Aarau
Ein Buch geht auf Wanderschaft

Bettina Galliker aus Aarau hat neue Wege gefunden, um ihre Geschichten an die Leser zu bringen.

Bastian Heiniger
Drucken
Teilen
Bettina Galliker präsentiert im Café der Stadtbibliothek ihr Buchprojekt. Bastian Heiniger

Bettina Galliker präsentiert im Café der Stadtbibliothek ihr Buchprojekt. Bastian Heiniger

Mit einer Auflage von sechs Büchern trotzdem viele Leser erreichen? Das geht, dachte sich Bettina Galliker, und schickt ihre Bücher auf Wanderschaft. Lesen, hineinschreiben, weitergeben. So erhofft sich die Autorin, dass ihre Texte nicht nur in Umlauf kommen, sondern auch wachsen: mit jeder Station eine neue Geschichte, ein neues Gedicht oder eine neue Zeichnung. «Der Leser darf die leeren Seiten nach Belieben füllen, muss aber nicht», sagt sie.

In welchen Händen die Bücher landen, bleibt völlig ungewiss. Aber: Nach einem Jahr sollen sie den Weg zurück zu ihr finden. Deshalb liegt jedem Buch eine frankierte Adresskarte bei. In fünf Städten hat Bettina Galliker, die vor zehn Jahren aus der Innerschweiz nach Aarau gezogen ist, je ein Exemplar auf die Reise geschickt. Diese Woche ist auch in Aarau eines gestartet. Vom 25. August an liegt ebenfalls ein Exemplar bis Ende Oktober in der Stadtbibliothek auf. Natürlich darf auch dieses gelesen und mit Beiträgen bereichert werden.

«Das wandernde Buch ist aus Not entstanden», sagt Galliker. Sie hätte ja einen zweiten Roman schreiben wollen. Eigentlich. Doch ihre Kinder hielten sie auf Trab, weshalb sie das Manuskript in der Schublade verstaute. Wann immer sich ein Zeitfenster öffnete, griff die Mutter dennoch zu Stift und Papier, schrieb kleine Stücke. Miniaturen nennt sie diese Texte. Es sind Gedichte, Aphorismen, Kurzgeschichten und Gedankenspiele. Mal heiter, mal melancholisch, mal kindlich verspielt.

Thematisch drehen sich die Miniaturen oft um Kinder. Von ihnen erhalte sie Inspiration. Oft stossen diese einen Gedanken an, den Galliker dann zu einer Geschichte weiterspinnt: Etwa wenn ihre Tochter vor dem Eingang der Badi steht, das Verbotsschild für Hunde sieht und sich fragt, ob stattdessen Elefanten, Zebras oder Krokodile hinein dürfen. In einem anderen Stück bringt Galliker in wenigen Zeilen den Unterschied zwischen Erwachsenen und Kind auf den Punkt:

Wer nach dem Nachtessen noch Hunger meldet, kriegt nichts mehr: das Kind. Wer vor dem Ins-Bett-Gehen noch Gluscht verspürt, nascht Guetzli: die Erwachsenen.

Bald hatte Bettina Galliker 29 Miniaturen beisammen. Genügend, dachte sie sich. Doch was tun damit? Gemeinsam mit ihrer Grafikerin Tina Rubi haben sie verschiedene Möglichkeiten besprochen und sich für das wandernde Buch entschieden. Rubi übernahm die Gestaltung. Für die Umschläge besorgten sie sich in einer Brocki alte Landkarten – jeweils eine von der Stadt, wo das Buch startet. Manche Miniaturen sind auch grafisch speziell umgesetzt: Der Text über Kaffee hat denn auch selbst die Form einer Kaffeetasse. Aufgrund der aufwendigen Gestaltung wäre es allerdings schwierig, das Buch zu verkaufen, sagt Galliker. Allein das Material koste gut 35 Franken. Deshalb produziere sie noch einfachere Broschüren, die über bahati.ch bestellt werden können.

Und was geschieht mit den wandernden Büchern, wenn sie in einem Jahr denn zurückkommen? Das sei noch nicht entschieden. «Vielleicht werden wir einige Beiträge der Leser übernehmen und zusammen mit den eigenen veröffentlichen.»

Wohin das Projekt «Wanderndes Buch» also führt, und ob Bettina Galliker ihr Romanmanuskript wieder aus der Schublade holt, das bleibt alles noch offen. Und von offenen Möglichkeiten handelt ebenfalls Gallikers Kurzgeschichte «Welche Richtung»:

In der Nacht träumte er, er sei ein Vogel und habe den Vogelzug verpasst. Die andern sind längst weggeflogen, dorthin, wo’s warm ist, zu fressen gibt und immer wieder Streit und Lärm.

Jetzt steht er allein am Bahnsteig und wartet. Der Zug ist längst weg. Und plötzlich denkt er, ich könnte auch in die andere Richtung aufbrechen.

Aktuelle Nachrichten