Aarau
Die Kantonshauptstadt rechnet mit bis zu 30'000 Einwohnern

Jetzt sind Visionäre gefragt: Die Hauptstadt revidiert ihre Bau- und Nutzungsordnung total. Das Ziel: Mehr Wohnraum in Aarau. Vor allem in der Telli sieht die Stadt viel Potenzial.

Sabine Kuster
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Hochhäuser ragen nur vereinzelt aus Aarau – und vor allem am Stadtrand.

Hochhäuser ragen nur vereinzelt aus Aarau – und vor allem am Stadtrand.

AZ

«Aarau ist nicht gebaut.» Das sagt Stadtrat Beat Blattner und kehrt damit das geflügelte Wort der Zürcher Stadträtin Ursula Koch vor bald 30 Jahren für Aarau ins Gegenteil. Das Heer der Baukräne neben dem Zürcher Hauptbahnhof widerspricht Koch zwar, doch ganz unrecht hatte sie nicht: Es wurde eng in Zürich. Deshalb suchen nebst vielen Aargauern auch immer mehr Zürcher im zentral gelegenen Aarau bezahlbaren, urbanen Wohnraum. Aber der ist hier ebenfalls rar geworden.
Rund 20000 Menschen leben in Aarau, 28000 arbeiten hier. «Es besteht ein Missverhältnis», sagt Stadtbaumeister Felix Fuchs. Dieses soll mit neuen Wohnbauten nun ausgeglichen werden. Ermöglichen wird es die Totalrevision der Bau- und Nutzungsordnung.
Wachstum schon in 10 Jahren
Der abschliessende Bericht zur Ausgangslage der Revision liegt vor und zeigt: Die Stadt rechnet aufgrund der Bevölkerungsprognosen des Kantons bis in 10, 15 Jahren mit einer Stadtbevölkerung von 25 000 bis 30 000 Personen. Es gilt also nicht nur das Missverhältnis von Bewohnern und Arbeitnehmern auszugleichen, sondern auch noch das generelle Wachstum aufnehmen zu können. «Es ist ein Gebot der Zeit, wenn der Zersiedlung auf dem Land Einhalt geboten werden soll», so Fuchs.
Doch wo sollen die neuen Aarauerinnen und Aarauer einziehen? Auch wenn die Stadt nicht fertig gebaut ist, so liegt sie doch eingezwängt und vieles ist unverrückbar. So heisst es im Bericht denn auch: «Eine Ausweitung des Zentrumsbereichs ist nicht vorgesehen.» Ohnehin würde die Stadt im Norden an topografische Grenzen stossen (Jura) und im Süden die Gartenstadt verdrängen. Deren Qualität soll aber «ungeschmälert erhalten werden».
Nur in der Telli gibts Potenzial
Schon geplant und damit nicht mehr im Fokus sind Torfeld Nord und Süd. Im Torfeld Nord soll spätestens in sechs Jahren gebaut werden. Fortgeschritten ist auch die Planung im Gebiet Bahnhof Süd, Rohr ist inzwischen ebenfalls zu einem grossen Teil überbaut, die Altstadt unantastbar.
Es bleibt: die Telli. «Hier besteht Potenzial für eine gewisse Ergänzung durch weitere Zentrumsnutzungen», schreibt die Stadt vorsichtig. Und nennt als Beispiel die Überbauung «Aaraucar» (Egg-, Telli- und Delfterstrasse), die gemischte Gewerbe- und Wohnnutzung vorsehe.
In der Telli befindet sich auch eine von nur drei Zonen auf Stadtgebiet, wo Hochhäuser gebaut werden könnten. Die Stadt hat 1977 in einem eigenen Richtplan für Hochhausstandorte bestimmt, dass ausserdem noch im Gebiet östlich des Bahnhofs sowie in der Goldern in die Höhe gebaut werden darf (Karte links). Das Papier ist noch immer gültig - und ein eigentlicher Negativplan. Damit wurde vor allem bestimmt, wo in Aarau auf keinen Fall ein Hochhaus gebaut werden darf. Denn kurz davor, 1969, hatte der Bau des AEW-Hochhauses - eingeklemmt zwischen Altstadt und Zelgli - für starken Protest gesorgt.
Hochhausboom vor 40 Jahren
Aarau befand sich damals in einem Hochhaus-Boom: 1965 bis 1971 wurden die drei Goldernhochhäuser gebaut. Das Hochhaus der Rockwell im Torfeld Süd, das «Aquarium» der Alten Kantonsschule, das mit 79 Metern noch immer höchste Gebäude der Stadt, das Tellihochhaus, entstanden ebenfalls in diesen Jahren. 1972 folgte das Kantonsspital, 1974 das Hochhaus am Balänenweg, 1972 bis 1987 die vier Telliblöcke.
Die allerersten hohen Bauten in Aarau sind aber viel älter: Im 15. Jahrhundert entstand die Stadtkirche, im 13. Jahrhundert das Schlössli und der Obertorturm. Dieser ist mit seiner hohen Spitze bis heute immerhin das zweithöchste Gebäude Aaraus und der höchste historische Turm der Schweiz.
Zukunft: flach aber kompakt
Die jetzt angedachte Planung verdient die Bezeichnung «Hochhausboom» nicht: Die Aarauer Stadtentwicklerin Nina Stieger, Stadtbaumeister Felix Fuchs und der zuständige Stadtrat Beat Blattner sehen in den nächsten Jahren bis Jahrzehnten nur drei neue Hochhäuser. Eines soll das Rockwell-Hochhaus im Torfeld Süd ersetzen (rund 50 Meter hoch), ein zweites, 40 Meter hohes, in seiner Nachbarschaft entstehen. In der Telli wäre ein zweites Hochhaus beim Einkaufszentrum denkbar - zwei waren ursprünglich auch geplant gewesen.
Fehlt den Planern der Mut der 70er-Jahre? Schon in den 90er-Jahren hatte man bei der Planung des neuen Bahnhofs auf ein Hochhaus verzichtet. «Eine Akzentsetzung wäre hier falsch gewesen», sagt Felix Fuchs. «Die Bedeutung der Post, des Bankgebäudes und des Naturamas wäre geschmälert und die Ausgewogenheit des Bahnhofplatzes gestört worden.»
Stadtrat Beat Blattner sagt: «Es gibt für Wohnungen in Hochhäusern nur eine beschränkte Nachfrage.» Und um Wohnraum geht es den Stadtplanern ja - nicht um die Schaffung von Büroraum, davon hat es derzeit noch ausreichend.
«Unser Hauptziel ist, mehr Leute anzusiedeln und zu verdichten, aber Hochhäuser sind dabei kein Schwerpunkt», so Fuchs. Achtstöckige bzw. rund 25 Meter hohe Gebäude, wie eines am Bahnhof Süd geplant ist, genügen den Stadtplanern heute. Damit halten sie es wie die Zürcher, die sich entlang des Hauptbahnhofes ebenfalls auf rund acht Etagen beschränken.

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