Küttigen

Unter dem Fussballplatz gärt der Müll - was bei Bohrungen alles ans Licht kommt

Der Fussballplatz von Küttigen liegt direkt über einer alten Kehrichtdeponie. Das führt zu Problemen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, was da noch alles im Boden liegt.

In der turkmenischen Wüste brennts. Schon seit bald 50 Jahren. Als sowjetische Geologen 1971 bei Bohrungen auf eine mit Gas gefüllte Höhle stiessen, brach der Boden ein und hinterliess ein Loch, 70 Meter im Durchmesser, aus dem giftiges Methangas strömte. Die Geologen beschlossen, es einfach abzufackeln. Das sollte in ein paar Tagen erledigt sein, dachten sie. Heute brennt es immernoch.

Ganz so dramatisch präsentiert sich die Situation im Küttiger Gebiet Ritzer, gleich beim Fussballplatz, nicht. Aber auch dort tritt Methan aus dem Boden. Es bildet sich, weil hier bis in die 70er-Jahre eine Deponie betrieben wurde, deren Inhalte langsam vergären. Schon als die Deponie noch genutzt wurde, brannte es durch die Gase – und wegen jugendlichen Zöislern – immer mal wieder, wie ältere Küttiger erzählen. Und in den letzten Jahren wurden öfter erhöhte Methanwerte gemessen, zum Beispiel bei den Zuschauertribünen.

Im Dorf gehen Geschichten um, wonach man diese Gasausstösse ebenfalls anzünden könne, worauf sie wie eine Fackel brennen. Davon gehört hat auch Gemeinderat Tobias Leuthard. Eines seiner Projekte ist die Sanierung der alten Deponie, die der Kanton im Kataster der Altlasten mit Sanierungsbedarf führt.

Kehricht liegt 20 Meter hoch

Ursprünglich gab es im «Ritzer» einen Steinbruch. Nach dessen Stillegung konnte ihn die Gemeinde Küttigen 1957 von den Jura Cement Fabriken erwerben. Auch Aarau hätte Interesse gehabt. Am Ende lautete der Deal, dass die Stadt im «Ritzer» eine Deponie betreiben und den Steinbruch mit allerlei Abfällen aus Aarau, Küttigen, Rohr, Erlinsbach und Gretzenbach wieder auffüllen könne – 20 Meter hoch. «Vereinbart wurde, dass nur Hauskehricht abgelagert wird», sagt Tobias Leuthard. Bisher gibt es keine Anhaltspunkte, dass dem nicht so wäre und sich im Küttiger Erdreich Sondermüll befinden könnte.

Vor gut 40 Jahren wurde die Deponie stillgelegt und schliesslich obendrauf ein Fussballplatz errichtet. Das war zu einer Zeit, als man noch dachte, organische Stoffe seien innert 20 Jahren grösstenteils abgebaut. Heute weiss man, dass sich die Zersetzung verlangsamt hat. Das bestätigen Bohrungen, die in den letzten Wochen durchgeführt wurden und allerlei halbwegs intaktes Zeug ans Tageslicht brachten.

Der Bohrkern zeigt in 16 Metern Tiefe: leuchtend gelber Kunststoff, möglicherweise Dämmmaterial. In 10 Metern: ein Zeitungsausschnitt mit Inserat für einen Ausflug nach Ludwigshafen, Anmeldeschluss 21. September 1971. In 9 Metern: bunte Verpackungen mit dem Aufdruck einer Teigwarenfabrik. Und irgendwo mittendrin: ein recht gut erhaltener Lederschuh, ohne Inhalt notabene.

Zeitungsartikel aus dem Jahr 1971 kommt zum Vorschein

Zeitungsartikel aus dem Jahr 1971 kommt zum Vorschein

Platz-Sperre wegen Gasaustritt

Nicht nur in Küttigen bauen sich die Abfälle langsamer ab, als gedacht – das Problem besteht in zahlreichen Deponien. Allerdings befindet sich wohl auf den wenigsten heute ein Fussballfeld. Im Winter 14/15 musste der gesamte Sportplatz gesperrt werden, weil erneut erhöhte Methan-Werte gemessen wurden. «Wir haben verschiedene Sofortmassnahmen ergriffen», erinnert sich Tobias Leuthard.

«Dort, wo viel Gas austrat, wird es nun in Drainagen gefasst, abgesaugt und in mehreren Metern Höhe wieder ausgeblasen – die Rohre sieht man an den Flutlichtmasten.» Da Methan ein Treibhausgas ist, wäre es zwar ökologisch sinnvoller, es abzufangen und zum Beispiel in einem Blockheizkraftwerk zu nutzen. Aber bei der eher kleinen Deponie lohnt sich das nicht.

Zum Glück für die Küttiger Tschütteler gelang es, den Gasaustritt zu kontrollieren und die Sportanlage ohne Gesundheitsrisiko wieder freizugeben. Jedoch: Weil sich das Deponiematerial halt doch langsam abbaut und dabei verdichtet, ist der Boden auf dem Sportplatz stellenweise abgesackt, was mit blossem Auge gut sichtbar ist. Und ein unebener Fussballplatz, das geht gar nicht.

Methangas tritt immer wieder aus

Methangas tritt immer wieder aus

Gemeinsam mit dem Kanton und Fachbüros hat der Gemeinderat mittlerweile ein Sanierungskonzept für die alte Deponie erarbeitet. Das Ziel: Schadstoffe eliminieren, den Gasaustritt weiter unter Kontrolle halten und die Bodensenkungen zum Stillstand bringen. Am Ende sollen schöne neue Spielfelder darauf entstehen.

Das Wasser muss raus

Doch bis dahin ist der Weg noch weit. Durch verschiedene Massnahmen soll die Feuchtigkeit im gesättigten Boden reduziert werden; unter anderem durch Absenkung des Wasserspiegels. Damit will man erreichen, dass das wieder Sauerstoff an das Deponiematerial kommt und es schneller verrottet.

Neben Pumptests werden nun auch Untersuchungen der Wasserflüsse, der Grundwasserqualität und des Deponiematerials gemacht. Ein bestehender Entwässerungsstollen zwischen Deponie und Kläranlage muss saniert werden.

Und was kostet das Ganze? Laut Gemeinderat Leuthard ist der Gesamtbetrag noch nicht klar, allerdings wurden alleine für die Untersuchungsmassnahmen bisher mehrere hunderttausend Franken ausgegeben. Bund und Kanton finanzieren gemäss Altlastenverordnung etwa 70 Prozent der Kosten, wenn die Sanierung bis im Jahr 2017 beginnt. Im Fall der Deponie Ritzer sollen die Hauptarbeiten im Winter 2017 und Frühjahr 2018 stattfinden, damit der Fussballbetrieb möglichst wenig eingeschränkt wird.

Die restlichen Kosten müssen von Küttigen als Standortgemeinde und die Stadt Aarau als Deponiebetreiberin übernommen werden. «Sobald die genauen Kosten bekannt sind, werden Stadt und Gemeinde über die Aufteilung verhandeln», sagt Leuthard.

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