WM 2018

Geht noch was? Deutschland zerfleischt sich nach der Niederlage gegen Mexiko gerade selbst

Nach der Niederlage gegen Mexiko ist Deutschland am Boden zerstört. Ist das Achtelfinale noch zu schaffen?

Nach der Niederlage gegen Mexiko ist Deutschland am Boden zerstört. Ist das Achtelfinale noch zu schaffen?

Eigentlich wüssten sie, dass zusammen erfolgsversprechender ist. Aber wo man derzeit auch hinblickt in dem Land, sieht es eher danach aus: Ich steh zu mir, zusammen sind wir stark. Ich zuerst und wenn du zu mir findest, dann vielleicht zusammen. Der Deutsche Fussball-Bund gab als Credo für diese Fussball-WM heraus: ZSMMN – oder «Zusammen» zusammengeschrumpft.

Fussball-WM ist ja immer auch die Zeit, das Spiel nicht bloss als ordinäres Gekicke, sondern im gesellschaftspolitischen Kontext zu betrachten. Und vielleicht kommt irgendwann die Zeit, in der man sich in Deutschland sagen wird: Doch, doch, dieser 17. Juni 2018 war ein guter Tag, weil man sich auf das Zusammen verständigt hat.

An ebendiesem 17. Juni sieht es am Morgen nach auseinander aus. Es scheint, als wolle der bayrische CSU-Chef Horst Seehofer die Union mit der CDU spalten und die Bundeskanzlerin Angela Merkel stürzen. Wenig später kommt es noch schlimmer: Der Weltmeister verliert sein WM-Auftaktspiel gegen Mexiko 0:1. Kann passieren, weil Mexiko keine Wald-und-Wiesen-Truppe ist. Aber es sollte nicht passieren, wie es den Deutschen passiert ist.

«Der Weltmeister, ein fetter Kater»

Die Niederlage gründet nicht in den viel beschworenen Details, die auf diesem Niveau entscheidend sind. Nein, Deutschland verliert, weil es nicht hungrig ist, weil es keine Ordnung hat, weil es nicht zusammenhält. Kurz: weil fundamentale Dinge aus dem Gleichgewicht geraten sind. «Der Weltmeister, ein fetter Kater», resümiert «Die Zeit». Thomas Müller sagte: «Es ist schwer, hier die Worte zu finden, die alle Gemüter beruhigen, die aber gleichzeitig das Spiel korrekt analysieren.»

Hummels' gnadenlose Kritik

Vielleicht führt dieses 0:1 vor Augen, wie wichtig ZSMMN ist. Die politischen Alphatiere von CDU und CSU scheinen das kapiert zu haben. Bundesinnenminister Horst Seehofer weicht zwar nicht von seinem Masterplan ab, ordnet aber nicht schon heute die Abweisung von Flüchtlingen an, die zuvor in einem anderen EU-Land einen Asylantrag gestellt haben.

Stattdessen zeigt er Kompromissbereitschaft und gibt Merkel zwei Wochen Zeit, um einen für beide Lager akzeptablen Vorschlag auszuarbeiten. Immerhin zwei Wochen bleiben, um wieder zu einer Zweckgemeinschaft zusammenzuwachsen. Den Fussballern bleibt dafür nur bis Samstag Zeit, wenn sie zum zweiten Gruppenspiel gegen Schweden antreten. Ob sie das schaffen?

Zweifel sind begründet. Verteidiger Mats Hummels sagte unmittelbar nach «Lost in Mexiko»: «Unsere Absicherung ist nicht gut, das muss man ganz klar sagen. Jerome Boateng und ich stehen da oft allein.» Er habe dieses Problem schon öfters intern angesprochen. Aber: «Das fruchtet anscheinend noch nicht so ganz.» Namen brauchte Hummels nicht zu nennen. Wer die Entstehung zum 0:1 sah, weiss, wer gemeint ist.

Im Real-Madrid-Modus hängengeblieben

Sami Khedira verliert in der Vorwärtsbewegung den Ball, weil Vorwärtsbewegung noch nie seine ganz grosse Stärke war und er nun durch den Verschleiss auch an Dynamik verloren hat. Toni Kroos, Khediras Nebenmann im defensiven Mittelfeld, könnte den Konter unterbinden, wenn er denn wollte. Aber Kroos ist im Real-Madrid-Modus hängen geblieben. Für die Zweikämpfe hat er im Klub einen Casemiro, zur Not auch einen Modric. Und Mesut Özil, der sich schliesslich von Torschütze Lozano austanzen lässt, kann nicht abwehren. Darüber besteht kein Zweifel, seit Özil auf diesem kontrovers diskutierten PR-Foto von Recep Tayyip Erdogan aufgetaucht ist.

Hummels hat mit seiner Kritik nicht unrecht. Aber selbst macht er beim Gegentor alles andere als eine gute Figur. Das konstatieren auch Kroos, Khedira und Özil. Weder attackiert Hummels den Tor-Initianten Chicharito bei der Ballannahme, noch schliesst er den Raum für den Konter. Der Bayern-Verteidiger entscheidet sich für ein Mittelding. Aber Mittelding stellt sich meist als faules Ding heraus. Ob Kroos, Khedira und Özil nun mit dem Finger auf Hummels zeigen, wissen wir nicht. Aber man kann sich das sehr gut vorstellen.

Delikate Situation für Trainer Löw

Für Jogi Löw ist es eine delikate Situation. Einerseits muss er die Mannschaft, die derzeit nicht wie eine Mannschaft auftritt, auf ZSMMN einschwören. Andererseits muss er seine Aufstellung hinterfragen. Gegen Mexiko standen – mit Ausnahme von Aussenverteidiger Plattenhardt und Stürmer Werner – ausnahmslos altbewährte Spieler auf dem Platz. Aber wenn sie liefen, dann nicht mit der nötigen Dynamik und Überzeugung. Sondern eher mit dem Bewusstsein: «Hey, wir sind Weltmeister, das kommt schon irgendwie gut.» Deshalb sollte die Frage, ob das Altbewährte noch gut genug ist, für Löw keinen Tabubruch darstellen.

Vielleicht vermisste Löw gegen Mexiko den unberechenbaren Leroy Sané, der in seiner zweiten Saison bei Manchester City 10 Premier-League-Tore erzielte und in England zum Jungprofi des Jahres gewählt wurde. Aber Löw nahm Sané nicht mal nach Russland mit. Im Gegensatz zu Marco Reus. Zwar bereits 29, aber doch ein WM-Neuling, weil er immer wieder verletzt ausfiel. Gegen Mexiko wurde er von Löw eingewechselt, worauf das deutsche Spiel dynamischer wurde. Denn Reus hat, was vielen in dieser Mannschaft offenbar fehlt: Lust und Hunger.

Zusammenraufen, sich gegen Widerstände auflehnen, gehört zumindest im Sport zu den deutschen Tugenden. Aber wie tugendhaft ist diese Mannschaft? Diese Frage stand schon Wochen vor dem Spiel im Raum. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Eine mit dem türkischen Präsidenten Erdogan im Zentrum.

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Autor

François Schmid-Bechtel

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