Kolumne: Leben in Aarau
Verkehrte Welt – wie das Frauenrentenalter den Gleichstellungsdiskurs auf den Kopf stellt

Kolumnistin Fiona Wiedemeier über die am 25. September bevorstehende Volksabstimmung zur Anpassung des Referenzrentenalters der AHV.

Fiona Wiedemeier*
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Am 25. September gelangt die AHV-Reform an die Urne.

Am 25. September gelangt die AHV-Reform an die Urne.

Bild: Gaetan Bally/ KEYSTONE

Die zur Abstimmung stehende AHV-Reform, welche das Frauenrentenalter auf 65 Jahre anheben will, stellt den Gleichstellungsdiskurs in der Schweiz auf den Kopf. Während konservative Politiker plötzlich vehement auf Gleichstellung pochen, stehen linke Parteien tatsächlich für Ungleichheit ein – verkehrte Welt.

Versteht mich nicht falsch; die Schweiz ist ein gleichstellungspolitisches Entwicklungsland. Die Fortschritte in der Gleichstellungspolitik, die wir heute als selbstverständlich ansehen, verdanken wir Generationen von Frauen vor uns, die jede noch so kleine Verbesserung hart erkämpft haben. Wir jungen Frauen stehen auf ihren Schultern. Eine dieser Frauen ist meine Mutter, die sich hochschwanger mit mir für die Einführung einer Mutterschaftsversicherung engagierte – Feministin wurde ich also schon vor Geburt.

Als Frau scheint der Abstimmungsentscheid auf den ersten Blick klar – als Feministin sowieso. Solange in diesem Land Frauen weiter benachteiligt sind – sei das beim Lohn, in den Teppichetagen oder bei der Care Arbeit –, kann man dieser Reform nicht guten Gewissens zustimmen. Es fühlt sich wie Verrat an den Errungenschaften dieser Frauen an, heute für eine Erhöhung des Frauenrentenalters zu stimmen und damit das wichtigste Verhandlungspfand aus der Hand zu geben.

Fiona Wiedemeier

Fiona Wiedemeier

Bild: zvg

* Fiona Wiedemeier (27) ist Aarauerin, Europäerin, Feministin, Libera, «foraus»-Denkerin und Geschäftsführerin der GLP Kanton Zürich.

Und doch bin ich überzeugt; Gleichstellung ist kein Konzept, das wir nach Belieben anwenden oder vernachlässigen können, je nachdem, ob die Ungleichheit uns gerade tangiert oder nicht. Gleichstellung ist absolut, sie ist Verfassungsauftrag. An einer gesetzlich vorgeschriebenen Ungleichbehandlung der Männer festzuhalten, um diese als Verhandlungspfand für die Lohngleichheit einzusetzen, widerspricht allen Prinzipien, für die ich mich sonst einsetze.

Wir tun dem wichtigen und andauernden Kampf um die Lohngleichheit keinen Gefallen, wenn wir Gleichstellungspolitik zu einem Geschlechterkampf hochstilisieren. Denn genau wie wir die Lohnungleichheit als Argument gegen die Erhöhung des Frauenrentenalters vorbringen können, können die Herren der Schöpfung das ungleiche Rentenalter als Rechtfertigung gegen griffige Massnahmen für Lohngleichheit anführen. Damit manövrieren wir uns ungewollt in eine Lose-lose-Situation – und niemand ist gleichberechtigt.

Lehnen wir die Angleichung des Rentenalters ab, erhalten wir zudem ein konservatives System, das die Rolle der Frau hinter dem Herd vermutet. So waren es die Männer, die noch vor der Einführung des Frauenstimmrechts beschlossen, das Frauenrentenalter von ursprünglich 65 auf 62 Jahre zu senken. Angebracht wurden damals die «physiologischen Nachteile der Frau». Mit einem Nein zur Erhöhung des Frauenrentenalters reproduzieren wir ebendieses Gedankengut; ein Gedankengut, das Frauen systematisch als schwach und weniger leistungsfähig ansieht – und damit Rechtfertigung dafür bleibt, Frauen weniger Lohn zu bezahlen oder sie bei Beförderungen zu übergehen. Wir Feministinnen würden damit ein System aufrechterhalten, das uns Frauen systematisch benachteiligt.

Generationen von Frauen vor uns, so auch meine Mutter, haben für die Gleichstellung gekämpft – mit den Männern, oft aber auch gegen sie. Dieser Kampf war mehr als nötig. Sie haben viel erreicht, doch am Ziel sind wir noch lange nicht. Ich bin überzeugt, dass es heute an Zeit ist, den Geschlechterkampf zu beenden und dass wir – Frauen und Männer – den Kampf für eine gerechtere Gesellschaft gemeinsam führen müssen. Lasst uns auf doppelt so vielen Schultern stehen.