Sie ist Parteimitglied der FDP und eine der Jüngsten im Aarauer Einwohnerrat. Kein Zufall also, dass sie sich für ein Anliegen einsetzt, das die älteren Räte kaum noch bewegt: das Nachtleben in Aarau. Die 28-jährige Anwältin ist auch während des Studiums in Basel in Aarau wohnen geblieben und begründet das unter anderem so: «Damals gab es noch ein breites Angebot an Clubs.» Heute, so findet sie, liege das Nachtleben in Aarau brach, nachdem die Clubs Kettenbrücke (KBA), Bleifrei und Zoo schliessen mussten, weil die Liegenschaften anderweitig gebraucht werden.

Frau Müller, wo waren Sie am letzten Wochenende im Ausgang?

Olivia Müller: Am Freitag war ich mit Freundinnen aus Zürich im Boiler in der Altstadt, am Samstag zu Hause.

Wie war es im Boiler?

Sehr gut. Es hatte viele Leute, die meisten zwar jünger als ich, aber der Boiler ist wertvoll: Es ist der einzige Club, wo man, ohne aufs Programm schauen zu müssen, am Wochenende tanzen gehen kann. Ein Club reicht aber nicht. Im KiFF oder im Jugendhaus Flösserplatz ist nicht immer Party. Allenfalls noch im Club Schlaflos in der Telli, aber da war ich noch nie.

Aarau wurde in den letzten 15 Jahren lebendiger. Sie aber schrieben in einer Stellungnahme, Aarau verkomme zu einem Altersheim. Haben Sie Indizien dafür?

Ich beklage nicht alles. Abseits vom Nachtleben macht die Stadt viel für die Kultur, das Angebot ist mit Schlössli, Tuchlaube, Naturama, Alte Reithalle, Freier Film, Kunsthaus etc. sehr attraktiv.

Aber nicht für die Jungen?

Ich meine nicht nur die Jungen, sondern die ausgehfreudigen Aarauer, deren Altersspektum bis 80 Jahre geht. Die Jazz-Bar, die an der Laurenzenvorstadt geplant war, wäre auch für Ältere gewesen.

Warum kam die nicht zustande?

Es war wie immer: Es hagelte Einsprachen. Mir geht es deshalb auch nicht darum, dass die Stadt das Nachtleben finanziell fördert, sondern die Wichtigkeit des Nachtlebens kommuniziert und das auch den Einsprechern signalisiert.

Wohnen Sie in der Altstadt?

Nein, ich wohne nahe dem Friedhof.

Verstehen Sie das Nachtruhe-Bedürfnis der Altstadtbewohner?

Natürlich. Man muss das gegeneinander abwägen. Aber momentan hat die Lobby der Anwohner in der Stadt ein starkes Gewicht. Und auch die Bewilligungsbehörde hält sich strikt an das Reglement: Ab zwei Uhr müssen in der Altstadt alle schliessen.

Was soll die Stadt denn anders machen?

Oft geben jene, die in Aarau etwas eröffnen wollen, auf, wenn sie sehen, es gibt Widerstand. Das ist schade. So war es auch bei der geplanten Musikbar an der Rathausgasse. Wenn die Stadt ein positives Signal senden würde, würde das allenfalls die Initianten motivieren.

Aber reicht das auch, um einen Nachbarn, der nachts gerne ruhig schläft, zum Einlenken zu bringen?

Das ist die Frage. Aber man sollte es zumindest versuchen. Ich sage aber gar nicht, neue Clubs müssten in der Altstadt liegen. Das ist tatsächlich nicht realistisch. Der Zoo und das Bleifrei haben gezeigt, dass Industriegebiete für Clubs ideal sind.

Woran scheitert denn die Suche nach geeigneten Räumen ausserhalb der Altstadt?

Gute Frage. Irgendwo in Aarau muss es doch noch Räume für eine Zwischennutzung haben. Ich frage bei der Stadt immer mal wieder nach. Fürs alte Zeughaus könnte sich die Stadt beim Militär doch starkmachen, dass das möglich wird. Mir geht es darum, dass sich die Stadt des Problems bewusst wird. Denn wenn das Angebot so dürftig bleibt, weichen die Ausgehfreudigen nach Baden, Zürich, Luzern oder Olten aus.

Viele Städte, auch Lenzburg, sind nicht unglücklich, wenn die Jugendlichen ausweichen und nicht stören.

Das ist doch diskriminierend! Wir müssen kein zweites Zürich werden, aber schon nur im Vergleich mit Baden kann Aarau nicht mithalten: Baden hat zwei, drei Clubs, wo man einfach mal hingehen kann. Aber es ist hier nicht alles schlechter: Die Bar-Szene ist lebendig. Bloss werden den Wirten mit dem geplanten Gebühren-Reglement über die Aussenbestuhlung auch Steine in den Weg gelegt.

Eines der drei Themen aus dem Projekt «Runder Tisch Altstadt» vom 19. März, welche nun weiterverfolgt werden, widmet sich der Ausgangsszene in der Altstadt. Die betreffende Gruppe will die Bar-Öffnungszeiten bis um 6 Uhr morgens verlängern. Warum?

Weil offenbar das Bedürfnis besteht. Heute, wo die Bars um 2 Uhr schliessen, stehen die Leute danach oft noch in den Gassen herum und möchten eigentlich gerne weiter. Die früheren Clubs waren da ein Auffangbecken.

Sie wünschen sich nicht nur mehr Clubs, sondern auch mehr Angebote am Aareufer, ähnlich den «Buvetten» entlang des Rheins in Basel. Genügt das Angebot mit «Summertime» und Schwanbar nicht?

Es geht mir da um dasselbe wie bei den Clubs: Die Stadt hätte die Gelegenheit, dass in Kultur investiert wird, ohne dass sie selbst Geld in die Hand nehmen muss wie bei den übrigen Kulturbereichen. Mehr Nachtleben würde die Stadt bereichern, auch finanziell: Es gibt Arbeitsplätze und mehr Steuern. Das KBA beispielsweise war sehr lukrativ. Das wirkt sich positiv auf die Stadt aus. An der Aare unten ist das «Summertime» regelmässig überlastet. Da hätte es daneben oder auf der Ostseite der Kettenbrücke noch etwas Platz.

So wie in Basel?

Ja, aber ich fordere nicht, dass die Stadt Buvetten zur Verfügung stellt wie in Basel. Vielmehr müsste es auch da seitens der Stadt Aarau weniger grosse Hürden für Bewilligungen geben. Wenn der Zonenplan nicht passt, muss man ihn halt ändern. Leute mit Ideen gehen hier von Anfang an davon aus, dass man die Bewilligung eh nicht kriegt. Das ist schade. Da frage ich mich: Was ist anders in Basel?

Aarau ist keine Grossstadt.

Da lautet die Frage: Was wollen wir sein?

Finden Sie, die Aarauer sind nicht urban genug eingestellt?

Nein, ich glaube eher, das Problem ist, dass man die Anliegen der Anwohner zu stark gewichtet. Das sollte man abwägen.

Wogegen sollte man deren Interessen abwägen?

Gegen die Interessen jener Aarauer, die gerne in den Ausgang gehen möchten. Damit die nicht anderswohin flüchten müssen. Das würde auch dazu führen, dass mehr Jugendliche hierbleiben und selbst im Studium nicht wegziehen würden. So, wie es zu meiner Zeit war.