Aarau
Dackel-Halter wegen Tierquälerei angeklagt – weil seine Zora auf einen anderen Hund losging

Ein Hundehalter musste sich vor Bezirksgericht wegen Tierquälerei verantworten. Doch der Mann hat gar nie ein Tier misshandelt.

Ueli Wild
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Ein Mann fand sich wegen seiner Dackeldame vor Gericht wieder. (Symbolbild)

Ein Mann fand sich wegen seiner Dackeldame vor Gericht wieder. (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto

Rolf und Rita (Namen geändert), beide um die 50, wohnhaft in einer Vorortsgemeinde Aaraus, waren fast Nachbarn. Bewusst wurde ihnen das jedoch bloss dank ihren Hunden. Diese brachten Rolf allerdings vor Gericht.

Mehrfache Tierquälerei und mehrfache geringfügige Sachbeschädigung warf ihm die Staatsanwaltschaft vor. Rolf habe «mehrfach und vorsätzlich, das heisst mit Wissen und Willen, ein Tier misshandelt», heisst es im Strafbefehl, den Rolf freilich nicht akzeptierte. So landete sein Fall vor dem Bezirksgericht.

Wer den Strafbefehl nur bis hierhin liest und denkt, Rolf habe ein Tier gequält, kommt nie drauf, was passiert ist. In Wahrheit ist das Folgendes: Eines schönen Montags im Dezember letzten Jahres war Rolf mit seiner Dackeldame Zora (Name geändert) auf einem Weg entlang einem offenen Feld unterwegs.

Eine allgemeine Leinenpflicht gibt es dort nicht. Darum liess Rolf Zora dort wie üblich von der Leine. Ebenfalls wie üblich warf er ihr ein «Goodie» zu und wandte sich zum Gehen.

Auch Zora machte sich auf den Weg, aber anders, als sich Rolf gedacht hatte: Sie rannte über das offene Feld in Richtung dreier Frauen. Eine von ihnen war Rita mit ihren Yorkshire-Terrier-Mischlingen Nella und Bella (Namen geändert).

Behandlungskosten berappt

Dann vernahm Rolf Hundegebell. Als er am Ort des Geschehens ankam, trug Rita eines der Hündchen auf dem Arm, das andere lag am Boden. Offenbar war Zora – Rolf hatte nicht gesehen, was passiert war – auf Nella und Bella losgegangen. Die beiden wurden laut der Staatsanwaltschaft «verletzt und mussten anschliessend in der Tierklinik Aarau-West medizinisch versorgt werden». Im Strafbefehl sind als Verletzungen aufgeführt: Prellungen, Blutergüsse und Schwellungen an Kopf, Hals, Ohr sowie an Rumpf und Bauch. Die Behandlungskosten von Fr. 303.45 für beide Hunde übernahm Rolf diskussionslos.

Dass die beiden in solchem Ausmass verarztet werden mussten, habe ihn schon ein wenig erstaunt, sagte Rolf vor dem Bezirksgericht. Noch mehr staunte er, als ihn ein Polizeibeamter anrief und als ihm schliesslich der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft ins Haus flatterte. Die Idee, Rita als Entschuldigung noch einen Qualipet-Gutschein vorbeizubringen, verwarf Rolf hierauf. Weshalb sie überhaupt Strafanzeige eingereicht habe, wollte Gerichtspräsidentin Karin von der Weid von Rita wissen. «Auf Anraten der Tierklinik», lautete die Antwort. Eine Feindschaft zwischen ihr und Rolf bestehe nicht. Im Verlaufe des Verfahrens hätten sie eigentlich «ein eher freundschaftliches Verhältnis aufgebaut», erklärte Rita.

Mit der Strafanzeige brachte diese Rolf zwar nicht gerade in Teufels, wohl aber in Staatsanwalts Küche. Und der entwickelte eine Energie, die Rolf empfindlich traf. Mit dem Strafbefehl wurde er zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 180 Franken verurteilt, dies bei einer Probezeit von zwei Jahren. Dazu kam eine Busse von 1200 Franken, an deren Stelle bei schuldhafter Nichtbezahlung eine Ersatzfreiheitsstrafe von sieben Tagen zu treten hätte und die Strafbefehlsgebühr von 900 Franken. Ergibt, nebst einem Eintrag im Strafregister, eine Rechnung über 2100 Franken und die Aussicht auf eine solche über 3600 Franken, sollte seine Dackeldame in den nächsten zwei Jahren noch einmal unfreundlich zu andern Artgenossen sein.

Ein absehbarer Vorfall?

Nach Auffassung des Staatsanwaltes wusste Rolf, dass Zora «auf andere Hunde losgehen könnte». Seine Begründung: Ein halbes Jahr früher sei es schon zu einem ähnlichen Vorfall gekommen. Tatsächlich zickten die drei Weibchen damals ein wenig herum. Verletzte gab es aber keine. Rolf sagte vor Gericht, das sei ein Gerangel gewesen, wie es unter Hunden mal vorkommen könne.

Rolf gab nach dem Vorfall im letzten Dezember einen verhaltensmedizinischen Bericht in Auftrag. Fazit der Tierärztin: Zora sei eine gut sozialisierte Hündin. Sie sei nicht aggressiv und verfüge über eine ausgewiesene Beisshemmung. Zora, erklärte Rolf, habe Bella und Nella auch nicht wirklich gebissen, sondern bloss «geklemmt». Das bestätigt das Verletzungsbild. Tiefe Bisswunden wurden keine festgestellt.

Rolf verteidigte sich selber. Sein Hauptantrag: Er sei von Schuld und Strafe freizusprechen. Allein aufgrund des ersten Gerangels, argumentierte er unter anderem, habe er bei dem sonst problemlosen Wesen Zoras keine Veranlassung gehabt, damit zu rechnen, dass seine Hündin Bella und Nella beissen würde. Zudem habe er die beiden und die drei sie begleitenden Frauen nicht gesehen, als er Zora von der Leine liess. Auch von einem Eventualvorsatz könne keine Rede sein.

Gerichtspräsidentin Karin von der Weid sprach Rolf frei. Die Verfahrenskosten gehen zulasten des Staates. In objektiver Hinsicht sei der Tatbestand wohl erfüllt, konstatierte die Richterin, in subjektiver aber nicht. Vereinfacht ausgedrückt: Weder habe Rolf das Geschehene gewollt, noch habe er damit rechnen müssen. Damit sei auch der Vorwurf, er habe es in Kauf genommen, nicht haltbar.