Aarau
Angeblich «Gehörlose» nehmen in der Innenstadt Passanten aus

Geschäftsführer Ralph Brütsch beobachtet von seinem Laden in der Aarauer Innenstadt aus, wie jugendlichen Spendensammler Geld eintreiben. Für ihn handelt es sich um einen Riesen-Bschiss.

Ann-Kathrin Amstutz
Drucken
Ralph Brütsch beobachtet die "Gehörlosen". Für ihn ist dies alles verdächtig. Einen Ausweis wollten sie ihm nicht zeigen.

Ralph Brütsch beobachtet die "Gehörlosen". Für ihn ist dies alles verdächtig. Einen Ausweis wollten sie ihm nicht zeigen.

Ann-Kathrin Amstutz

Seit mehreren Wochen schon beobachtet Ralph Brütsch (33) in der Aarauer Pelzgasse ein zweifelhaftes Treiben: Angeblich gehörlose Jugendliche gehen auf Passanten zu und versuchen, sie mit einer Unterschrift zu einer Spende zu bewegen. «Sie waren mit Mappen und dem Logo des Gehörlosenbundes ausgerüstet», sagt Brütsch. Mal seien es drei Männer, mal drei Frauen gewesen. Alter: geschätzte 16 bis 25 Jahre.

Vom Skatershop «Home Street Home» aus, den Brütsch zusammen mit einem Kollegen führt, konnte er die Vorgänge in der Pelzgasse mitverfolgen. Als die «Gehörlosen» zum wiederholten Mal auftauchten, sprach Ralph Brütsch einen von ihnen an. «Ich wollte seinen Ausweis und die Bewilligung zum Spendensammeln sehen. Er hat bloss verständnislos geblickt und die Schultern gehoben als Zeichen, dass er mich nicht verstehe.»

Bedenkliche Naivität

Spätestens da war Brütsch klar, dass hier etwas krumm läuft. Schon das jugendliche Alter der Spendensammler habe ihn stutzig gemacht, erzählt er. Für den Gehörlosenbund seien meist ältere Leute unterwegs.

Ein paar Mal sei er hingelaufen und habe die Leute vom Unterschreiben abhalten können, so Brütsch. Er war von der Naivität der Leute überrascht. «Niemand hat einem Ausweis oder zumindest eine Quittung für den Spendenbetrag verlangt», sagt er kopfschüttelnd. «Das finde ich bedenklich. Die Leute müssen wachgerüttelt werden.»

Laut Brütsch sind die Jugendlichen im City Märt und in der ganzen Altstadt auf Spendenfang. «Ich habe den Eindruck, sie gehören seit einigen Wochen zum Alltagsbild.» Für den Aarauer ist klar: Da wird weihnächtliche Freigebigkeit schamlos ausgenutzt. Mit der immer gleichen Masche.

"Da machte er sich aus dem Staub"

Einen Jugendlichen hat Brütsch mit der Handykamera erwischt. «Als ich mit dem Handy kam, machte er sich sofort aus dem Staub.» Und einmal liess ein «Gehörloser» seine Mappe fallen. Brütsch brachte sie auf den Posten der Kantonspolizei. Jedoch mit enttäuschendem Ergebnis: «Der Polizist hat bloss gesagt, die Kapo könne hier nicht viel machen», erzählt der Aarauer. «Das ist für mich vollkommen unverständlich. Es handelt sich um eine kriminelle Machenschaft.»

Richtig sauer mache ihn das, sagt Brütsch. Besonders, wenn seine Ladenkunden direkt vor der Tür abgefangen werden. Denn ihm ist wichtig, dass sich die Kunden wohlfühlen und «die guten Vibes mitnehmen». Die Leidenschaft fürs Skaten hat Brütsch mit 13 Jahren entdeckt. «Skaten ist sozial sehr verbindend», sagt er. «Man hilft einander, ungeachtet des Alters und der Hautfarbe.» Diesen Gedanken lebt er. Und gerade deshalb stört es Brütsch, wenn Solidarität so dreist ausgenutzt wird. Er wird weiter eingreifen, bis dieser Missstand behoben wird.