Küttigen

Tierschutzgesetz ohne Wenn und Aber: Die Geiers verkaufen ihre Kühe

Die Gebrüder Geier in ihrem Stall zwischen den Milchkühen: Bald stehen hier nur noch Kälber. iss

Die Gebrüder Geier in ihrem Stall zwischen den Milchkühen: Bald stehen hier nur noch Kälber. iss

Die Familie Geier in Küttigen müssen wegen fehlender fünf Zentimetern in den Liegeboxen in ihrem Stall auf Rinderzucht umstellen. Das neue Tierschutzgesetz gilt ausnahmslos. Wobei: Ganz ungelegen kommt den Geiers die Neuorientierung nicht.

Die Familie Geier besitzen in Küttigen einer der drei letzten Milchwirtschaftsbetriebe der Region Aarau. Jetzt verkaufen sie ihre 22 Milchkühe und stellen auf Rinderaufzucht um.

Der Grund: Die Liegeboxen im Stall sind laut dem neuen Tierschutzgesetz fünf Zentimeter zu schmal. Jetzt ziehen die Familien Geier die Konsequenzen.

Misst man von Rohrmitte bis Rohrmitte der Abtrennungen, sind die Liegeboxen im Kuhstall der Gebrüder Geier genau 1,2 Meter breit.

Damit würden sie dem Mindestmass des neuen Tierschutzgesetzes entsprechen, wenn sich dieses nicht auf das Lichtmass beziehen würde: Im «Licht», also gemessen von Rohr zu Rohr, sind die Boxen nur 1,15 Meter breit. Es fehlen fünf Zentimeter.

Das Veterinäramt des Kanton Aargaus macht keine Ausnahmen und beharrt auf der Umsetzung der Gesetzesänderung und somit der Verbreiterung der Boxen. Das verlange die Rechtsgleichheit.

Fall nicht speziell gehandhabt

Für Rechtsgleichheit sind auch Hans und Ueli Geier. Und doch: «Unser Stall ist ein Spezialfall», argumentieren sie. Denn vor 25 Jahren haben sie Liegeboxen mit beweglicher Abtrennung eingebaut. Sie sind speziell tierfreundlich und bergen eine geringere Verletzungsgefahr. Zudem werden bewegliche Abtrennungen im neuen Tierschutzgesetz nicht behandelt.

Das macht aber laut Erika Wunderlin, Leiterin des Veterinärdienstes des Kanton Aargaus, keinen Unterschied: «Auch wenn ein einzelnes Tier mehr Platz für sich in Anspruch nehmen kann, behindert es möglicherweise andere.» Ziel sei, dass alle Kühe im Stall gleichzeitig abliegen können.

«Ob das bei den Gebrüdern Geier möglich ist, kann ich nicht beurteilen.» Ausserdem handle es sich bei den 1,2 Metern um ein Mindestmass, «nicht das optimale Mass», betont Wunderlin. Daher sei das Veterinäramt angehalten, die Masse durchzusetzen.

«Wir gewähren aber je nachdem kurze Toleranzfristen.» So auch für die Bauern aus Küttigen: Eigentlich hätte die Änderung im Tierschutzgesetz bis September letzten Jahres umgesetzt werden müssen. Nun dürfen die 22 Milchkühe auch ohne Anpassung bis Ende Mai bleiben.

Sie geben die Milchwirtschaft auf

Als sich abzeichnete, dass Geiers entweder die Boxen anpassen oder die Milchwirtschaft aufgeben müssen, entschieden sie sich für Letzteres. «Die Zukunft unseres Betriebes sehen wir auch aus arbeitswirtschaftlichen Gründen ohne Milchkühe. Die nötigen baulichen Anpassungen hätten zudem grosse Investitionen zur Folge», diese würden sich nicht mehr rechnen, sagt Ueli Geier. Er erreicht in drei Jahren das Pensionsalter, sein Bruder in neun.

Für die Kühe ist bereits ein neues Heim gefunden: Sie werden auf zwei Betriebe im Frick- und Ruedertal verteilt. So wird die Herde nicht ganz auseinandergerissen. «Der Abschied wird sicher nicht einfach», sagt Hans Geier. «Die Tiere haben bei uns so etwas wie Familienanschluss. Wir kennen jedes einzelne, jedes hat seinen Namen, seinen Charakter», bestätigt Ueli Geier. Praktisch jede von Geiers Kühen wurde auf dem Hof geboren. Die Brüder sind in Bauernkreisen für ihre Viehzucht bekannt.

Wie weiter? Hans und Ueli Geier werden in ihrem Stall statt ausgewachsener Kühe nun Kälber von anderen Höfen beherbergen. «Wir werden die Kälber aufziehen und halten, bis sie zum ersten Mal trächtig sind. Dann gehen sie zurück an ihren Ursprungshof», erklärt Ueli Geier die Kälberaufzucht. So würde das weite Grünland des Geier-Hofs weiter genutzt.

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