Manchmal holt mich das schlechte Gewissen ein und ich frage mich: Habe ich meinem Kind geschadet, weil ich es bereits mit fünf Monaten in die Kita gebracht habe?

Remo Largo: Kinder brauchen Zeit, sich zu binden. Eine Bindung muss gepflegt und immer wieder neu bestätigt werden. Sie dauert nicht nur drei bis sechs Monate, sondern muss 15 Jahre lang halten. Zudem muss sich nicht nur das Kind binden, sondern auch seine Eltern; Mutter und Vater sind dann gut gebunden, wenn sie den Alltag mit dem Kind auch allein bewältigen können und es dem Kind dabei wohl ist. Es geht nicht nur um die Frage: Was passiert in der Kita? Genauso müssen sich die Eltern fragen: Wie erlebt das Kind das Zuhause?

In der Schweiz haben Frauen Anspruch auf 14 Wochen Mutterschaftsurlaub. Danach kehren viele zurück an den Arbeitsplatz. Reicht diese Zeit aus, um sich an ein Kind zu gewöhnen?

Wenn eine Frau bald nach der Geburt wieder zu arbeiten beginnt, hat sie den Kopf oft bereits wieder bei der Arbeit. Selbst wenn sie physisch anwesend ist, ist sie nicht beim Kind. Gilt übrigens genauso für den Vater. Das schafft emotionale Distanz. Die Erfahrung aller Eltern, dass sie vor der Geburt nicht einschätzen konnten, wie es sein wird, ein Kind zu haben, sollte vorsichtig machen, wenn es um die Wiederaufnahme der Arbeit geht.

Eine Studie ergab kürzlich, dass die Qualität der Schweizer Kitas «durchzogen» sei. Das sind ja nicht gerade optimale Umstände, sein Kind in fremde Hände zu geben.

Ein Kind in den ersten sechs Monaten in eine Kita zu geben, ist für den Säugling an und für sich kein Problem. Babys sind in den ersten Monaten sehr anpassungsfähig und offen. Dass Eltern Mühe haben, ihr Baby fremd betreuen zu lassen, hat eher damit zu tun, dass sie sich die Ruhe und Zeit nicht genommen haben, mit der neuen Situation vertraut zu werden. Ich persönlich würde – wenn es die Lebensumstände erlauben – ein Kind im ersten Lebensjahr nicht in die Krippe geben. Ab dem zweiten Lebensjahr aber brauchen Kinder andere Kinder: Wenn sie jeden Tag während mehrerer Stunden mit anderen Kindern spielen können, entwickeln sie sich besser. Dies gilt für die Sprach- und Sozialentwicklung, aber auch für die geistigen Fähigkeiten und die Motorik. Immer vorausgesetzt, die Krippe ist von guter pädagogischer Qualität und ermöglicht dem Kind die Erfahrungen, die es für seine Entwicklung benötigt.

Das heisst?

Es ist wichtig, dass das Kind eine oder zwei feste Bezugspersonen hat. Eine davon müsste immer anwesend sein, wenn das Kind in die Kita kommt. Doch da sieht die Realität oft anders aus, eine unbekannte Person nimmt das Kind in Empfang. Ob es einem Kind in der Kita gut geht oder nicht, hängt sehr von der Kontinuität der Betreuung ab.

Oft herrscht in Kitas eine hohe Fluktuation und viele Praktikantinnen arbeiten nur für ein paar Monate.

Das hat auch mit den Finanzen zu tun, die einer Kita zur Verfügung stehen. Man ist nicht in der Lage, mehreren gut ausgebildeten Erzieherinnen einen anständigen Lohn zu bezahlen. Deshalb werden häufig Praktikantinnen angestellt, und die meist jungen Erzieherinnen wechseln nach kurzer Zeit bereits wieder die Stelle. Offenbar hält es die Gesellschaft nicht für nötig, für Kleinkinder optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Interessant ist, dass der Lohn der Erwachsenen steigt, sobald die Kinder grösser werden: Die Primarlehrerin verdient mehr als die Kindergärtnerin, der Gymi-Lehrer mehr als der Seklehrer. Bis hin zum hohen Gehalt eines Uni-Professors. Am Salär gemessen stuft man die Arbeit mit Säuglingen und Kleinkindern als unwichtig ein, dabei ist die Betreuung von kleinen Kindern sehr anspruchsvoll.

Die Gesellschaft tut sich unheimlich schwer, sowohl arbeitenden Frauen wie auch Männern Strukturen zur Verfügung zu stellen, damit Arbeit und Familie zu vereinbaren sind. Kitas sind nicht nur teuer, es besteht auch ein Nachholbedarf, was die Qualität anbelangt. Dasselbe gilt für Tagesschulen, die es kaum gibt ...

Meiner Meinung nach gehören Kitas zum Bildungssystem. Eltern sollten die Möglichkeit haben, ihre Kinder ab dem zweiten Lebensjahr während zweier bis vier Tage für ein paar Stunden in eine Kita zu bringen, ohne dass sie dafür erhebliche Beiträge bezahlen müssten. So ist es in Skandinavien, Holland und Belgien. Dasselbe gilt auch für das Schulalter, wo die Situation noch schlimmer ist: In Zürich sind mehr als 40 Prozent der Schüler über Mittag und nach der Schule während dreier und mehr Tage allein zu Hause, wo sie sich selbst überlassen sind. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel von Friedrichshafen am deutschen Bodensee-Ufer: An der dortigen Tagesschule können die Kinder über Mittag und nach Schulschluss aus 25 Möglichkeiten wählen, was sie am liebsten machen möchten: Töpfern, schneidern, malen, Fussball spielen etc.

In der Schweiz gibt es noch immer kein flächendeckendes Angebot an staatlichen Tagesschulen. Auch, was erwerbstätige Eltern während der 13-wöchigen Schulferien mit ihren Kindern machen, scheint die Gesellschaft nicht sonderlich zu interessieren.

Es ist vermessen zu glauben, dass die Wirtschaft je Rücksicht auf die Bedürfnisse der Eltern und Kinder nehmen wird. Unser gesellschaftliches Wertsystem verlangt einen vorbehaltlosen Einsatz am Arbeitsplatz – selbst wenn dies auf Kosten der Familien geht. Deshalb müssen sich die Frauen endlich klar werden: Wenn sie sich selbst nicht wehren, wird nie etwas passieren! Wenn es den etablierten Parteien bislang nicht gelungen ist, für familienfreundliche Rahmenbedingungen zu sorgen, ist es Zeit, eine neue Partei – warum nicht eine Frauen- oder Familienpartei? – zu gründen! Jetzt, wo die Wirtschaft nach den Frauen ruft, wäre der geeignete Zeitpunkt dafür. Es gibt zahlreiche Bereiche in der Gesellschaft, die verbessert werden müssen, ich denke da an die Elternzeit nach der Geburt eines Babys, die Qualität der Kitas, den Mangel an Tagesschulen und Ferienbetreuung, die Doppelbelastung, die Arbeitskultur etc. Es darf doch nicht sein, dass Väter schräg angeguckt werden, wenn sie im Büro sagen, sie gehen ihre Kinder abholen. Es kann auch nicht sein, dass Eltern hohe Kita-Beiträge bezahlen müssen, weil sie arbeiten möchten.

Warum klappt es in Skandinavien so viel besser als in Mitteleuropa?

Nach dem Zweiten Weltkrieg boomte die Wirtschaft in Europa. Skandinavische Länder benötigten damals die Arbeitskraft der Frauen, weil – nicht wie in der Schweiz – keine Fremdarbeiter kamen. Die Frauen verlangten, dass für Eltern und Kinder gute Bedingungen geschaffen werden, nur dann würden sie arbeiten.
So wurden Arbeitsbedingungen erkämpft, die mit dem Familienleben vereinbar sind. Die Elternzeit dauert beispielsweise 480 Tage, zudem sind die Arbeitstage kürzer, die Kitas nahezu gratis. In der Schweiz fehlt ein solches gesellschaftliches Bewusstsein weitgehend. Die skandinavischen Länder wenden mit 3 bis
4,5 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes drei Mal so viel für Familie und Kinder auf wie die Schweiz mit 1,3 Prozent.

In Schweden liegt die Geburtenrate bei 1,94; in der Schweiz bei 1,52. Das hängt mit den familienfreundlichen Strukturen zusammen?

Natürlich. Bei uns führt die Mehrfachbelastung durch Arbeit, Kinderbetreuung und Haushalt dazu, dass die Geburtenrate tief liegt. Wenn die Eltern von der Gesellschaft in der Kinderbetreuung, Bildung und Erziehung ausreichend unterstützt werden, bekommen sie mehr Kinder. Umfragen bestätigen, dass die meisten Jugendlichen später einmal eine Familie mit zwei und mehr Kindern gründen möchten. Einmal erwachsen, werden sie jedoch von der Lebensrealität eingeholt und müssen bei ihren Familienträumen schmerzhafte Abstriche machen. Die Mütter sind bei der Geburt ihres ersten Kindes im Durchschnitt mehr als 30 Jahre alt.

Eine Familienpartei könnte diesen Wertewandel positiv beeinflussen?

Davon bin ich felsenfest überzeugt. Heutigen Familien fehlt nicht nur die Zeit, sondern auch die Wertschätzung. Mittelständische Familien kämpfen in ihrem Alltag damit, wie sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen, ohne sich selbst dabei heillos zu überfordern. Politische Diskussionen wie etwa über angeblich zu viele ausländische Fachkräfte oder über Millionengehälter von Managern haben wenig mit den realen Problemen von Familien zu tun. Eine Familienpartei, die sich eines für die Bevölkerung weit wichtigeren Themas annimmt, nämlich für eine familien- und kinderfreundliche Zukunft zu sorgen, wäre der Renner. Bis heute hat die Gesellschaft darauf keine Antworten. Ich meinte, dass innert kürzester Zeit 20 Prozent der Stimmbürger eine solche Partei wählen würden.

Wirtschaft und bürgerliche Parteien würden vorrechnen, wie teuer uns familienfreundliche Strukturen kämen. Das würde auf viele abschreckend wirken.

Natürlich wird uns die Schaffung einer familien- und kinderfreundlichen Gesellschaft finanziell einiges abverlangen. Es liegt deshalb an uns zu entscheiden, was uns eine bessere Lebensqualität wert ist. Wofür lohnt es sich, zu leben? Wie verbringen wir unsere Zeit? Schlimmstenfalls bleibt unser Lebensziel, möglichst bald an einem Burnout zu erkranken. Ich denke aber, die meisten Menschen wollen so arbeiten, dass sie daneben ein befriedigendes Familienleben führen können. Dafür müssen wir unser Wertesystem überdenken und die Gesellschaft dementsprechend umbauen. Dies traue ich – leider – nur den Frauen zu, lasse mich aber gerne von den Männern überraschen.