Carlo Janka selbst spricht von einem Rätsel. Nirgendwo sonst ist der 30-Jährige so erfolgreich wie in Wengen. Achtmal stand er schon auf dem Podest, siegte zweimal in der Kombi und einmal in der Abfahrt.

«Dabei kommt mir die Strecke am Lauberhorn gar nicht entgegen.» Er meint damit vor allem flache Abschnitte, wo Fähigkeiten als Gleiter gefragt sind. Und davon gibt es am Lauberhorn viele. «Warum und wieso hier Dinge funktionieren, die an anderen Orten viel schwieriger sind, ist ein grosses Rätsel. Doch ich denke gar nicht darüber nach, sondern bin einfach froh, dass es so ist.»

Wir versuchen trotzdem, eine Antwort zu finden, warum Janka der Mister Lauberhorn ist.
Einen ersten Tipp gibt Bruno Kernen, der die Abfahrt am Lauberhorn 2003 gewinnen konnte. «Wenn man als Athlet an eine Strecke kommt, auf der es einem läuft, gibt das einen Grundoptimismus, der unbezahlbar ist.» Janka steht in Wengen mit Selbstvertrauen am Start, mit dem Wissen, dass er hier gewinnen kann – jedes Rennen.

«Während man auf Strecken, die einem nicht liegen, lange nach den Gründen sucht, warum das so ist, kann man sich auf den Lieblingspisten viel schneller um Details kümmern. Man kann kleine Korrekturen vornehmen, statt das Ganze zu verändern», sagt Kernen. Wenn ein Athlet früh ein gutes Gefühl für eine Strecke aufbaut, profitiert er in den folgenden Jahren davon. Janka siegte am Lauberhorn 2009 in der Kombi. Es war gleichzeitig sein erster Weltcupstart in Wengen.

Auch in der Super-Kombination von Wengen 2015 triumphiert Janka:

Mit dem Kopf lässt sich im Sport vieles beeinflussen. «Ich spüre selbst, dass ich nach Wengen mit einer Grundüberzeugung reise», sagt Janka. Er spürt ein Vertrauen, seit er erstmals für ein Weltcuprennen mit der Zahnradbahn hinauf nach Wengen gereist ist.


Kraft und Technik


Doch alleine am Ur-Vertrauen kann es nicht liegen, dass Janka am Lauberhorn plötzlich auch in Passagen mit den Besten mithalten kann, die ihm sonst im Weltcup oft Spitzenplätze kosten. Der Schweizer Abfahrts-Chef Sepp Brunner liefert einen nächsten Hinweis zur Lösung des Rätsels. «Carlo kann fast alles. Diese Strecke verlangt fast alles. Er macht den Unterschied in den technischen Schlüsselpassagen, die er perfekt beherrscht. Das Tempo nimmt er mit in die flachen Passagen.»

Speziell das Brüggli-S, heute Kernen-S, nennt Brunner. Gestern im Training wurde bei Carlo Janka die höchste Ausgangsgeschwindigkeit gemessen und prompt fuhr er Bestzeit in diesem Abschnitt. «Eigentlich müsste man die Stelle erneut umbenennen: In Janka-S», sagt Brunner. Janka kompensiert also mit seinen Stärken seine Schwächen und verwandelt so einen Nachteil zu seinem Vorteil.

2010 gewinnt Janka die Lauberhornabfahrt:

Carlo Jankas Siegesfahrt am Lauberhorn 2010.

aa

Ist das also die Antwort? Zumindest ein Teil davon. Trainerlegende Karl Frehsner hat noch eine weitere Erklärung. «Carlo beherrscht die Schlüsselpassagen so gut, dass er nur halb so viel Kraft verbraucht wie seine Konkurrenten. Diese brauchen dann die Flachstücke, um sich zu erholen. Carlo wiederum kann voll attackieren und so mit den Gleitern mithalten», sagt der Österreicher.

Die Lauberhorn-Abfahrt ist die längste der Welt. Die Kraftreserven sind wichtiger als sonst. Carlo Janka gelingt es perfekt, seine Kraft zu konservieren. Er profitiert von seiner aussergewöhnlichen Technik. «Carlo ist für mich einer der komplettesten Skifahrer», sagt Frehsner. «Es gibt ganz wenige Athleten, die so unterschiedliche technische Schwierigkeiten, wie man sie am Lauberhorn findet, allesamt meistern können».

Es ist also zahlreiche Faktoren, die Jankas Stärke in Wengen erklären.