Er kam als Ingenieur in die Schweiz. Doch längst hat Mohamed Abdel Aziz den Austausch zwischen Arabern und Schweizern zu seinem Beruf gemacht. In seiner alten Heimat Ägypten konstituierte sich dieser Tage das neue Parlament, ein Jahr nach Beginn der Revolution, die als Arabischer Frühling Geschichte schrieb. Derweil ist in der Schweiz eine Debatte darüber entbrannt, ob nordafrikanische Flüchtlinge mehr Schwierigkeiten machen als andere. Grund genug, Abdel Aziz in seinem orientalischen Kulturzentrum Diwan in Zürich zu besuchen.
Eklat mit konservativen Islamisten
Von aussen deutet nur ein arabisches Schriftzeichen an einem Fenster im zweiten Stock über dem Kino «Plaza» auf das Kulturzentrum hin. Das Angebot des Einmannunternehmens ist vielfältig: Dazu zählen Arabischkurse, Vorträge, ein Verlag und Ägyptenreisen. Abdel Aziz berät zudem heiratswillige binationale Paare, amtet auch als Dolmetscher für Polizei und Staatsanwaltschaften und schreibt Bücher.
Zuletzt bereiste er im Dezember mit seiner Frau und einem Freund aus der Schweiz das Land am Nil. «Wir besuchten dabei auch einen Kongress der Salafisten», erzählt er. Die streng konservative islamische Gruppierung, die im neuen Parlament ein Viertel der Sitze errang, strebe unter anderem Tourismus mit nach Geschlechtern getrennten Stränden und Ganzkörper-Badeanzügen an. «Ich meldete mich zu Wort und erklärte, dass für westliche Touristen Badeferien in Taucheranzügen nicht infrage kommen», berichtet Abdel Aziz.
Die Salafisten hätten die Besucher aus der Schweiz zunächst höflich aufs Podium gebeten. Dann kam es zum Eklat: «Als sie meiner Frau den Handschlag zur Begrüssung verweigerten, explodierte sie vor Wut. Sie verlangte das Mikrofon und erklärte, die Salafisten würden ein schlechtes Bild von Ägypten abgeben und das Land mit ihren rückständigen Ideen kaputtmachen», so Abdel Aziz weiter. Ohne ein weiteres Wort hätten die Salafisten den Dialog abgebrochen. Das Fernsehen zeichnete die Szenen auf.
In Opfikon zuhause
Trotz der momentanen Instabilität glaubt Abdel Aziz an eine gute Zukunft für Ägypten: «Ich vertraue den Muslimbrüdern.» Er setzt auf die gemässigten Muslime, die mit 47 Prozent am meisten Parlamentssitze haben. «Mit ihnen wird es bestimmt nicht schlimmer, als es vorher war», so der 66-jährige Ägypter. Einzige Einschränkung: «Wenn Mubarak freigesprochen wird, wird das Land wieder brennen.»
Abdel Aziz, in jungen Jahren ägyptischer Leichtathletik-Meister, verliess das Land 1985. Die Firma Contraves hatte den damals 40-jährigen Ingenieur mit einem guten Jobangebot in die Schweiz gelockt. Nach anfänglichem Zögern kam auch seine Frau mit den Kindern mit.
Seither lebt die Familie in Opfikon, wo einer ihrer Söhne heute Stadtrat ist. Als Contraves Mohamed Abdel Aziz Mitte der 1990er-Jahre entliess, orientierte er sich neu und gründete das Kulturzentrum Diwan.
Sprache, Jobsuche, Integration
Inzwischen ist seine Arbeit als Kulturvermittler derart gefragt, dass er nur noch Arbeiten übernimmt, die er gerne macht. Zum Beispiel interkulturelles Training für Firmen, die im arabischen Raum tätig sind, Arabischkurse für Kinder oder Erwachsene, zum Beispiel Schweizerinnen, die mit Arabern verheiratet sind.
Nach den Problemen von Arabern in der Schweiz gefragt, meint er: «Oft fällt es ihnen schwer, die Sprache zu lernen. Besonders, wenn sie Analphabeten sind.» Auch die Arbeitssuche sei für viele belastend – und die Integration: «Es ist schwierig, in der Schweiz Freunde zu finden. Man fühlt sich oft allein.» Deshalb führe er im Diwan auch einen Arabic Speaking Club, um Kontakte zu vermitteln.
Die zurzeit laufende Debatte über Flüchtlinge aus Tunesien, die vermehrt Schwierigkeiten machten, kann er aufgrund seiner Arbeit als Dolmetscher für Polizei und Justizbehörden nachvollziehen. Seine Erklärung will er aber nicht als Rechtfertigung missverstanden wissen: «Junge Flüchtlinge aus Tunesien sind oft hoffnungslos. Das macht sie manchmal rücksichtslos. Sie haben keine Ziele und sehen nur schwarz. Dabei wollen sie eigentlich nur leben.» Abdel Aziz sieht nur eine Lösung: Investitionen in Tunesien, aber auch in Marokko und Ägypten. Anders liessen sich die Flüchtlingsströme aus Nordafrika nicht stoppen.
Um einen Beitrag für neue Perspektiven in seinem Herkunftsland zu leisten, bereitet Abdel Aziz gerade die Gründung eines Schweizer Kindergartens in Alexandria vor. «Eine Schweizerin, die bei mir Arabisch lernt, wird diesen Sommer dort anfangen.» Gleichzeitig hofft er, in der Stadt am Nildelta ein Schweizer Kulturzentrum aufbauen zu können. Die Finanzierung sei aber noch nicht gesichert.
«Reise im Herzen von Oberägypten» – unter diesem Titel findet am 27. Januar, 19 Uhr, im Kulturzentrum Diwan, Badenerstrasse 109, Zürich, eine Diashow statt. Dabei erzählen Mohamed Abdel Aziz und Pierre Freymond von ihrer jüngsten Ägyptenreise.