Eines der am heftigsten diskutierten Sachbücher des letzten Herbstes hat der US-Ökonom Tylor Cowen geschrieben. Es trägt den Titel «Das Mittelmass ist vorbei» («The Average is Over»). Sein Inhalt lässt sich wie folgt zusammenfassen: Der Quantensprung in der IT wird zu einer neuen Elite in der Arbeitswelt führen. Nur wer in der Lage ist, mit intelligenten Maschinen zusammenzuarbeiten, wird künftig noch einen anständigen Arbeitsplatz haben.

Höchstens 20 Prozent werden diese Hürde schaffen. Alle anderen müssen sich mit relativ schlecht bezahlten Jobs im Dienstleistungsbereich zufrieden geben und die Drecksarbeiten für die neue Elite verrichten. Sie werden Chauffeur, Bodyguard, Butler, Baby- oder Hundenanny, etc. Auch diese Jobs werden umkämpft sein und selbst ein Universitätsabschluss ist keine Garantie für eine anständige Arbeit. «Wir werden viele Yoga-Lehrer mit Doktortitel haben», so Cowen.

Maschinen ersetzen Menschen

Cowen prophezeit für die meisten Erwerbstätigen eine düstere Zukunft. Sie werden sich künftig in einem prekären Arbeitsmarkt von Aushilfsjob zu Teilzeitprojekt hangeln – oder ganz ausscheiden. «In erschreckendem Ausmass werden erwachsene Männer den Arbeitsmarkt verlassen», stellt er fest.

Brutal und vereinfacht ausgedrückt sagt Cowen Folgendes: Junge Menschen stehen vor der Wahl. Entweder sind sie fähig, mit smarten Maschinen Arbeiten mit hoher Wertschöpfung zu verrichten, oder sie sind dazu verdammt, ihr Leben mit Videospielen und schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs oder einer schäbigen Staatsrente zu verbringen.

Cowens Prognose wird vor allem im konservativen Lager der Sozialwissenschaften weitgehend geteilt. Auch die Politik beginnt, sich darauf einzustellen. Die Unterscheidung zwischen «Makers» und «Takers», sprich: Unternehmer und Sozialhilfeempfänger, war im US-Wahlkampf 2012 ein wichtiges Thema. Auch der deutsche Trendforscher Norbert Bolz spricht davon, dass der grösste Teil der Erwerbstätigen dank immer intelligenter werdenden Maschinen schlicht überflüssig sein wird.

Die beiden Oxford-Ökonomen Carl Frey und Michael Osborne haben gar berechnet, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Beruf in den nächsten 20 Jahren von einem Roboter erledigt wird. Als Physiotherapeut sind Sie demnach auf der sicheren Seite.

Die Wahrscheinlichkeit, durch eine Maschine ersetzt zu werden, liegt bei 0,3 Prozent. Als Pilot hingegen müssen Sie sich schon ernsthafte Sorgen machen. Dort liegt die Wahrscheinlichkeit bereits bei 55 Prozent. Als Buchhalter schauen Sie sich am besten schon jetzt nach einem neuen Job um. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 94 Prozent.

Schlecht verteilter Überfluss

Lange verbreitete der Begriff «Outsourcing» unter den Erwerbstätigen in den Industrieländern Angst und Schrecken. Im Zeitalter der digitalen Revolution ist Outsourcing eine Option, die an Bedeutung verlieren wird. Nicht mehr Chinesen, sondern Maschinen erledigen die Arbeit. Gleichzeitig wird die Arbeit durch die um sich greifende Gratiskultur entwertet.

Wir bewegen uns daher auf paradoxe Verhältnisse zu: Dank einer immer leistungsfähigeren Wirtschaft können wir immer mehr Güter und Dienstleistungen in hoher Qualität zu immer günstigeren Preisen kaufen. Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Doch immer weniger Menschen werden Zugang zu diesem Überfluss haben, weil sie keine anständige Arbeit mehr erhalten.

In ihrem Buch «The Second Machine Age» befassen sich die beiden Forscher Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee ebenfalls mit diesem Paradox. Sie kommen zum Schluss: «So, wie der technische Fortschritt Ungleichheit erzeugen kann, kann er auch Arbeitslosigkeit herbeiführen. Theoretisch kann dies sehr viele Menschen betreffen, selbst die Mehrheit der Bevölkerung, und das kann selbst dann eintreffen, wenn der gesamtwirtschaftliche Kuchen grösser wird.»

Künstlich geschaffene Jobs

Der Ethnologe David Graeber ist als Vordenker der Occupy-Bewegung bekannt geworden. Auch er hat sich mit dem Überfluss-Paradox befasst und ist dabei auf die «Bullshit-Jobs» gestossen. Darunter versteht er Arbeiten, die mehrheitlich der Überwachung und Kontrolle von anderen Erwerbstätigen dienen und nicht der Mehrung des Wohlstandes.

«Wirtschaftlich gesehen sind diese Tätigkeiten reine Verschwendung. Tatsächlich sind die meisten ökonomischen Innovationen der letzten 30 Jahre mehr politisch als wirtschaftlich sinnvoll», schreibt Graeber in seinem neuen Buch «The Democracy Project».

In einem Artikel des Onlinemagazins «Strike» hat Graeber diesen Gedanken weiter ausgeführt. Ausgehend von der Tatsache, dass immer mehr produktive Jobs von Maschinen ausgeführt werden, kommt er zum Schluss: «Die so gewonnene Zeit wird nicht zu einer Reduktion der Arbeitszeit benützt oder dazu, dass die Menschen ihre eigenen Projekte, Visionen und Ideen verwirklichen können.

Stattdessen sehen wir, wie der Dienstleistungssektor aufgebläht wird, sei es in der Verwaltung oder in der Schaffung von neuen Bereichen im Finanzwesen, Telemarketing oder der historisch einmaligen Ausdehnung von Unternehmensrecht, Gesundheitsadministration, Personalwesen und Public Relations. Das sind Tätigkeiten, die ich als ‹Bullshit-Jobs› bezeichne.»

Das Überfluss-Paradox hat bereits den bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts beschäftigt, John Maynard Keynes. Schon in den 1930er-Jahren kam er zum Schluss, dass der technische Fortschritt dazu führen wird, dass künftige Generationen höchstens 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten, um ein «gutes Leben» zu führen.

Keynes lag grundsätzlich richtig. Trotz der gewaltigen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg würde heute in den entwickelten Ländern eine Arbeitszeit von rund 25 Stunden pro Woche ausreichen, um den bestehenden Wohlstand zu sichern. Voraussetzung dazu ist, dass die Arbeit gleichmässig auf alle Erwerbstätigen verteilt wird.

Wohlstand wird nicht genutzt

Robert Skydelsky, Ökonomieprofessor und Autor einer Keynes-Biografie, stellt in seinem Buch «Wie viel ist genug» fest: «In der reichen Welt geht es uns materiell heute fünf Mal besser als in den 1930er-Jahren. Aber unsere durchschnittliche Arbeitszeit ist seither bloss um einen Fünftel gefallen.»

Auch Skydelsky weist auf das sich abzeichnende Paradox der globalisierten Wirtschaft hin. «Der Kapitalismus hat einen unvergleichlichen Fortschritt bei der Schaffung von Wohlstand erzielt», stellt er fest. «Aber er hat uns auch unfähig gemacht, diesen Wohlstand zivilisiert zu benützen.» Die Wirtschaft kann dieses Paradox nicht auflösen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf watson.ch