Buchs
Altersheim-Züglete: «Ich habe gedacht, das sei mein letztes Zimmer»

Im Alterszentrum «Suhrhard» schleppen Zügelmänner das Hab und Gut von über 30 Bewohnern Schachtel für Schachtel in die Pavillons, damit das Bettenhaus umgebaut werden kann. Der ältesten Bewohnerin macht das zu schaffen.

Katja Schlegel
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Schachtel für Schachtel bringen die Zügelmänner das Hab und Gut in die Pavillons
9 Bilder
Züglete im Altersheim Suhrhard in Buchs
Die Pavillons mit den himbeerfarbenen Türen waren schon in Ilanz im Einsatz
Die Bewohner müssen sich nicht um den Umzug kümmern, alles wird für sie erledigt
Der Schrank wird abgebaut
Der gemütliche Wohnbereich in der Pavillon-Anlage
Der Blick aus dem Bettenhaus, rechts die Pavillons, links die Alterswohnungen
Der Blick in die neue Demenzabteilung in den Pavillons
Alles ist angeschrieben und nummeriert, damit jedes Stück den Weg ins richtige Zimmer findet

Schachtel für Schachtel bringen die Zügelmänner das Hab und Gut in die Pavillons

Chris Iseli

Das Regal ist ausgeräumt, am Boden stehen ein paar Kartonschachteln, an der Wand hängen noch ein Landschaftsbild in einem wuchtigen Rahmen und eine Schwarz-Weiss-Fotografie seiner Frau.

Ernst Widmer steht am Fenster und schaut nach unten in den Garten, wo sich die Zügelmänner mit ihren Transportwagen kreuzen. Beladen hin, leer zurück. «Ich habe eigentlich gedacht, das sei mein letztes Zimmer auf dieser Welt», sagt Widmer und lacht, schliesslich sei er doch auch schon fast 89. «Jetzt muss ich halt noch einmal umziehen.»

Wie Ernst Widmer geht es derzeit auch 33 anderen Bewohnern des Alterszentrums «Suhrhard» in Buchs. Wer im östlichen Teil des Bettenhauses oder auf der Demenzabteilung lebt, muss sein altes Zimmer räumen und in die Pavillons ziehen.

In den kommenden drei Jahren wird das in die Jahre gekommene Alterszentrum total saniert und an der Ostseite mit einem Erweiterungsbau versehen. Bereits laufen die ersten Rückbauarbeiten, im Verwaltungstrakt wird demnächst der Strom gekappt. Bereits in zwei Wochen soll dieser abgerissen werden, am 9. Mai ist Baustart des Erweiterungstrakts.

«Endlich eine eigene Dusche»

Zimmer für Zimmer, Stock für Stock packen die Zügelmänner Hab und Gut der Bewohner ein und bugsieren es in die Pavillons. Ernst Widmer bleibt noch etwas Zeit, aus dem Fenster zu schauen. Er wohnt zuoberst im fünften Stock, noch schuften die Zügelmänner im ersten. So hoch oben hat Widmer auch die beste Aussicht. Deshalb reut es ihn, hier auszuziehen.

«Ich hätte gerne von hier oben beobachtet, wie die bauen», sagt er. Aber alles habe auch seine guten Seiten, das habe er den anderen gesagt: «Wir bleiben geistlich beweglich bei diesen Veränderungen. Und wir haben endlich jeder seine eigene Dusche.»

Ein Umzug ist keine leichte Sache, erst recht nicht im hohen Alter. Eine neue Umgebung, neue Betreuerinnen, neue Mitbewohner – Veränderung verunsichert. Entsprechend vorsichtig haben Geschäftsführerin Ursula Baumann und ihr Team die Bewohner und ihre Angehörige darauf vorbereitet. Grundsätzlich stünden alle den Veränderungen positiv gegenüber. «Aber viele Bewohner realisieren nicht mehr, was hier vor sich geht», sagt Baumann.

Umso wichtiger sei es deshalb, sie möglichst wenig von der Hektik spüren zu lassen und sie abzulenken. So wie die Frauen, die im Aufenthaltsraum in der Singstunde sitzen. Sie ahnen nicht, dass die Kaffeemaschine noch nicht funktioniert und die Geschirrwaschmaschine falsch angeschlossen ist, dass der Maler noch die Fussleisten pinselt und der Gärtner die Pflanzen in den Innenhof trägt. «Kein Umzug klappt reibungslos, da braucht es immer eine gehörige Portion Gelassenheit», sagt Baumann und lacht.

2015 die nächste Züglete

Mit dem einen Umzug ist es aber nicht getan: Im Januar 2015 soll der Erweiterungstrakt fertig sein, dann startet die zweite Etappe: Die Bewohner, die jetzt noch im Bettenhaus bleiben, werden in den Neubau ziehen, damit das alte Gebäude komplett ausgehöhlt und saniert werden kann.

Dann werden auch die Küche und die Wäscherei vorübergehend in Provisorien ausgelagert. Im Frühsommer 2017 soll alles vorbei sein und jeder Bewohner wieder sein Zimmer im Alterszentrum haben.

Die Zimmer in den Pavillons mit den himbeerfarbenen Türen und Böden sind nicht etwa eine Notlösung: «Der Ausbaustandard ist deutlich höher als der der heutigen Zimmer», sagt Baumann. Sie sind grösser, heller, und – das ist es, worauf sich Ernst Widmer besonders freut – jedes hat eine eigene Dusche. Widmer hat sich sein Zimmer schon angeschaut: «Es sieht schön aus, momol», sagt er.

Vor dem Speisesaal haben sich einige Bewohner eingefunden. Es ist 11 Uhr, die Bäuche knurren schon leise. Die meisten sitzen in den dicken Sesseln und schauen, was sich im Foyer so tut. Es scheint ihnen zu gefallen, wie die Zügelmänner so stracks hin- und hermarschieren. «Seid ihr im Militär, dass ihr so pressiert?», ruft eine alte Dame den Männern kichernd hinterher.

Es scheint so, wie Baumann gesagt hat, die Bewohner nehmen die Veränderung positiv an. Nur eine Dame hat gar keine Freude an der ganzen Aufregung, schleicht mit argwöhnischem Blick durch den Gang: Heimbüsi Bianca, die mit 119 Katzenjahren älteste Bewohnerin des Hauses.

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