Verwaltungsratspräsident Beat Huber
Gewinneinbruch um 70 Prozent: «Die Eniwa lief in den letzten Jahren sehr hochtourig»

Ein Gewinneinbruch um 70 Prozent. Eine Dividendenkürzung, die in Aarau sechs Steuerprozenten entspricht: Was ist los bei der Eniwa? Braucht es frischen Wind im Management? Verwaltungsratspräsident Beat Huber nimmt Stellung.

Urs Helbling
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Beat Huber (46) ist im Fricktal aufgewachsen, wohnt mit seiner Familie in Suhr (zwei Kinder). Er war Spieler beim FC Aarau.
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Eniwa-Verwaltungsratspräsident Beat Huber
Huber wurde 2017 in den Verwaltungsrat der damaligen IBAarau gewählt. Er ist seit Mai 2018 Verwaltungsratspräsident (als Nachfolger von Jolanda Urech). Huber sagt über seine Tätigkeit für die Eniwa: «Sie macht sehr viel Spass. Die Arbeit ist sehr intensiv, die Eniwa eine tolle Firma.»

Beat Huber (46) ist im Fricktal aufgewachsen, wohnt mit seiner Familie in Suhr (zwei Kinder). Er war Spieler beim FC Aarau.

Colin Frei

Herr Huber, Sie sind jetzt seit einem Jahr Präsident der Eniwa. Was hat Sie am meisten überrascht?

Beat Huber: Ich bin viel in der Branche unterwegs und kenne vor allem die Stadtwerke sehr gut. Effektiv überrascht hat mich, dass bei der Eniwa eine derart grosse Anzahl von Projekten gleichzeitig gestemmt wird: der Neubau, der Umzug, der Namenswechsel, das neue ERP System ... – das war eine extreme Belastung für die ganze Mannschaft. Und das merkt man auch. Die Eniwa ist in den letzten zwei, drei Jahren sehr hochtourig gelaufen.

Und?

Erstaunt hat mich auch die auffallend negative Berichterstattung der AZ über die Eniwa. Sie kommt aus meiner Optik sehr schlecht weg.

Wir hätten erwartet, dass Sie den Gewinneinbruch bei der Eniwa auf nur noch 3,5 Millionen Franken nennen?

Das schlechte Resultat ist sehr unbefriedigend. Für den Verwaltungsrat war es aber absehbar und kam deshalb nicht überraschend. Die Gründe sind bekannt. Einerseits gibt es externe Faktoren wie die Witterung, andererseits haben wir in den Dienstleistungsbereichen teils schlecht gewirtschaftet.

Also gar keine Überraschung?

Doch. Dass der Reingewinn gegen Jahresende noch mehr einbrach, war dann schon eine Überraschung und hat mit der negativen Börsenperformance im Dezember zu tun.

Der Kostendruck ist da – und er wird bleiben. Da müssen wir hart ansetzen.

Spüren Sie als Verwaltungsratspräsident einen Druck seitens des 95,4%-Aktionärs Stadt Aarau?

Unter den Stadtwerken hat die Eniwa eine sehr gute Governance-Struktur, also gute Führungsstrukturen und Aufgabenteilungen. Sie ist nicht in eine Verwaltung integriert, keine öffentlich-rechtliche Gesellschaft, sondern eine Aktiengesellschaft. Der Eigentümer hat seine Leitplanken und Vorgaben in der Eignerstrategie verankert, die auf der Gemeindeordnung und auf dem städtischen Energieplan basiert. Die Eignerstrategie wurde 2018 in Zusammenarbeit mit Stadt- und Einwohnerrat überarbeitet. Die gute und gelebte Governance Struktur war für mich Voraussetzung, dass ich das Amt als Verwaltungsratspräsident überhaupt übernommen habe.

Also sagen Ihnen die beiden städtischen Verwaltungsräte Hanspeter Hilfiker und Werner Schib nicht, wo es langgeht?

Meine beiden Kollegen können sehr gut unterscheiden, welchen Hut sie wo anhaben. Im Verwaltungsrat sind sie zwei von acht Mitgliedern und bilden die Schnittstelle zur Stadt.

Gibt es kritische Fragen seitens des Gemeindevertreters Markus Goldenberger?

Es gibt von allen Verwaltungsräten kritische Fragen, sonst wären sie am falschen Ort. Zu einzelnen Verwaltungsratsmitgliedern kann ich nichts sagen.

Haben die Gemeinden ausserhalb von Aarau keine Vorbehalte gegenüber den Investitionen beispielsweise in das Aarauer Fernwärmenetz?

Der Kontakt mit den Gemeinden ist sehr gut. Die Eniwa investiert zwar im Moment für den Aufbau der Wärmeversorgung vor allem in Aarau. Erste Projekt sind aber auch in Buchs und in weiteren Gemeinden mit höherer Wärmebezugsdichte in Vorbereitung.

Aber das kostet Geld ...

... mit der Investition in ein Fernwärmenetz macht die Eniwa das, was andere Stadtwerke etwa in Zürich, Basel und Bern ebenfalls tun. Das Gas kommt wegen des CO2-Ausstosses immer mehr unter Druck. Es besteht die Gefahr, dass wir beim Gas plötzlich nicht mehr konkurrenzfähig sind. Mit der Fernwärme können wird langfristig eine Ablösung durch eine ökologischere Wärme herbeiführen. Eine solche Investition ist ein Muss, auch wenn sie erst mittel bis langfristig rentabel sein wird.

Ist eigentlich die Strategie der Eniwa gefestigt oder findet eine Diskussion darüber statt?

Es gibt jährlich eine Strategiediskussion. 2018 haben wir uns dafür zweieinhalb Tage Zeit genommen und mit externer Unterstützung die Strategie überarbeitet, respektive nachjustiert.

Was heisst das konkret?

Wir werden unseren Weg vom Energieversorger zum Energiedienstleister konsequent weiterführen. Eine effiziente Umsetzung der beiden Grossprojekte Fernwärme und Wasserkraftwerk ist für die Eniwa wichtig und eine Investition in die Zukunft. Langfristig ist die Eniwa zu klein, um sämtliche Dienstleistungen kostengünstig anbieten zu können. Darum werden für uns Kooperationen zukünftig sehr wichtig.

Und?

Wir sind mit der Eigenkapitalrendite nicht zufrieden. Der Fokus wird künftig viel stärker darauf und auf dem Unternehmensergebnis sein. Wir haben dazu im Budget 2019 bereits erste Massnahmen getroffen.

Was ist für die Eniwa wichtiger: Die Versorgung ihrer Konsumenten mit möglichst günstigem Strom oder das Vorantreiben der Energiewende?

Es ist beides wichtig. Die Stadt Aarau hat 2012 dem Gegenvorschlag zur ESAK-Initiative klar zugestimmt und sich für die Energiewende ausgesprochen. Unser Auftrag ist es, dies möglichst effizient und kostengünstig umzusetzen. Es geht dabei nicht darum, was wichtiger ist: Erstrebenswert ist es, die Ziele Ökologie und Kosteneffizienz zu vereinbaren.

Finden Sie nicht, der Strom der Eniwa sei im Vergleich zu teuer?

Wenn man Gleiches mit Gleichem vergleicht, sind wir nicht zu teuer. Die Kostenstrukturen bei den Netzen sind sehr unterschiedlich. Und dann spielt es eine Rolle, ob jemand einfach Graustrom ohne Herkunftsnachweis anbietet oder, wie wir, einen Teil selber in einem Wasserkraftwerk produziert. Man darf zudem nicht vergessen, dass die Schweizer Wasserkraftproduzenten sehr hohe Konzessionsabgaben an die Kantone bezahlen. Im Falle des Kraftwerks Aarau sind dies über 2 Rappen pro Kilowattstunde.

Wenn ein Kunde einfach den günstigsten Strom will, werden wir ihn verlieren.

Dank der anstehenden Strommarktliberalisierung werden auch die kleinen Konsumenten in absehbarer Zeit ihren Lieferanten frei wählen können. Haben Sie keine Angst, dass die Kunden massenhaft der Eniwa den Rücken zukehren werden?

Nein. Wenn ein Kunde einfach das günstigste Produkt will, völlig egal, wie es produziert wird und wo es hergestellt wird, werden wir ihn verlieren. Aber ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Kunden so tickt. Nehmen wir das Beispiel Krankenkassen: Da sind auch nicht einfach alle bei der günstigsten.

Glauben Sie daran, dass sich der 130 Millionen Franken teure Neubau des Wasserkraftwerkes noch vernünftig refinanzieren lässt?

Das denke ich schon. Für die Gestehungskosten ist es massgebend, wie viele Fördergelder wir erhalten werden. Wir möchten das Maximum, ungefähr 40 Millionen Franken, herausholen – dafür braucht es aber die Produktionssteigerung.

Hand aufs Herz: Die Mitteldamm-Diskussion finden Sie lächerlich.

Ganz und gar nicht. Ich habe an der Aare gewohnt und bin sehr oft auf dem Mitteldamm spazieren gegangen. Zudem bin ich Fischer. Ich kann also sehr gut verstehen, dass der Mitteldamm den Menschen ans Herz gewachsen ist.

Zur Person

Beat Huber (46) ist im Fricktal aufgewachsen, wohnt mit seiner Familie in Suhr (zwei Kinder). Er war Spieler beim FC Aarau. Der Ökonom ist Unternehmer. Er ist unter anderem Gründungspartner der Fontavis AG (Baar ZG). Diese investiert Gelder von Schweizer Pensionskassen in Energieinfrastrukturen. In dieser Funktion war er gestern Freitag beim Spatenstich eines Wärmeverbundes in Engelberg dabei. Huber wurde 2017 in den Verwaltungsrat der damaligen IBAarau gewählt. Er ist seit Mai 2018 Verwaltungsratspräsident (als Nachfolger von Jolanda Urech). Huber sagt über seine Tätigkeit für die Eniwa: «Sie macht sehr viel Spass. Die Arbeit ist sehr intensiv, die Eniwa eine tolle Firma.»

Aber?

Unsere Aufgabe ist es, das Projekt unter Einbezug von ökologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen optimal umzusetzen. Dabei ist die Produktionssteigerung und damit verbunden das Generieren von Fördermitteln enorm wichtig. Können wir diese Leistungssteigerung anders erzielen, werden wir es machen.

Doch?

Mit dem aktuellen Projekt wird das Gebiet rund um das Kraftwerk gegenüber heute klar aufgewertet. Das ist in der ganzen Diskussion zu wenig herausgekommen. Bisher kaum erwähnt wurde, dass die Eniwa etwa das ganze ehemalige Werkhofgebiet aufgeben und renaturieren wird. Es gibt zudem einen grossen Spielplatz.

Was hat der Verwaltungsrat dem Management nach dem Gewinneinbruch verordnet?

Der Kostendruck ist da – und er wird bleiben. Da müssen wir hart ansetzen. Wir werden alles unter die Lupe nehmen. Etwa unsere Dienstleistungspalette kritisch hinsichtlich des Beitrags zum Unternehmensergebnis überprüfen und wenn nötig fokussieren. Neben der Fernwärme und dem Wasserkraftwerk werden wir bei weiteren Investitionen zurückhaltend sein. Eigner und Verwaltungsrat haben eine Obergrenze für die maximale Verschuldung klar festgelegt.

Gibt es Entlasssungen?

Das ist nicht vorgesehen. Allenfalls wird der Personalbestand über die Fluktuation verkleinert.

Muss die Eniwa nicht zu einer Mentalität mit mehr Bescheidenheit zurückkehren?

Es geht hier nicht um bescheiden oder nicht bescheiden. Es geht darum, für die Eniwa unter den geltenden Rahmenbedingungen die beste Strategie und Umsetzung zu wählen. Über viele Jahre war man bei der damaligen IBAarau eher zurückhaltend mit den Investitionen. Das hat dazu geführt, dass jetzt neben den drei Generationenprojekten Neubau Hauptsitz, Fernwärme und Kraftwerk auch weitere Investitionen wie der Ersatz Mittelspannungskabel (Projekt Forte) oder der Reservoir-Neubau Gönhard II getätigt werden müssen.

Halten Sie den Gewinneinbruch für einen einmaligen Ausrutscher?

Der tiefe Gewinn hängt von vielen Faktoren ab. Trockenheit und/oder warmes Wetter schlagen sich im Ergebnis nieder, das können wir nicht beeinflussen. Wir haben in gewissen Bereichen schlecht gewirtschaftet und sind nicht dort, wo wir sein möchten. Wir werden die Dinge beeinflussen, die wir können. Ich bin zuversichtlich, dass sich dies in einem besseren Resultat niederschlagen wird. Aber die Rahmenbedingungen werden nicht einfacher. Der Strom- und Gasbereich wird zunehmend liberalisiert. Der Druck wird wachsen.

Und was ist mit den Finanzanlagen der Eniwa?

Es kann nicht sein, dass unser Unternehmensergebnis stark von der Entwicklung der Börse beeinflusst wird. Wir haben klar gesagt, dass wir das nicht betriebsnotwendige Vermögen, die Finanzanlagen, für Investitionen in unser Kerngeschäft einsetzen wollen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie am leerstehenden alten Hauptgebäude an der Oberen Vorstadt vorbeifahren?

Ich hoffe und freue mich darauf, dass es in absehbarer Zeit vermietet wird. Wir sind in Verhandlung mit dem Kanton. Bei den Zwischennutzungen sind uns aus Zonenplangründen Grenzen gesetzt. Eine dauerhafte private Vermietung ist aktuell gar nicht möglich. Die neue BNO wird uns da helfen.

Könnten Sie sich vorstellen, dass etwas frischer Wind im Management der Eniwa guttun würde?

Der Verwaltungsrat hat die Strategie und die Stossrichtungen definiert und traut dem Management auch zu, diese umzusetzen. Der Verwaltungsrat spricht dem CEO und dem Management vollstes Vertrauen aus und ist überzeugt, dass wir gemeinsam auf dem richtigen Weg sind und unsere strategischen Stossrichtungen weiterverfolgen werden. Die Stossrichtungen sind klar formuliert, nun müssen diese umgesetzt werden. Die nächsten Jahre werden sicherlich nicht einfacher werden. Nach den vielen Veränderungen werden wir uns auf die grossen Hauptprojekte konzentrieren und unsere Aufgaben im Bereich der Ergebnisverbesserung erledigen.

Wer Eniwa-Aktien gekauft hat, machte kein gutes Geschäft

2001 wurde die damalige IBAarau in eine Publikumsgesellschaft umgewandelt. Die Stadt wollte maximal 17 ihrer damals 97 Prozent ander IBA unters Volks bringen. 3 Prozent gehörten seit 2002 den Vorortsgemeinden. Doch die Nachfrage lag weit unter den Erwartungen. Warum genau, ist schwer zu eruieren. Fest steht, dass der Ausgabepreis mit 1260 Franken relativ hoch war – zumindest für eine Volksaktie.

Es sollte explizit keine «Fressaktie» werden – auch wenn das Abendessen, der gemütliche Teil nach der Generalversammlung, stets eine grosse Bedeutung hatte. Bisher fand die Versammlung jeweils in der Bärenmatte in Suhr statt. Neu wird sie im grossen Saal am Hauptsitz an der Industriestrasse in Buchs durchgeführt (16. Mai, 17.30 Uhr). Wortmeldungen hatten an den Generalversammlungen bisher Seltenheitswert.

Ende letzten Jahres hatte die Eniwa 802 Aktionäre. Das Aktienkapital beträgt 30 Millionen Franken (300 000 Aktien zu 100 Franken). 95,4 Prozent des Kapitals befinden sich in den Händen der Stadt Aarau, 1,7 Prozent bei den Vorortsgemeinden (seit 2011 haben offensichtlich einige ihrer Beteiligungen abgebaut). Die Publikumsaktionäre halten 2,9 Prozent.

Wer als Kleinaktionär 2011 eingestiegen ist, hat ein schlechtes, aber kein katastrophales Geschäft gemacht. Es gab – neben dem Nachtessen – stets Dividenden: Zuletzt 20 Franken, jetzt voraussichtlich nur noch 7.20 Franken. Aber die Kursentwicklung war unerfreulich: Das Papier, das anfänglich 1260 Franken kostete, ist jetzt nicht mehr 800 Franken Wert. Gestern hätte es jemanden gegeben, der für 740 Franken gekauft hätte, das tiefste Verkaufsangebot lag bei 840 Franken. Vor einer Woche lag das Verhältnis noch bei 780/869.

Noch in alter Zusammensetzung hat der Stadtrat beschlossen, für 15 der 95,4 Prozent Aarauer Aktien einen Käufer zu suchen. Das Paket hätte gemäss den damaligen Intuitionen 50 Millionen Franken einbringen sollen. Über den Fortschritt des Verkaufsprozesses ist in den letzten Monaten nichts bekannt geworden. (uhg)