Aarau
Schmuck aus der Mädchen-Schule: Silberhof erstrahlt in 200-jährigem Glanz

Das stattliche Haus «Zum Silberhof» am Graben 22 wurde vor 200 Jahren erbaut. Es hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Es war Mädchenschule, Bank oder Geschäftshaus. Vor zehn Jahren kam es im Dachstock zum Vollbrand.

Hermann Rauber
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Zuerst war das Gebäude eine Mädchenschule, dann eine Bank, schliesslich wurde daraus ein Wohnhaus mit Gold- und Silberschmiede-Atelier samt Ladengeschäft.

Zuerst war das Gebäude eine Mädchenschule, dann eine Bank, schliesslich wurde daraus ein Wohnhaus mit Gold- und Silberschmiede-Atelier samt Ladengeschäft.

Ueli Wild

Das markante Haus am Graben 22 in Aarau ist genau 200 Jahre alt. Es diente anfänglich als stolzes städtisches Mädchenschulhaus, war später Sitz der Allgemeinen Aargauischen Ersparnisgesellschaft und heisst seit 1923 «Zum Silberhof», wurde es doch damals von Gold- und Silberschmied Fritz Widmer käuflich erworben. Das Geschäft wird heute in dritter Generation von Thomas Widmer weitergeführt.

Noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts bildeten die Stadtmauer und der Graben den südöstlichen Abschluss des mittelalterlichen Kerns. Am 13. September 1784, am Tag des Bachfischet, zündete ein Brandstifter mehrere mit Holz und Wellen gefüllte Schöpfe am «hinteren Platz» — heute zwischen den Toren – an.

Der verheerende Brand hatte zur Folge, dass die Stadt dem damals bereits in Aarau tätigen Berner Architekten Carl A. von Sinner – er arbeitete am Bau des heutigen Amtshauses – den Auftrag erteilte, am Graben eine geschlossene Häuserzeile zu planen. So entstand eine Parzellierung von acht Wohnhäusern, die nach und nach realisiert wurden.

Als Mädchenschulhaus erbaut

1813 verkaufte der Schreiner Jakob Schmuziger der Stadt am «hinteren Platz» eine Parzelle, denn Rat und Bürger hatten beschlossen, an dieser Stelle ein neues Mädchenschulhaus zu erstellen. Das Bauamt wurde dabei ausdrücklich angewiesen, «bauwürdige Steine aus dem Abbruch der Stadtmauer und das Holz der hinfälligen Schöpfe zu verwenden».

Im Hinblick auf die Auffüllung des Grabens sei zudem der Aushub des Kellers zu deponieren. 1815 war das neue und grosszügige Mädchenschulhaus bezugsbereit. Das Gebäude erhielt laut jüngsten Recherchen des Aarauer Architekturbüros Kuhn.Pfiffner «zum Graben hin sechs Fensterachsen und stadtseits deren fünf». Für die Infrastruktur sorgte ein Abwart, der erste in Aarau, der die Schulzimmer im Winter zu heizen und ganzjährig zu säubern hatte.

Sitz der «Allgemeinen»

Das Mädchenschulhaus von 1815 könnte – so hat der Aarauer Historiker Paul Erismann vermutet – auch der Grund dafür sein, dass sich die Aarauer Jugend noch heute am Maienzugmorgen für den Umzug am Graben besammelt. 1875 allerdings zogen sämtliche Abc-Schützen in das neue, noch viel grossartigere Schulhaus an der Bahnhofstrasse, das erst seit 1927 Pestalozzischulhaus heisst.

Das Gebäude am Graben 22 diente in der Folge von 1879 bis 1913 der Allgemeinen Aargauischen Ersparniskasse (heute NAB) als Sitz in der Kantonshauptstadt. Im Parterre baute die Bank einen robusten Tresorraum ein und orientierte den Kundeneingang südlich gegen die Grabenallee.

1913 fand die «Allgemeine» an der Bahnhofstrasse ein neues Domizil. Die Liegenschaft am Graben ging in private Hände über, zuerst an den Kaufmann Eugen Gisi. 1923 erwarb der Aarauer Goldschmied Fritz «Butzli» Widmer-Baumann das stattliche Gebäude und liess es in ein Wohn- und Geschäftshaus umbauen. Architekt Adolf Studer plante den neuen Ladeneinbau mit einer sorgfältig gestalteten und grosszügigen Schaufensterfront an der Graben-Promenade.

«Im Grundriss ist alles bis heute unverändert beibehalten worden», erklärt der heutige Eigentümer Thomas Widmer. «Auch der speziell gesicherte Archivraum der Bank mit blechverstärkter Türe und dreifachem Schloss ist erhalten geblieben, er dient noch immer als Polier-Werkstatt.»

Familienbetrieb in der 3. Generation

Passend zum neuen Metier in den ehrwürdigen Mauern erhielt das ehemalige Schul- und Bankgebäude den Namen «Zum Silberhof». Die neue Affiche zog nicht zuletzt am Eidgenössischen Schützenfest 1924 zahlreiche Kundschaft aus der ganzen Schweiz an. Die Gold- und Silberschmiede wurde als Familienbetrieb kontinuierlich weiterentwickelt. Nach Rudolf Widmer ist seit 1990 mit Thomas und Susanne Widmer bereits die dritte Generation im «Silberhof» am kunstvollen Werk.

Am 10. Mai 2004 brach in den frühen Abendstunden im Haus «Zum Silberhof» ein Feuer aus. Der Dachstock, in dem sich im Laufe einer umfassenden Renovation Imprägnierungsmittel entzündet hatten, geriet in Vollbrand. Das Haus musste in der Folge gänzlich saniert und der Dachstuhl vollständig ersetzt werden. Seither aber erstrahlt das nunmehr genau 200-jährige Haus in altem Glanz.