Religion
Bauboom wegen Platzmangel: Freikirche Chrischona wächst

Während die Landeskirchen und auch andere Freikirchen immer mehr Mitglieder verlieren, ist die Chrischona weiterhin auf Wachstumskurs. Die Glaubensgemeinschaft will mehr bieten als nur Gottesdienst-Räume und investiert dafür Millionen.

Pascal Meier
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Expansion in Beinwil am See: Am vergangenen Wochenende hat Chrischona ihre neuen Räume in der früheren Halter-Fabrik beim Bahnhof eröffnet.Pascal Meier

Expansion in Beinwil am See: Am vergangenen Wochenende hat Chrischona ihre neuen Räume in der früheren Halter-Fabrik beim Bahnhof eröffnet.Pascal Meier

Bei den Chrischona-Gemeinden im Westen des Kanton Aargaus bleibt derzeit kaum ein Stein auf dem anderen. 2011 hatte die Freikirche in Lenzburg ihr neues Zuhause eröffnet, diesen Frühling weihte die «Seetal Chile» in Seon ihr Gemeindezentrum ein und am vergangenen Wochenende feierte die Chrischona-Gemeinde von Beinwil am See ihren Umzug in die Halter-Fabrik beim Bahnhof. Die Beinwiler Gemeinschaft hatte die frühere Täfeli-Fabrik zuvor gekauft und renoviert. Gebaut wird auch im Suhrental, wo die Chrischona-Gemeinden Schöftland-Rued ihre Kapelle erweitern. Weitere Projekte sind in Kirchleerau sowie in Reinach geplant.

Dass Chrischona als eine der grössten Freikirchen der Schweiz in der Region derzeit so viel baut, ist Zufall. Das sagt Peter Gloor, Leiter Chrischona-Gemeinden Schweiz. «Wir haben aber grundsätzlich Nachholbedarf, weil viele Gebäude alt sind.» Zudem seien die Ansprüche gestiegen und die Platzverhältnisse deshalb immer knapper. «Ein Gottesdienst-Raum allein genügt nicht mehr. Heute braucht es zusätzlich ein Bistro, einen Begegnungsraum und weitere Räume.» Chrischona baue deshalb mehr multifunktional denn kirchlich. Gloor: «So können die Räume für verschiedene Zwecke und auch von Aussenstehenden genutzt werden.» Denn die Angebote von Chrischona seien immer mehr gefragt, und zwar längst nicht mehr nur innerhalb der Freikirche. Die Gemeinschaft Kirchleerau-Reitnau etwa plant einen neuen Mehrzweckraum, weil Jugendarbeit und Mittagstisch florieren.

Chrischona will expandieren

Auch in Beinwil am See, wo die Kapelle an der Kirchstrasse für Chrischona nach über 100 Jahren zu klein geworden war, setzt man mit dem neuen Zentrum in der Halter-Fabrik auf Expansion. «Wir wollen offen sein für Neues», sagt Walter Eichenberger, Mitglied der Gemeindeleitung. Zudem wolle man sich dem Dorf mehr öffnen. «Wir sind keine geschlossene Gemeinschaft. Unsere ‹Fabrik› soll eine Begegnungsstätte für alle sein.»

Solche Begegnungen gibt es bereits. Mehrere kleinere Firmen sind bei Chrischona Untermieter und beleben die alte Fabrik. Wo früher Täfeli produziert wurden, werden heute Haare geschnitten und Secondhand-Kleider verkauft. Und die reformierte Kirche führt ihr Sekretariat eine Etage unter dem Gottesdienst-Raum von Chrischona, die rund 120 Mitglieder zählt.

Chrischona ist damit in Beinwil am See präsent. «Die Skepsis der Öffentlichkeit uns gegenüber hat in den vergangenen Jahren abgenommen», sagt Peter Gloor mit Blick auf die ganze Schweiz. So war es normal, dass am Samstag bei der Eröffnung des Beinwiler Zentrums der Vize-Gemeindeammann eine Rede hielt und die Musikgesellschaft aufspielte. «Wir sind ein Teil von Beinwil am See und möchten etwas zur Gemeinschaft beitragen», sagt Hauptpastor Bernhard Lüthi. «Dass wir einen christlichen Hintergrund haben, ist völlig transparent.» Chrischona wolle offen auf die Menschen zugehen. «Wo wir das tun, sinkt die Schwellenangst.»

Bauten kosten mehrere Millionen

Mit den Bauprojekten in der Region trägt Chrischona auch dem Wachstum in der Freikirche Rechnung. Denn nach Jahren der Stagnation und Austritte, mit denen viele Freikirchen zu kämpfen hatten, erreicht Chrischona wieder mehr Menschen. Rund 13 000 Gläubige zählen die
94 Schweizer Chrischona-Gemeinden, darunter 5000 Kinder und Jugendliche. 7500 Gläubige sind Mitglieder. Zudem stehen weitere Gemeinden vor der Gründung. Die Strategie «Growth – Relaunch – Revival» (Wachstum – Neustart – Erweckung) trägt damit Früchte, was sich auch in der Region zeigt: Die Seoner «seetal chile» etwa wächst jährlich um 10 Prozent.

Das alles hat seinen Preis. In Lenzburg wurden drei Millionen Franken für den Kauf und den Umbau des neuen Gebäudes am Langsamstig 4 investiert, in Seon betrug das Investitionsvolumen sogar 4,4 Millionen. «Wir haben in unserer Gemeinde kein solch modernes Gebäude», sagte der Seoner Gemeindeammann Heinz Bürki an der Eröffnung; und fast war dabei etwas Neid zu spüren.

Finanziert werden die Bauten durch Spenden der Mitglieder. «Es ist eine Herausforderung, solche Projekte zu finanzieren», sagt Peter Gloor. Für grössere Bauprojekte sammelt die betreffende Chrischona-Gemeinde über mehrere Jahre Spenden und äufnet einen Baufonds. Mindestens 50 Prozent muss die Gemeinde selber aufbringen. So lautet de Regel. Den Rest finanzieren Banken und Chrischona Schweiz. «Das Zusammentragen von Geld schweisst zusammen und wirkt identitätsstiftend, sagt Ralf Oberli, Geschäftsführer von Chrischona-Gemeinden Schweiz und zuständig für Finanzen und Liegenschaften. Die Spenden seien freiwillig. Das hartnäckige Gerücht, dass ein Chrischona-Mitglied 10 Prozent seines Lohnes abgeben müsse, sei zudem falsch. Oberli: «Jeder gibt, was er will und kann.»

Das war auch bei der Finanzierung des Zentrums in der Beinwiler Halter-Fabrik der Fall. «Nicht alle Mitglieder haben die gleichen finanziellen Möglichkeiten», sagt Walter Eichenberger. Einige hätten auf andere Weise einen wichtigen Beitrag geleistet und tatkräftig beim Umbau mitgeholfen. «Unter anderem haben wir die Fassade selber gestrichen», sagt Eichenberger. Auch das sei eine Art und Weise.

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