Wenig liegt den Aarauern in ihrer Stadt mehr am Herzen als der Maienzug. Jede Veränderung wird kritisch beäugt. Es war deshalb ein gänzlich unpopulärer Entscheid, welcher der Aarauer Stadtrat Anfang Mai fällte: Aus Sicherheitsgründen sollen keine Live-Bands mehr am Maienzug-Vorabend spielen.

«Wie bitte? Unsere Band hat Termine abgesagt für diesen Anlass!», protestierte Flaco Martino auf der Internetseite der az. «Sorry, aber den Maienzugvorabend gibt es schon seit Jahrzehnten und es war immer ein Gedränge. Ebenfalls bleiben die Leute stehen um zu ‹schnore›, ist es das nächste was verboten wird?», fragte ein anderer.

«Sollte es keine Live Konzerte mehr geben, werde ich bestimmt nicht mehr kommen», schreibt Dean Braus. Der Entscheid wurde als «Schnapsidee» bezeichnet.

Maienzug 2013: Aarau im Ausnahmezustand

Aarau im Ausnahmezustand: Maienzug-Vorabend 2013.

Ratschläge aus Zürich

Doch eine Nachfrage bei Maienzugs-Kommissions-Präsidentin und Stadträtin Regina Jäggi zeigt: Die Abschaffung der Bands geschah nicht unüberlegt, bloss wurde die Vorgeschichte nicht kommuniziert.

Zu einem Vorabend ohne Bühnen hat ein Sicherheitsexperte geraten, der bei der Stadt Zürich extra für diese sogenannte «Crowd Security» angestellt ist und auch andere Schweizer Städte berät.

«Die Bühnen in der Altstadt waren etwas, was dem Experten als erstes auffiel», sagt Regina Jäggi, «er sagte, diese stellten das grösste Risiko bei einer Massenpanik dar.» Vier Bühnen fallen so weg, die durch DJs ersetzt werden. Für die Bars in den Gassen gibt es hingegen keine Einschränkung.

Kontaktiert hat den Experten die Bevölkerungsschutzorganisation RFO (Regionales Führungsorgan), welche für Krisen und deren Prävention zuständig ist und sich in Zusammenarbeit mit der Maienzugkommission den Sicherheitsfragen annahm.

Aarauer Maienzug-Vorabend 2014: Zukünftig sollen wie im Video keine Bands mehr Live spielen, sondern nur noch DJs auflegen dürfen.

Aarauer Maienzug-Vorabend 2014: Zukünftig sollen wie im Video keine Bands mehr Live spielen, sondern nur noch DJs auflegen dürfen.

Weiter ist geplant, Hinweise zu Notausgängen mitten über die Gassen zu hängen. Sie weisen wenig überraschend zum Zollrain, wo es mehr Platz gibt. Ebenfalls eine Pufferzone ist der Schlossplatz.

Die Flösserplatzdisco wird wie schon letztes Jahr, als auf dem Schlossplatz gebaut wurde, vor dem Hotel Kettenbrücke stattfinden. Nicht nur, damit die Masse auf den Schlossplatz ausweichen könnte, auch weil die neue Bar «OscarOne» nun dort hinausstuhlen wird.

Das ganze Sicherheitskonzept ist noch in Bearbeitung, betont Jäggi. Umsetzen müssen wird es der noch zu gründende Vorabend-Verein um Michael Ganz. Mit von der Partie werden auch die bisherigen Vorabend-Verantwortlichen Martin Ammeter und Patrick Maritz sein.

Warum so kurzfristig?

Eine Frage bleibt allerdings noch: Warum kam das Band-Verbot so knapp vor dem Maienzug? Schliesslich datiert die erste Anfrage von Einwohnerrat Beat Krättli bezüglich der Sicherheit am Vorabend vom Februar 2014.

Einen Monat später beantwortete der Stadtrat die Anfrage und teilte mit, die Maienzug-Kommission habe das Problem angepackt und Massnahmen zur Verbesserung in Etappen vorgelegt.

Bereits im März 2014 fand ein erstes Gespräch mit den Schärer Rechtsanwälten statt, die klären sollten, wie die rechtliche Lage für die Stadt als Veranstalter aussieht.

Im Oktober lag ein Vorentwurf des Gutachtens vor, nachdem zuerst noch mehrere Unterlagen hatten eingereicht werden müssen. «Darauf folgten Besprechungen mit der Maienzugkommission», sagt Jäggi.

Der Abschlussbericht wurde im Februar und März dieses Jahres besprochen und liegt seit Ende April definitiv vor. Auch der RFO gab seine Risikoanalyse erst Anfang Mai abgegeben.

«Es stimmt, dass das eine lange Zeit ist. Aber die Materie ist äusserst komplex, wie es der Bericht auch aufzeigt», sagt Jäggi. Den Vorabend wie bis anhin durchzuführen und den Bericht erst nächstes Jahr aus der Schublade zu nehmen, obwohl man die Ratschläge schon jetzt schwarz auf weiss gehabt habe, wäre nicht gegangen.

«Wenn dieses Jahr etwas passiert wäre, hätten wir alt ausgesehen. Heute wird schnell ein Schuldiger gesucht.» Dem Sicherheitsprojekt Schub gegeben hat offenbar auch der Brand im Adelbändli letztes Jahr. «Am Vorabend mit den Massen in der Altstadt, wäre das kritisch gewesen», sagt Jäggi. 

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