Corona und die «Krone der Schöpfung»

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Dr. Felix Bertram (44) ist ärztlicher Leiter und Inhaber von Skinmed, Klinik für Dermatologie und plastische Chirurgie in Aarau und Lenzburg. Er lebt im Raum Lenzburg.

Dr. Felix Bertram (44) ist ärztlicher Leiter und Inhaber von Skinmed, Klinik für Dermatologie und plastische Chirurgie in Aarau und Lenzburg. Er lebt im Raum Lenzburg.

Bild: zvg

Corona bedeutet im Deutschen «Krone». Und wir Menschen bezeichnen uns ja gerne als die «Krone der Schöpfung». Warum uns diese Begriffsspielerei eventuell zu denken geben sollte, dazu später mehr.

Ursprünglich wollte ich in dieser Kolumne von meiner Reise berichten, die mich im Februar nach Ruanda und Botswana führte, von den Gorillas, den sonstigen Wildtieren, der Vogelwelt und der schönen Natur. Davon, dass Ruanda als erstes Land auf der Welt fast plastikfrei ist. Richtig, Ruanda!

Der Handel, die Produktion, der Verkauf und der Besitz von Plastiksäcken ist in Ruanda bereits seit acht Jahren verboten und wird mit einer hohen Busse belegt. Und es funktioniert. Auch Plastikflaschen wurden kürzlich verboten – funktioniert ebenso. Selten ein saubereres Land gesehen.

Bemerkenswert übrigens auch, dass ich in Afrika an keinem Flughafen gelandet bin, wo nicht ausführliche gesundheitliche Kontrollen inklusive Temperaturmessungen durchgeführt wurden. Selbst am Busch-Flughafen Maun an der Basis vom Okavangodelta.

Auf dem Rückflug von Afrika las ich in einer grossen deutschen Tageszeitung die Überschrift «Afrika auf Corona-Virus überhaupt nicht vorbereitet», was mich überraschte, denn während ich in Zürich und an sonstigen europäischen Flughäfen keinerlei Kontrollen oder Temperaturmessungen erfahren habe, war dies in Afrika konsequenter Standard.

Wie gut wir Europäer auf das Corona-Virus vorbereitet sind, zeigt sich aktuell. Nach meinem Empfinden sind wir praktisch gar nicht auf ein solches Szenario vorbereitet und merken gerade, dass es auch für die «Krone der Schöpfung» keine Vollkaskoversicherung auf staatlich garantierte Unversehrtheit gibt.

Meine persönliche Einschätzung: Die Panik rund um das Corona-Virus richtet viel grösseren Schaden an, als das Virus selber.

Die ganzen, teils drastisch erscheinenden Massnahmen, die unsere Regierungen gerade anordnen, haben nichts mit der grundsätzlichen Gefährlichkeit des Virus zu tun, sondern dienen ausschliesslich dazu, Zeit zu gewinnen, um eventuell rechtzeitig Medikamente zu entwickeln, die die gefährdeten Personengruppen – alte Menschen sowie Menschen mit Immunschwäche und schweren Grunderkrankungen – schützen können.

Das ist eigentlich alles, denn das Gros der Bevölkerung muss sich um die medizinischen Folgen des Virus keinerlei Gedanken machen – sie werden im Falle einer Infektion nichts anderes als eine leichte Grippe durchmachen oder sogar weniger.

Absolut angebracht ist es aktuell sicherlich, die Hände regelmässig zu reinigen und zu desinfizieren. Bei uns, bei Skinmed, stehen bei den Eingängen Desinfektionsspender, und wir bitten alle unsere Patienten darum, sich die Hände zu desinfizieren und auf das Händeschütteln zu verzichten. Mundschutz macht für gesunde Personen keinen grossen Sinn, allerdings für erkrankte Mitmenschen schon, denn damit schützen sie ihre Mitmenschen vor einer Infektionsübertragung.

Ich habe mich dennoch gefragt, welche höhere Bedeutung das Corona-Virus haben könnte und warum uns das vielleicht zu denken geben sollte?

Das Corona-Virus zeigt uns vielleicht, dass die «Krone der Schöpfung», nämlich wir Menschen, auch für die Strukturen Verantwortung haben, denen wir angeblich überlegen sind. Tier und Natur zum Beispiel.

Zeigt uns das Corona-Virus nicht eventuell, dass jedes biologische System seine Grenzen hat? Dass wir Tier- und Umwelt nicht bis ins Unendliche ausbeuten können.

Wer alles Lebendige in allen Variationen verspeist, muss sich nicht wundern, wenn die Natur irgendwann zurückschlägt. Fledermäuse, Flughunde und anderes Getier gehören halt nicht gequält und dann irgendwann in einer Suppe aufgekocht und verspeist.

Wenn wir unseren Umgang mit den Tieren und die Massentierhaltung nicht überdenken, werden wir noch von einigen Pandemien heimgesucht. Und was wäre, wenn so eine Pandemie mal wirklich tödlich wäre – für alle Menschen?

Ist es richtig, dass wir die Massentierhaltung eigentlich nur bewältigen können mit grossem und regelmässigem Einsatz von Antibiotika? Wird sich das nicht irgendwann rächen?

Biologische Systeme sind nicht dazu geeignet, auf engstem Raum miteinander zu vegetieren und auf Profit- und Effizienzmaximierung getrimmt zu werden.

Wenn Menschenmassen auf engstem Raum leben – wie es in Flüchtlingslagern gelegentlich der Fall ist – sind Krankheitsepidemien eine häufige Konsequenz. Bei der Massentierhaltung ist es nicht anders. Das Ganze nur durch Antibiotika und andere Medikamente im Zaun zu halten, kann nicht richtig sein.

Das Corona-Virus zeigt uns etwas weiteres, nämlich dass der Weg, den ein Herr Trump und auch andere politisch mächtige Zeitgenossen gehen beziehungsweise gehen wollen, so nicht mehr funktioniert.

«America first» bzw. «America only» ist nicht mehr und wird auch nicht mehr.

Wir können uns nicht mehr isolieren, Staaten abschotten. Die Welt ist extrem vernetzt, durchlässig und damit auch sehr verletzlich. Eine Pandemie erfasst in Kürze alle Länder dieser Welt und wir haben dem Ganzen nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Länder, Staaten und Kontinente müssen demzufolge zusammenarbeiten, Partnerschaften pflegen und sich unterstützen und helfen. Das Problem eines Landes kann schnell das Problem der ganzen Welt werden. Und diese Art Probleme können wir nur gemeinsam – staatenübergreifend – lösen.

In der Schlussfolgerung bedeutet dies für mich, dass wir erstens anders mit der Natur- und Tierwelt umgehen müssen, und zweitens, dass wir alle im gleichen Boot sitzen.

Amerikaner, Chinesen, Europäer und der gesamte Rest der Welt.