreten wollen, müsste das «Team65+» vier Sitze machen. Zwei peilt die Gruppe an, für einen dürfte es reichen. Maximilian Reimann ist als langjähriger Bisheriger und mit Listenplatz 1 in der Poleposition. Aber er ist schon 77 Jahre alt – ob er wirklich nochmals eine ganze Legislatur macht? Wenn Wenger den ersten oder zweiten Ersatzplatz schafft, ist ein Nachrutschen möglich. «Meiner Frau und meinen Kindern habe ich versprochen, dass die Chance gering sind und ich nicht nach Bern pendeln muss», sagt Wenger und lacht. Wahlkampf macht er, wie alle aus dem «Team65+», nur sehr dosiert.