Aarau
Wie geniessen Gehörlose und Hörbehinderte Musik?

Eine Klasse der Neuen Kanti hat im KiFF ein Konzert organisiert und mit einem Konzert gezeigt, wie Gehörlose und Hörbehinderte an Musik Freude haben können.

Peter Weingartner
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Gebärdensprachdolmetscherin Käthi Schlegel und die hörbehinderte Noemi Schori begleiten durchs Konzert. wpo

Gebärdensprachdolmetscherin Käthi Schlegel und die hörbehinderte Noemi Schori begleiten durchs Konzert. wpo

Das Konzert von Who's Panda und Ricky Harsh gab eine Ahnung davon, wie Gehörlose Musik erleben können, dank Gebärdensprachdolmetscherin Käthi Schlegel und der jungen Hörbehinderten Noemi Schori. Das Konzert unter der Affiche «Listen with your Eyes» war Abschluss und Höhepunkt eines Projekts der Klasse G4B der Neuen Kanti Aarau.

«Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen»: Das Wort der taubblinden amerikanischen Autorin Helen Keller hängt, neben anderen Karten mit Zitaten und Fakten zum Thema, im KiFF. Hörbehinderte haben im Alltag viele Nachteile. Fachmittelschülerin Noemi Schori weist zwischen den beiden Konzerten auf konkrete Handicaps hin: geringerer Wortschatz, Gleichgewichtsprobleme und erschwerte Kommunikation.

Eine Hirnhautentzündung im Säuglingsalter hat ihr das Gehör geraubt. Nun, mit Implantaten, kann sie hören, allerdings weniger differenziert als «normal» Hörende. Dafür vermag sie dank Zeichensprache und Fingeralphabet über grössere Distanzen zu kommunizieren, ohne schreien zu müssen. Und sie kann von den Lippen lesen.

Sensibilisierung als Ziel

Um die Sensibilisierung für die Probleme von Gehörlosen und Hörbehinderten ging es der Klasse von Lehrer Michel Herzog. «Eine Lektüre im Französisch-Unterricht hat uns aufs Thema gebracht», sagt die Schülerin Jeannine Hersche. Und zwar die ganze Klasse. Diese muss im Bereich Kreativität, Sport und Soziales für ihren Abschluss («International Baccalaureate», eine internationale Matur) ein Projekt durchführen. Vor einem Jahr nahm dieses konkrete Formen an.

Die Schülerin Elena Siegrist schuf für den ersten Teil des Projekts, einen Workshop mit Viertklässlern, den Kontakt zur Primarschule Seengen. Mit diesen Kindern haben die 18 Kantischüler - 13 Frauen und fünf Männer - im August gearbeitet. «Wir brachten den Kindern das Fingeralphabet bei, auf spielerische Art», erzählt Jeannine.

In einer Zeitreise lernten die Kinder verschiedene Hörhilfen kennen. Eine Dolmetscherin lehrte die Primar- und die Maturaklasse die Farben in Gebärdensprache, aber auch einige einfache Sätze: «Ich wohne in ...; ich heisse ...»

Musik wirkt auch auf Gehörlose. Bass und Schlagzeug, die Schwingungen und Vibrationen aus Instrumenten und Lautsprechern kommen an – über die Haut, den ganzen Körper. Beim Konzert am Dienstag bot Dolmetscherin Käthi Schlegel mehr: Sie übersetzte die englischen Texte in Gebärdensprache und spielte auch mal Luftgitarre. Ein Erlebnis auch für die mehrheitlich Hörenden im Publikum, Mitschüler, Lehrpersonen, Eltern, Verwandten.

«Wir haben viel gelernt», sagen Elena und Jeannine: organisieren, in der Gruppe arbeiten, Verantwortung übernehmen, sich zusammenraufen, Protokolle schreiben, überzeugen, verhandeln, mit Geld umgehen. Eine Schülerin liebäugle gar mit einer Ausbildung zur Gebärdendolmetscherin.

Dank Unterstützung durch die Stiftung Euphoria und Crowdfunding mussten die Schülerinnen und Schüler nicht zittern: Die Ausgaben (wie Lokalmiete, Dolmetscher, Gage für die Bands) waren bereits vor dem Konzert gedeckt. Der Erlös aus den Eintritten kommt dem Verein für Musik und Gebärdensprache Mux, der beim Projekt mitgeholfen hat, zugute.

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