Jean Ziegler, am 28. Februar stimmen wir über eine Juso-Initiative ab, welche die Nahrungsmittelspekulation verbieten will. Was bringt diese Initiative?

Jean Ziegler: Das tägliche Massaker des Hungers ist der absolute Skandal unserer Zeit. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die Red.) sagt, die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. Das ist fast das Doppelte der heutigen globalen Einwohner von 7,3 Milliarden. Das Problem ist nicht die fehlende Produktion, sondern der Zugang zur Nahrung. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

Was sind die Gründe für den fehlenden Zugang?

Vor allem die Börsenspekulation mit den Grundnahrungsmitteln Reis, Getreide und Mais. Diese decken 75 Prozent des Weltkonsums ab. Die Spekulation treibt die Preise in die Höhe. Gemäss einer FAO-Statistik haben sich die Weltmarktpreise dieser Grundnahrungsmittel zwischen 2002 und 2012 verdoppelt. 1,1 Milliarde Menschen leben in Slums, wo die Mütter mit ganz wenig Geld die tägliche Nahrung kaufen müssen. Wenn nun die Preise der Grundnahrungsmittel nur steigen, sind diese Mütter nicht mehr in der Lage, ihre Kinder zu ernähren. Gemäss Weltbank sind 69 Millionen Menschen zusätzlich gestorben, weil der Reispreis gestiegen ist. Das ist tragisch.

Zur Person: Jean Ziegler

Jean Ziegler ist emeritierter Professor für Soziologie und Autor des Buches «Ändere die Welt!» (Bertelsmann, 2015). Er sass von 1967 bis 1983 sowie von 1987 bis 1999 für die SP im Nationalrat. Von 2000 bis 2008 war er UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung sowie Mitglied der UN-Task-Force für humanitäre Hilfe im Irak. Ziegler ist Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-
Menschenrechtsrats. (ssm)

Spekulation ist doch nicht der einzige Grund für steigende Nahrungsmittelpreise?

Aber der wichtigste. Und diese Spekulation ist heute noch völlig legal. Genf ist die Welthauptstadt der Agrarrohstoff-Spekulation, nachdem London gewisse Regeln erlassen hat. Spekulanten töten Millionen Menschen.

Der abgeschottete europäische Agrarmarkt ist doch ein viel wichtigerer Grund für die Misere
in Teilen der Dritten Welt.

Das ist auch ein Grund für die extreme Armut, einverstanden. Hinzu kommt der Landraub in Afrika und Asien durch die Hedge Funds, Grossbanken und multinationalen Konzerne. Und vor allem: die erdrückende Auslandschuld der ärmsten Länder. Afrika hat fast 1 Milliarde Einwohner und 54 Staaten. 37 davon sind reine Agrarstaaten. Dort gibt es praktisch keine Bewässerung, keine Zugtiere, keine Kredite, kein selektiertes Saatgut, kein Dünger. In der Sahelzone werden 600 bis 700 Kilogramm Getreide pro Hektare produziert. Zum Vergleich: Im Emmental ergibt eine Hektare 10 000 Kilo Getreide. Nicht weil der afrikanische Bauer so viel fauler oder inkompetenter wäre, als sein Kollege im Emmental. Die afrikanischen Regierungen können nicht in die Landwirtschaft investieren, weil das Geld fehlt, da die Länder hoffnungslos überschuldet sind.

Man müsste also die Auslandschulden afrikanischer Staaten streichen statt in der Schweiz die Spekulation zu verbieten.

Ja, natürlich. Die Schweiz könnte sich dafür einsetzen. Doch sie tut es nicht, weil sie – wie alle reichen Länder – konsequent die Interessen der Banken vertritt.

Im Nahrungsmittelhandel sind spekulative Termingeschäfte üblich und sinnvoll. Produzenten, Händler und Verkäufer sichern sich so vor kurzfristigen Preisschwankungen ab.

Einverstanden. Ein Grossproduzent von argentinischem Weizen einerseits und ein Besitzer einer Bäckereikette in den USA andererseits können einen Terminkontrakt machen, obwohl dieser spekulative Elemente enthält. Der Produzent in Argentinien hat ein legitimes Interesse, dass er seine Ernte absetzen kann. Und der Bäckereibesitzer in New York hat ein Interesse, Rohstoffe zu bekommen. Dieser Spekulationspreis ist absolut in Ordnung. Es gibt ein doppeltes wirtschaftliches Interesse.

Wo liegt also das Problem?

Banken, Hedge Funds, Börsenspekulanten, die nichts mit dem eigentlichen Markt zu tun haben, mischen sich in diese Geschäfte ein. Spekulanten sehen nie eine konkrete Ware, sie kaufen und verkaufen, belehnen etc. nur Papiere, ihr einziges Ziel ist Profitmaximierung. Geschäfte mit sogenannten Futures jagen die Preise in die Höhe. Das wird aus der Schweiz heraus gemacht. Das müssen wir verhindern.

Es ist doch kaum möglich, Termingeschäfte von reinen Spekulationsgeschäften zu unterscheiden?

Ein reiner Spekulant ist ein Marktteilnehmer, der nur fiktive Geschäfte macht. Ein Spekulant hat nie Weizen oder Reis in der Hand. Das kann man gut überprüfen.

Der Staat muss eine Überwachungsbürokratie aufbauen.

Das ist weit übertrieben. Jedes Börsengeschäft ist elektronisch registriert. Jedes Geschäft kann ganz einfach nachvollzogen werden. Jede Transaktion kann überprüft werden. Preis, Kommissionen, Termine, Marktteilnehmer sind bekannt. Die Börse ist kein rechtsfreier Raum. Da sehe ich überhaupt keine Probleme. Es ist die Aufgabe der Börsenaufsicht, hier für Ordnung zu sorgen. Der Initiativtext beschreibt ausführlich, wie dies geschehen kann.

Ein Spekulationsverbot einzig und allein in der Schweiz hat doch keinen Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise.

Wir müssen da handeln, wo wir können. Also bei uns. Genf ist die Welthauptstadt des Agrarrohstoffhandels. Mit Annahme der Initiative wäre sowohl Spekulation auf Schweizer Boden als auch die Spekulation weltweit aus der Schweiz heraus verboten. Doch Sie haben recht: Die Börsenspekulation kann damit nicht weltweit verhindert werden. Die Schweiz ist eine uralte Demokratie. Unsere moralische Aufgabe ist klar.

In der Schweiz aber gehen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen verloren.

Aber nicht viele. Diese Halunken generieren kaum Arbeitsplätze bei uns. Es findet ja keine eigentliche Wertschöpfung statt. Selbst steuertechnisch fallen sie nicht ins Gewicht, weil diese Hedge Funds meist in Steuerparadiesen angesiedelt sind. Was Menschen tötet, müssen wir verbieten.