Prozess
Handgranaten-Wurf: Dem Angeklagten drohen elf Jahre Gefängnis

Im Prozess um den mutmasslichen Handgranaten-Werfer von Buchs forderte der Bundesstaatsanwalt elf Jahre Haft für den Angeklagten. Die Verteidigung stellte dagegen die Anklage vom Kopf auf die Füsse. Das Urteil fällt am Freitag.

Gerhard Lob, Bellinzona
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Eine solche Handgranate soll der Beschuldigte hier, an der Lenzburgerstrasse in Buchs, nach seiner Ehefrau geworfen haben.

Eine solche Handgranate soll der Beschuldigte hier, an der Lenzburgerstrasse in Buchs, nach seiner Ehefrau geworfen haben.

Patrick Züst/TeleM1

Alles schien klar. Bei der Explosion vom 3. April 2014 am frühen Morgen in Buchs versuchte der 56-jährige Bosnier M.M. seine von ihm getrennt lebende Ehefrau mit einer Handgranate umzubringen. Motive hatte er laut Bundesanwaltschaft genügend, insbesondere habe er das Ende der Unterhaltszahlungen von 2400 Franken im Monat angestrebt.

Bundesstaatsanwalt Peter Lehmann wiederholte am Dienstag in seinem Plädoyer die schweren Anschuldigungen und fordert eine Gefängnisstrafe von elf Jahren gegen den in Sicherheitshaft sitzenden Bosnier wegen versuchten Mordes, schwerer Körperverletzung sowie Gefährdung durch Sprengstoffe und Sachbeschädigung. Allerdings machte er keinen Hehl daraus, dass ihm der Auftritt der Ehefrau am Dienstag wenig gefallen hatte. Sie hatte sich in einige Widersprüche verstrickt.

Genau die Rolle dieser Ehefrau, die Opfer der Handgranatenexplosion wurde, stand im Zentrum des Plädoyers der Verteidigung. Für Anwalt Stefan Meichssner hat die 60-Jährige mehrfach gelogen und ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Es sei doch mehr als merkwürdig, dass sie eine blutende Unterleibsverletzung mit einem Granatsplitter erst elf Stunden nach der Tat entdeckt habe. Und wie sei es möglich, dass sie nach der Tat zuerst bei der Schwiegertochter Kaffeetrinken war.

Ein komisches Gefühl habe ihn stets in diesem Fall begleitet, sagte der Verteidiger, und kehrte den Spiess um: «Das Opfer ist der Täter.» Wahrscheinlich habe sie die Handgranate selbst mit Hilfe ihres Bruders präpariert, um eine Verletzung auszulösen, für den sie ihren Ex-Mann verantwortlich machen wollte. Das ganze Konstrukt habe sie gebraucht, um Rache zu üben und wieder an eine IV-Rente zu kommen.

Tatsächlich hatte die Bosnierin eine volle IV-Rente erhalten, die ihr aber entzogen wurde, nachdem man festgestellt hatte, dass die «ständigen Schmerzen am ganzen Körper» offenbar vorgetäuscht waren. Zudem sind Rückzahlungsforderungen von mehr als 50'000 Franken hängig.

Für die Verteidigung hatte der Ehemann hingegen kein Motiv, sich der getrennt lebenden Ehefrau zu entledigen, zumal die Scheidung schon so gut wie perfekt war. Daher der Antrag auf Freispruch aus Mangel an Beweisen und gemäss dem Grundsatz «in dubio pro reo» (im Zweifel für den Angeklagten).

Der Zweifel bezog sich auf die DNA-Spuren des Ehemanns am Sicherungsbügel der Handgranate. Der Verteidiger meinte, dies sei nur ein bedeutsames Indiz, aber kein Beweis für die Präsenz von M.M. am Tatort. Seine Ehefrau könnte die Handgranate mit seiner DNA, etwas einem Kleidungsstück, präpariert haben: «Ein DNA-Transfer ist möglich.»

Für die Bundesanwaltschaft und die Vertretung der Privatklägerschaft sind solche Theorien absurd. «Warum sollte sich jemand mit einer Handgranate selbst verletzen?», fragte Anwältin Pia Gössi in der Replik. Das sei viel zu gefährlich. Zudem verkenne die Verteidigung vollkommen, dass das Opfer an posttraumatischen Belastungsstörungen leide.

Viele Ungereimtheiten bleiben in diesem Fall. In seinem Schlusswort wiederholte der Beschuldigte, was er schon in der Befragung gesagt hatte: «Ich habe mit dem vorgeworfenen Sachverhalt nichts zu tun und ich bin nicht im Stande, so etwas zu tun.» Er habe in seinem Leben noch nie eine Handgranate in der Hand gehabt. Am liebsten würde er wieder arbeiten gehen, als Gleisarbeiter und Schweisser, so wie vor seiner Verhaftung. Das Urteil fällt am Freitag um 15 Uhr.