Bezirksgericht Aarau
Zu viel Gutmütigkeit kann teuer werden – Slowakin betrügt Rentner um über 130'000 Franken

Eine rund 50-jährige Slowakin landete wegen gewerbsmässigen Betrugs vor dem Aarauer Bezirksgericht. Die beantragte lebenslange Landesverweisung konnte die Frau trotz Schuldspruch umgehen.

Florian Wicki Jetzt kommentieren
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Der 70-jährige Mann gab der rund 20 Jahren jüngeren Frau all sein Geld.

Der 70-jährige Mann gab der rund 20 Jahren jüngeren Frau all sein Geld.

Westend61

Für den 70-jährigen Fritz (alle Namen geändert) muss es sich wie ein zweiter Frühling angefühlt haben, als er eines schönen Dienstags im vergangenen Juni die etwas über 50-jährige Natália traf. Als sie sich vor dem Bezirksgericht Aarau wieder begegnen, ist von Liebe nicht viel zu spüren: Auf dem Stuhl des Zivil- und Strafklägers sitzt ein kleiner, älterer Mann, durchschnittlicher als der Durchschnitt.

Ihm ist offensichtlich unwohl, weshalb er nach seiner Aussage dem Prozess nicht länger beiwohnen will. Und auf der Anklagebank sitzt eine deutlich jüngere Frau, die gerne noch jünger wäre, mit neuen Lippen und aufgemalten Augenbrauen.

Alles begann damit, dass Fritz aufgrund einer Renovation kurzzeitig aus seiner Wohnung ausziehen musste und deshalb in einem Hotel in der Region wohnte. Und da war sie, Natália, sprach ihn bei einem Spaziergang an, fragte, wie es ihm gehe und wollte mit ihm einen Kaffee trinken.

Fritz, seit längerer Zeit alleinstehend, nahm die Einladung gerne an. Im Café zeigte sie grosses Interesse an ihm, und dann ging es auch schon los: Natália erzählte, sie habe einen Autounfall gehabt und brauche Geld, um den Schaden bezahlen zu können. Sie hätte zwar geerbt, von ihrem Grossvater, habe aber noch keinen Zugriff auf das Geld. Fritz, von ihren Avancen geschmeichelt, nahm sie kurzerhand mit zum Bancomaten und gab ihr 4000 Franken.

In der nächsten Zeit trafen sie sich täglich. Und täglich brauchte sie wieder Geld, und das aus verschiedenen Gründen: die Reparatur des Fahrzeugs werde teurer als gedacht, dazu kämen Behandlungskosten vom Spital, in dem sie sich nach dem Unfall behandeln lassen musste. Fritz, der gutmütige, gab ihr auch mehr, erst 4000 Franken, dann 5000 und schliesslich noch 11’000 Franken.

Die Abzocke ging munter weiter

Als sie sich am nächsten Montag trafen, sich da also gut eine Woche kannten, bat sie ihn wieder um Geld. Immer noch wegen ihres Unfalls, sie müsse nun eine Busse bezahlen, und einen Schaden, zusammen koste es 35’000 Franken. Als Fritz ihr zwar glaubte, aber erst zögerte, weil er ihr nicht schon wieder so viel Geld geben wollte, schrie sie ihn an, bezeichnete ihn als Lügner, worauf er sich umstimmen liess, zur Bank ging, von seinem Sparkonto 35’000 Franken abhob und ihr übergab.

Am nächsten Tag ging er schon wieder zur Bank, hob noch einmal 40’000 Franken ab; Natália hatte ihn überredet, zuhause Bargeld aufzubewahren. In seiner Wohnung zu der er ihr nach zwei Wochen bereits einen Schlüssel gab.

In einer guten Woche gab Fritz Natália also knapp 100’000 Franken. In den darauffolgenden zwei Wochen sollten noch rund 25’000 Franken und 6000 Euro dazukommen – unter anderem gab Natália Fritz einen falschen Geburtstag an, worauf er ihr 5000 Franken gab, damit sie sich als Geburtstagsgeschenk Schmuck kaufen konnte.

Für was brauchte Natália so viel Geld? Nicht für ihr Auto und nicht fürs Spital: Sie bezahlte damit Schmuck, Kleider, teure Parfüms und kosmetische Behandlungen.

Sie wurde von der Polizei gesucht – er wusste es

Dass die ganze Angelegenheit vor dem Aarauer Bezirksgericht gelandet ist, liegt nicht etwa daran, dass Fritz irgendwann die Nase voll gehabt hätte. Die Chose geriet nur in die Mühlen der Justiz, weil Natália in Zürich in eine Polizeikontrolle kam.

Denn, und das hatte sie Fritz verschwiegen, Natália war in der Schweiz zur Fahndung ausgeschrieben: Sie wurde bereits 2018 unter anderem wegen mehrfachen, teilweise versuchten Diebstahls, Veruntreuung und Zechprellerei zu 23 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt und nach deren Verbüssung für 15 Jahre des Landes verwiesen.

Weil sie aber nicht einmal sieben Monate nach der Ausschaffung wieder in die Schweiz einreiste, um sich in Zürich weitere kosmetische Behandlungen zu gönnen, und weil sich das einige Male wiederholt hat, fordert die Staatsanwaltschaft wegen gewerbsmässigen Betrugs an Fritz und wegen mehrfachen Verweisungsbruchs eine Freiheitsstrafe von 3,5 Jahren und ein lebenslange Landesverweisung.

Und weil man bei der Verhaftung in Zürich in Natálias Tasche neben rund 1600 Franken Bargeld auch einen Wohnungsschlüssel gefunden hat, von dem Natália nicht sagen wollte, zu welcher Wohnung er gehört, klopfte die Polizei schliesslich bei Fritz an die Tür.

Fritz sei mitschuldig wegen Naivität, sagt der Anwalt

Natálias Verteidiger ist mit der Ansicht der Staatsanwaltschaft, es handle sich um gewerbsmässigen Betrug, nicht einverstanden. Zum einen sei es schlichtweg nicht zu beweisen, dass Natália das Geld nicht zurückzahlen wolle. Und schliesslich benötige Betrug im juristischen Sinn eine Arglist, also eine durchtriebene Raffinesse, und die sehe er beim besten Willen, so leid ihm Fritz auch tue, hier nicht.

Dieser habe sich dermassen naiv und leichtgläubig verhalten: «Welches Auto repariert man für über 20’000 Franken, und wieso drückt man einer Person, die man vor ein paar Stunden getroffen hat, 4000 Franken in die Hand?»

Hinzu komme, dass Fritz nicht nur einmal, sondern zweimal von seiner Bank gewarnt worden sei, zuletzt in einem persönlichen Gespräch mit dem Filialleiter, welcher ebenfalls versuchte, ihm die Augen zu öffnen. Somit sei Fritz zu einem grossen Teil selber schuld: «In diesem Fall trägt das Opfer eine Mitverantwortung, nur schon, weil es sich so erschreckend naiv verhalten hat.»

Die ganzen Ersparnisse ausgegeben

In ihrer Replik erklärte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, klar habe sich Fritz naiv und leichtgläubig verhalten, er sei halt verliebt gewesen, habe sich gefreut, endlich wieder jemanden zu haben. Das gebe aber niemandem das Recht, ihn so über den Tisch zu ziehen: «Die Beschuldigte hat seine ganzen Ersparnisse innerhalb weniger Wochen ausgegeben – und er muss nun schauen, wie er seine Miete noch zahlen kann.»

Dieser Position folgte auch das Gesamtgericht, angeführt von Gerichtspräsidentin Karin von der Weid. Es verurteilte Natália zu 3,5 Jahren Freiheitsstrafe, nachher wird sie für 20 Jahre des Landes verwiesen. Gleichzeitig verdonnerte sie das Gericht dazu, ihre Schulden bei Fritz bis auf den letzten Rappen zurückzuzahlen; die rund 1600 Franken, die sie bei der Verhaftung auf sich trug, erhält er bereits als Anzahlung.

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