Aarau
Die Büezer kämpften dort um ihre Rechte: Das Hauptquartier der Metall- und Uhrenarbeiter verschwindet

Haus Nummer 4 an der Buchserstrasse in Aarau wird abgerissen. Ein Haus, das die einst starke Gewerkschaft SMUV – der Schweizerische Metall- und Uhrenarbeiter Verband – beheimatete. Zwei ehemalige Sekretäre erinnern sich.

Katja Schlegel
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Die beiden Häuser verschwinden: links der einstige Kaufmannsladen, rechts das Bürogebäude des SMUV.

Die beiden Häuser verschwinden: links der einstige Kaufmannsladen, rechts das Bürogebäude des SMUV.

Katja Schlegel

Die Vorhänge im Büro waren nie gezogen. Wenn Franz Vonlanthen (heute 86) im Büro war, und das war er schon in aller Herrgottsfrühe, dann war er für die Arbeiter da. In kleinen Gruppen zogen sie an seinem Bürofenster vorbei, die Büezer in ihren blauen Gwändli, manche schon mit dem ersten Schnaps im Kopf, gestürzt an der Fensterbank der «Gais» direkt nebenan. Wenn nichts war, winkten sie nur zum Gruss, wer Sorgen hatte, klopfte an die Scheibe und erstattete Bericht.

So war das, damals in den Siebzigerjahren. Als die Buchserstrasse Nummer 4 noch eine der wichtigsten Adressen für die Arbeiterschaft war. Damals, als wegen der vielen Besucher in den Büroräumen noch der Geruch nach Maschinenöl hing.

Heute sind die Vorhänge zu, das Fenster ist mit Folie verklebt. Eingeklemmt zwischen Neubauten fristet das Haus ein Schattendasein. Und nun deuten Profilstangen an: Auch für dieses Haus und seinen Nachbarn, ursprünglich ein Wohnhaus mit Kaufmannsladen, hat das letzte Stündlein geschlagen.

«Gais»-Wirtin hatte den Gewerkschaftern geholfen

Mit den beiden Häusern werden noch einmal wichtige Zeugen des alten Industriequartiers verschwinden. Das sieht, wer beim Türsturz von Nummer 4 genauer hinschaut: «Schweiz. Metall- und Uhrenarbeiterverband Sekretariat Aarau» steht da, besser bekannt in der Kurzform SMUV.

Noch immer sind die Buchstaben an der Buchserstrasse 4 zu sehen.

Noch immer sind die Buchstaben an der Buchserstrasse 4 zu sehen.

Katja Schlegel

Hier an der Buchserstrasse war die Sektion Aarau daheim, inmitten eines der bedeutendsten Industriequartiere des Kantons, dem Torfeld mit den Firmen Oehler, Aeschbach, Sprecher + Schuh und wie sie alle hiessen, in Wurfdistanz zum Bahnhof, in direkter Nachbarschaft zum Restaurant «Gais».

Blick von oben auf die «Gais» und das danebenliegende SMUV-Haus anno 1999.

Blick von oben auf die «Gais» und das danebenliegende SMUV-Haus anno 1999.



Werner Rolli/Archiv

Patrons führten noch Listen mit «Aufmüpfigen»

Zur Geschichte des SMUV Sektion Aarau

Der SMUV Sektion Aarau wurde 1904 mit 68 Mitgliedern gegründet. Zu Beginn hatten die Gewerkschafter mit heftigem Gegenwind zu kämpfen. Unter den Unternehmern kursierten Listen mit Namen der «Aufmüpfigen». Trotzdem wuchs die Mitgliederzahl stetig, insbesondere während des Ersten Weltkrieges. Mit dem Erstarken der Munitionsindustrie stieg die Zahl auf über 600 Mitglieder. 1917 bekam Aarau einen hauptamtlichen Sekretär mit Sekretariat bewilligt. Erster Sekretär war Werner Lässer. Wie wichtig für die Arbeiter eine Mitgliedschaft im SMUV sein konnte, zeigte sich in den Zwanzigerjahren während der hohen Arbeitslosigkeit: Weil es noch keine Arbeitslosenkasse im heutigen Sinn gab, zahlte der SMUV seinen Mitgliedern Taggelder aus. Während des Zweiten Weltkriegs organisierte der SMUV Aarau nach dem Anbauplan Wahlen ein Anbauwerk mit 28 Firmen und 5000 Angestellten. Zeitgleich entstand die «Arbeitsgemeinschaft für berufliche Weiterbildung in der Maschinen- und Metallindustrie Aarau und Umgebung». Dieses Angebot bestand bis 1998. Lange Jahre überdauerten auch die Lehrlings- und Jugendgruppen oder die Pensioniertengruppe.

Eröffnet wurde das SMUV-Haus am 15. März 1936. «Gais»-Wirtin Lisette Blattner hatte die Eigentümerin, die Brauerei «Feldschlösschen», dazu überreden können, der Gewerkschaft den Blätz Land zu verkaufen. Einen besseren Ort hatte sich die 1904 gegründete Sektion nicht träumen lassen können.

Seit 1917 war sie in der Privatliegenschaft des ersten Sekretärs eingemietet, platzte da aus allen Nähten. Es gab zu tun; die Kriegsjahre, der Landesstreik und die Weltwirtschaftskrise hatten dem SMUV rekordhohe Mitgliederzahlen beschert. Im Namen der Arbeiter und gemeinsam mit den Präsidenten der Betriebskommissionen kämpfte der SMUV für faire Löhne, kürzere Arbeitszeiten und gute Bedingungen bei Krankheit und Unfall.

Die Arbeiter beim Kafi, der Patron auf 180

Als Franz Vonlanthen 1975 zum SMUV-Sekretär gewählt wurde, musste er nur die Strassenseite wechseln. Jahrelang war er in der Autobranche tätig gewesen, zuletzt bei der Garage Brack an der Buchserstrasse 19 (später Rudi Rüssel, dann «Bleifrei»). Vonlanthen war kein Arbeiter, sondern Angestellter mit Prokura, ein Exot in der Funktion des SMUV-Sekretärs. Auch einer, der aneckte – aber ein Gewerkschafter durch und durch. Und die Arbeiter und ihre Familien hätten ihm am Herzen gelegen, für jeden einzelnen habe er – als nebenamtlicher Bezirksrichter dafür prädestiniert – für Gerechtigkeit gekämpft.

Franz Vonlanthen (86) aus Suhr, ehemaliger Sekretär des SMUV Sektion Aarau.

Franz Vonlanthen (86) aus Suhr, ehemaliger Sekretär des SMUV Sektion Aarau.

Katja Schlegel

«Ich hane Grind und i säge, was mi stört», sagt er. Und er hatte Taktik, in allem: Immer mit Hemd, Krawatte und Anzug, immer wie aus dem Truckli. «Man muss besser aussehen als der Patron selbst.»

Und die Patrons, die hatten Respekt. Auch wenn sie regelmässig in die Tischplatte bissen, weil der Vonlanthen die versammelte Belegschaft zum Kafi in die «Gais» geschickt hatte, wenn in einer der Fabrikhallen mal wieder die Heizung ausgestiegen war. Vonlanthen sagt:

«Manchmal waren die Telefonate so hitzig, dass sich der Apparat fast in die Tischplatte gebrannt hat.»

Aber schon tags darauf sei man wieder gemeinsam beim Mittagessen gesessen. «Es ging um die Sache, und das wussten beide Seiten ganz genau.»

Der Untergang des Industriestandorts

Doch zurück zum Haus: Ab Mitte der Achtzigerjahre verlor die SMUV Sektion Aarau ihren Stellenwert als erste Anlaufstelle für die Arbeiter. Mit der Professionalisierung der Arbeitswelt wurde auch die Distanz zwischen Gewerkschaft und Arbeitern grösser.

Und die Industrie serbelte, eine Firma nach der anderen verschwand oder wurde verkauft. Angefangen bei den Aarauer Traditionsfirmen Oehler, Sprecher + Schuh, Aeschbach und Kern, über die Luwa Muri, Huggler in Suhr, Injecta Teufenthal oder die Alu Menziken; die Liste ist lang und unvollständig. Einst blühende Betriebe mit Hunderten Angestellten, die nun verschwanden.

Momente, in denen der SMUV nichts retten, nur noch begleiten konnte, der Sekretär einen Sozialplan nach dem andern aushandelte. «Ich war der Türschliesser», sagt René Lappert (64), ab 1996 Nachfolger von Franz Vonlanthen und letzter Aarauer SMUV-Sekretär. Und weiter:

«Wir haben keine Aufbauarbeit mehr geleistet, wir haben zuschauen müssen, wie der Industriestandort Aargau geschliffen wurde.»

Waren früher die verzweifelten Arbeiter noch einzeln an die Buchserstrasse gekommen, kam der SMUV nun zu den Arbeitern. Betreute da die Entlassenen zu Hunderten auf einmal, mitten in der Werkshalle.

Und die Patrons? Die waren auch verschwunden. Ersetzt durch Manager mit Büros irgendwo, meist im Ausland. Die direkten Ansprechpartner waren fort. Geblieben waren die Betriebskommissionen mit ihren Präsidenten, legendäre Figuren, wie Lappert sagt. «Sie haben den Entwicklungen getrotzt und mit viel Mut, Ausdauer und teilweise persönlichen Nachteilen für die Sache der Arbeiterschaft gekämpft.»

Die steigende Arbeitslast und der gleichzeitige Mitgliederschwund forderten eine Neuorganisation des SMUV. Regionalstellen in Brugg, Reinach und Kulm wurden geschlossen. 2004 fusionierte der SMUV gemeinsam mit GBI (Bau und Industrie) und VHTL (Verkauf Handel Transport Lebensmittel) zur Grossgewerkschaft Unia. Die Aarauer Gewerkschafter zogen an die Bachstrasse, das Haus an der Buchserstrasse wurde verkauft. Geblieben ist nur der Schriftzug.