Aarau

Für jeden Aarauer Randständigen gibt es eine Portion Pasta und Respekt

Marcel Bürgi in seiner Gassenküche zusammen mit seinen Freiwilligen, die ihm für Anerkennung und Gratis-Essen helfen.

Marcel Bürgi in seiner Gassenküche zusammen mit seinen Freiwilligen, die ihm für Anerkennung und Gratis-Essen helfen.

Marcel Bürgi kocht mitten im wohlhabenden Gönhardquartier für die Randständigen von Aarau. Es ist seine Berufung. Sein grosses Vorbild: der Zürcher Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber.

Die Sommerschuhe sind schnell nass. Die Wiese vor dem Blaukreuz-Haus glänzt vom Regen. Schnell eingetreten in das Holzhaus im Park der Gönhardgüter, das auch bei Sonnenschein «Schärme» heisst.

Der Name bezieht sich nicht auf eine meteorologische Wetterlage, sondern auf den Schutz in einem anhaltenden Lebenstief. Es ist – neben dem Bus im Park – einer von nur zwei Orten für Randständige in Aarau.

Auf dem Bahnhofplatz, wo sich jene mit den schwierigen Lebensgeschichten und ihren zu langen Tagen auch aufhalten, stören sie das geordnete Stadtbild (wir berichteten).

Auch Marcel Bürgi sind die Randständigen auf den Tulpensitzen aufgefallen. Weil sie ihn an seine Vergangenheit erinnerten. Noch vor 13 Jahren war der gebürtige Menziker selbst in den Drogen und im Alkohol.

In Winterthur lebte er damals, als er den Ausstieg schaffte. Mit Musik und der reformierten Landeskirche. Er konnte für sie als ungelernter Jugendarbeiter wieder ins geregelte Leben einsteigen.

«Man muss etwas tun»

2012 stellte ihn die Heilsarmee in Aarau als Jugendarbeiter an. Auf dem Heimweg sah er die Leute am Bahnhof. «Ich wusste, man muss etwas machen, weil niemand etwas macht», sagt er.

Marcel Bürgi hat sich im «Schärme» auf einen Stuhl gesetzt. Jetzt hat er Zeit. Alle seine Gäste haben Hörnli mit Ghackets bekommen, die Teller sind leer.

«Zwei Jahre lang habe ich mich jeweils einfach zu den Leuten gesellt und mit ihnen geredet. So habe ich Freunde gewonnen. Eigentlich sind das hier alles meine Freunde jetzt», sagt er und blickt sich um. Der Mann vis-à-vis am Tisch, der seine Brille aufgesetzt hat und im «Blick am Abend» blättert, nickt.

Bürgi fragte bei der Heilsarmee, ob er nicht einen Raum bekommen könnte, um für die Leute zu kochen. Es klappte nicht. Bis nach einem Konzert, das er in der Kapelle in Bottenwil gegeben hatte, eine alte Frau auf ihn zu kam und sagte: «Das Blaukreuz-Haus im Aarauer Gönhard wird nur noch einmal pro Woche genutzt.» Bürgi rief sofort an. Und bekam den Schlüssel.

Es gibt Pasta und Gesellschaft

Seit letztem November kann er das Haus nutzen, montags und dienstags für 30 Franken pro Tag. Werbung musste er keine machen, die Leute vom Bahnhof kannten ihn ja. Zehn bis dreissig Personen kommen jeweils zu seinem Znacht, das nichts kostet. Meist gibt es Pasta und Salat. «Ich komme auch wegen der Gesellschaft», sagt der Mann vis-à-vis am Tisch.

Niemand muss sich anmelden, Bürgi kocht genug. Die Resten gibt er seinen freiwilligen Helfern mit. 100 bis 120 Franken braucht er für ein Znacht, finanziert von der Heilsarmee.

Sie hat Bürgi auch bewilligt, 30 Prozent seines Arbeitspensums für die Gassenküche zu verwenden. Er sagt, er hätte es so oder so gemacht, «das ist meine Berufung.» Sein grosses Vorbild: der Zürcher Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber.

Alkohol darf im «Schärme» nicht getrunken werden. Wer unbedingt ein Bier braucht, muss einen Spaziergang machen. Noch nie sei jemand aggressiv geworden, sagt Bürgi.

«Am Bahnhof ist manchmal Pulverfass-Stimmung, hier ist es friedlich. Hier kommt auch mal einer, der sagt: Ich will raus aus dem Scheiss. Am Bahnhof zelebrieren sie die Gleichgültigkeit.» Es bräuchte etwas, was die ganze Woche offen hat, findet er.

Keine Missionar

Cat ist auch wieder da. Die 17-jährige Schwangere vom Bahnhof. Das Geld sei grad extrem knapp, sagt sie, die Mutter zahle nichts, obwohl sie noch minderjährig sei.

Eine junge Frau ist mit ihrem Baby gekommen. Andere haben die 50 längst überschritten. Bürgi redet mit allen, die wollen. «Tschau Marcel», sagt eine Kollegin von Cat. «Morgen komme ich früher hierher, ich muss unbedingt mit dir reden. Ich wurde mitten ins Gesicht angelogen.» Bürgi nickt.

Er sagt, er mache seine Arbeit hier als Heilsarmeesoldat, als einer, der es geschafft hat, rauszukommen. «Aber nicht als Missionar.» Zwar singt er jeweils zwei Lieder, aber erst kurz vor Schluss um halb 8 Uhr. Wenn einer mit Religion nichts anfangen könne, sei ihm das egal. Er könne selbst nicht viel mit Religion anfangen. «Mit Gott schon, er hat mir rausgeholfen. Aber das ist nicht der einzige Weg.»

Musik statt Erziehung

Für Bürgi war auch die Musik eine Hilfe. Für andere auch. Eine Helferin sagt zu ihrem Kollegen: «Es gibt Duschbrausen in Form eines Mikrofons, das wär was für dich!» «Er braucht zuerst eine Wohnung», sagt Bürgi. Auf der Strasse schläft zwar niemand. Aber viele mal da mal dort bei Kollegen.

«Er hätte seine Wohnung noch, wenn er die Lehre nicht abgebrochen hätte», weiss Bürgi. Aber er fragt sich: «Warum hat er sie abgebrochen? Warum ist einer mit dem Leben überfordert?»

Bürgi hat sich ins Feuer geredet. Er wirkt glücklich. «Ich muss die Leute hier nicht erziehen. Das machen andere Stellen. Ich rede ohne Fachjargon, ich bin kein Sozi. Ich bin eher der Gassenprediger, biete Liebe und verurteile keinen. Sie dürfen hier sein, ohne zuerst ihr ganzes Leben ändern zu müssen.»

Nicht einmal Aufräumen verlangt er. «Die Leute werden bedient.» Ihm ist das wichtig. Und dass der Ort weg sei vom Bahnhof.

Der Mann vis-à-vis, flattiert einen Hund und fragt: «Na, ist alles in Ordnung?»

Stefan Rosenberg (l.) und Dani Ringier von der Stadtpolizei Aarau sehen direkt auf den Bahnhofplatz.

Stefan Rosenberg (l.) und Dani Ringier von der Stadtpolizei Aarau sehen direkt auf den Bahnhofplatz.

«Die Randständigen sorgen selbst für einen gewissen Ordnungsstandard»

Die Stadtpolizei hat von ihrem Posten aus direkten Blick auf den Bahnhofplatz. Er ist für den Aussendienst einer von Aaraus Hotspots. Die Stadtpolizei Aarau hat ebenfalls engen Kontakt zur Randständigen-Szene. Das Ziel der Polizei ist zwar ein ganz anderes als jenes von Gassenkoch Bürgi. Doch im Interview mit Polizeichef Dani Ringier und dem Leiter des Aussendienstes, Stefan Rosenberg, zeigt sich eine überraschend tolerante Haltung.

Herr Ringier, Herr Rosenberg, der Bahnhof ist einer von mehreren Hotspots in Aarau, welche die Stadtpolizei regelmässig kontrolliert. War das schon mit dem alten Bahnhof so?

Dani Ringier: Der alte Bahnhof hatte nicht die Attraktivität des heutigen. Der heutige zieht Leute aller Art an und die Randständigen haben auch das Recht, dort zu sein, wenn sie sich an gewisse Regeln halten. Die anderen Leute sollen sich nicht gestört fühlen – zu Recht, nicht im subjektiven Sinne. Es geht also nicht, dass Leute aggressiv sind oder sich so ausbreiten, dass andere behindert werden.

Ist es schwierig, die Grenze zu ziehen, was Sie zulassen und was nicht?

Ringier: Ruhe und Ordnung herzustellen, ist unser täglicher Job. Meist gibt es keine Probleme. Die Randständigen bewirtschaften von sich aus einen gewissen Standard von Ordnung. Es gibt auch Krawattenträger, die Kaugummi ausspucken.

Stefan Rosenberg: Manchmal ist es den Leuten gar nicht bewusst, dass sie auffallen. Dann gehen wir auf sie zu. Sie sind meistens offen für unsere Hinweise, wenn zum Beispiel Bierdosen rumstehen. Der Umgang ist anständig. Wir akzeptieren sie ungeachtet ihrer sozialen Stellung. Wir fragen, wie es ihnen geht, man kennt einander. Schliesslich sitzen sie da auf dem Platz auch ziemlich ausgestellt und sie kennen die Sanktionen.

Sie verteilen Platzverbote.

Ringier: Ja, das gibt es zum Beispiel bei Gewalt und Drohungen. Das wirkt. Aber wir sprechen nicht einmal ein halbes Dutzend Platzverbote pro Jahr aus.

Wie halten Sie die Balance zwischen Helfer und Ordnungshüter?

Ringier: Mit uns ist nicht viel verhandelbar. Ghettoblaster zum Beispiel sind in Aarau schlicht verboten. Wer sich nach einem Verweis nicht daran hält, kriegt eine Busse, wer es abermals tut, dessen Gerät wird vorläufig sichergestellt.

Wie steht die Polizei denn zu den Randständigen?

Ringier: In der Stadt dürfen sich nicht nur die perfekten Steuerzahler aufhalten. Das versuchen wir auch den Polizisten zu vermitteln. Aber Kumpel sind wir deswegen nicht. Auch wenn wir mal einen nach Hause fahren.

Welches sind die mühsamen Klienten?

Rosenberg: Es ist eine speziell dynamische Situation mit dieser Personengruppe. Aber ernsthafte Konflikte gibt es nur selten. Wenn, dann unter Alkohol-, Medikamenten- und Drogeneinfluss.

Ringier: Wenn es dazu kommt, nehmen wir die Leute oft mit. Einzeln ist es meistens einfacher, ein konstruktives Gespräch zu führen.

Sind die Jüngeren mühsamer?

Rosenberg: Die Älteren sind oft die Umgänglicheren, weil sie es lockerer nehmen. Die Jungen sind impulsiver.

Ringier: Die Mehrheit stammt übrigens nicht aus Aarau. Mir fällt noch etwas anderes auf: Die Leute sterben früh. Es gibt mir zu denken, wie viele Gesichter schon nicht mehr da sind, seit ich vor 14 Jahren Polizeichef wurde. Da wählt einer ein-, zweimal im Leben die falsche Abzweigung und schon kürzt er sein Leben ab. Der Bahnhofplatz kann ja nicht das Lebensziel eines jungen Menschen sein.

Lernen Sie die Geschichten der Leute kennen?

Ringier: Manchmal schon. Oft sind sie sehr einsam. Wenn sie vom Bahnhof weggehen, gehen sie zurück in die Einsamkeit. Dabei waren doch auch sie mal Kinder mit allen Hoffnungen des Lebens.

Was hören Sie von den Passanten?

Rosenberg: Momentan gibt es sehr wenige Reklamationen. Nicht einmal von den Bus-Passagieren.

Ringier: Als wir vor drei Jahren das Problem mit Ladendiebstahl und Drogendealern am Bahnhof hatten, war das anders. Aber die Randständigen sind selten kriminell.

Fänden Sie es besser, die Randständigen hätten noch einen anderen Ort, wo sie sich aufhalten könnten als am Bahnhof?

Ringier: Da ist eine politische Frage. Mich persönlich überzeugt der Bus im Park, der in der kalten Jahreszeit zur Verfügung steht. Das ist ein gutes Projekt der Sozialen Dienste. Ich empfinde Aarau als gut aufgestellt, ich habe nicht das Gefühl, dass es zum Beispiel eine Notschlafstelle braucht.

Rosenberg: Im späteren Verlauf der Nacht sind kaum noch Randständige zu sehen. Der Bahnhof ist einfach ein Treffpunkt.

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