Aarau
Nach 20 Jahren findet im Aarauer «Schützen» ein Generationswechsel statt

Nach 20 Jahren geben Hans und Ruth Schneider den Aarauer Gasthof «Zum Schützen» in neue Hände. Per 1. Januar geht der Gasthof an ihre beiden Kinder Manuela und Peter Schneider über.

Katja Schlegel
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Peter und Manuela Schneider mit Vater Hans Schneider in der frisch eröffneten Bar-Lounge.Emanuel Freudiger

Peter und Manuela Schneider mit Vater Hans Schneider in der frisch eröffneten Bar-Lounge.Emanuel Freudiger

Emanuel Freudiger

Der Patron geht. Mit dem ersten Glockenschlag in der Silvesternacht gehört der Gasthof Schützen im Aarauer Schachen nicht mehr Hans «Hausi» Schneider (58) und Gattin Ruth (59), sondern den beiden Kindern Manuela (29) und Peter Schneider (31).

Verschwinden werden Hans und Ruth Schneider aber nicht, es ist ein Abschied auf Raten. Sie werden in den nächsten Monaten weiterhin im «Schützen» anzutreffen sein, die Gäste betreuen und die beiden Nachfolger unterstützen. Es braucht Zeit, die Freizeit wiederzuentdecken.

Aber das letzte Wort, das werden künftig die Kinder haben. Die vermutlich grösste Schwierigkeit für Hans Schneider. Seit er 25 ist, hat der gelernte Koch und Hotelier das Sagen.

Erst als Küchenchef, später sieben Jahre lang als Gastgeber in der «Seerose» in Meisterschwanden und drei Jahre im «Aarehof» in Wildegg. Er sei sich gewohnt, für andere zu entscheiden. Jetzt wird er zum Unterstützer, zum Berater.

Alles in eine Waagschale

1993 haben Hans und Ruth Schneider das einstige Kantine-Lokal der Kern AG gekauft und 1994 eröffnet, haben es innert kurzer Zeit von einem heruntergewirtschafteten Betrieb zu einem florierenden Geschäft hochgestemmt und dabei alles in die Waagschale geworfen.

«Hätten wir den Rank nicht genommen, wären wir nach vier Monaten bankrott gewesen», sagt Hans Schneider.

Die harte Arbeit hat sich gelohnt: 20 Jahre und Investitionen von rund zehn Millionen später ist der «Schützen» eines der grössten Gasthäuser des Kantons mit rund 100 Angestellten, ein Haus mit einem breiten Publikum aus allen Schichten, vom Arbeiter bis zum Geschäftsführer.

«Der ‹Schützen› ist das letzte Volkshaus in Aarau», wie Hans Schneider zu sagen pflegt.

Leiden und Leidenschaft

Das alles geht nicht ohne Verschleiss. Im ersten Jahr nach der Eröffnung habe er keinen einzigen Tag freigenommen, sagt Hans Schneider, extrem lange Arbeitstage waren in den letzten Jahrzehnten normal.

Jetzt, nach insgesamt 30 Jahren in der Gastrobranche und einem höchst anspruchsvollen, aber sehr guten letzten Jahr im «Schützen» – trotz Brand vor Weihnachten 2012 und der Wiedereröffnung im April – , ist es genug.

«Ich hätte noch viele Ideen und Pläne, aber mir fehlt die Kraft dazu. Beim Wirten blutet man aus.» Was sie jetzt bräuchten, sei Lebensqualität. Mehr Zeit für sich, für einander, für das erste Enkelkind. Das Gefühl geniessen, nicht mehr verantwortlich zu sein.

Gerüchte stimmen nicht

Die Übergabe ist konsequent. Hans und Ruth Schneider haben keinen Aktienanteil, kein Rückkaufsrecht, auch werden die beiden nicht im Waldhaus Gehren wirten, wie das gerüchteweise erzählt wurde. Dieser radikale Schnitt ist purer Selbstschutz. «Hätte ich Besitz und Mitspracherecht, wäre das nicht gut», sagt Hans Schneider.

Auf dem Papier ist bereits alles eingefädelt, alles Notarielle erledigt. «Psychisch weniger», sagt Manuela Schneider und lacht.

Dass Bruder Peter und ihr ab Mittwoch die Schützen AG gehört, das fühle sich irgendwie unwirklich an, auch wenn sich die beiden ein Jahr lang auf diesen Tag vorbereitet haben und seit Kindertagen im Gastgewerbe daheim sind: Beide haben als Teenager im «Schützen» mitgeholfen, beide haben die Hotelfachschule in Luzern absolviert und national und international in verschiedenen Hotels und Restaurants gearbeitet.

Das ganze Herzblut einer Familie

Ihre Eltern hätten sie nicht gedrängt, den «Schützen» zu übernehmen, sagen sie, das sei ihr eigener Entscheid gewesen. Hier seien sie gross geworden, hier stecke das Herzblut der Familie drin.

Und trotzdem ist es ein mutiger Entscheid, wo doch ein eigenes Restaurant alles abverlangt. Die enormen Kosten, das veränderte Konsumverhalten, die Wirtschaftslage, diese ganze Verantwortung – schreckt sie das nicht ab?

Es stecke nicht umsonst das Wort «Leiden» in «Leidenschaft», sagt Peter Schneider. «Wer in dieser Branche arbeitet, muss bereit sein, sich ein Bein auszureissen.»

Krampfen ist Pflicht, das sagt auch Vater Hans: «Wir sind wahnsinnig stolz, der nächsten Generation ein gesundes Geschäft überlassen zu können. Die Kinder können nur scheitern, wenn sie das Leben nicht annehmen wollen, das dieses Gasthaus verlangt.»

«Hausi’s Geschnetzeltes» bleibt

Wechsel bedeuten auch Veränderung. Aber nur Geringfügige. «Wir wollen den «Schützen» in die Zukunft tragen und vermehrt auch junge Kundschaft ansprechen», sagt Manuela Schneider.

Gleichzeitig soll aber alles, was gut ist, was den Stammgästen so lieb ist, beibehalten werden. Wie beispielsweise die Speisekarte: Auch wenn der Patron geht, «Hausi’s Geschnetzeltes» bleibt drauf.