Über eine Grossleinwand flimmert ein touristisch angehauchter Werbefilm. «Komm nach Zürich, in diese lebhafte Stadt», verkündet eine Stimme aus dem Lautsprecher dazu. Die touristischen Bilder weichen solchen von physikalischen Experimenten. Kurz darauf erklärt Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, die 47. Internationale Physik-Olympiade (IPhO) für eröffnet — nicht ohne zu erwähnen, dass mit Albert Einstein einer der bedeutendsten Physiker schlechthin an der Uni Zürich geforscht hat. Über 400 Schüler und angehende Studenten aus 84 Ländern verfolgen die Eröffnungs-Zeremonie im Auditorium auf dem Campus Irchel. Sie schwenken Fähnchen, als ihr Land begrüsst wird.

Der Frauenanteil in den Länder-Delegationen der jungen Physik-Talente, die sich in nationalen Vorausscheidungen qualifizieren mussten, ist minim: Er schwankt pro Land zwischen null und einem Fünftel. Darauf angesprochen, lacht Bianca Andrei. «Es fühlt sich gut an, als eine der wenigen Frauen hier dabei zu sein», sagt die 18-Jährige. Sie war bereits vor einem Jahr an der Physik-Olympiade in Indien und holte eine Bronze-Medaille für Grossbritannien. Nun ist sie wieder im britischen Team dabei.

Tag 1 der internationalen Physik-Olympiade: Die Studenten aus allen Ländern kommen in Zürich an

«Als Kind mochte ich Mathematik», sagt sie. «Aber irgendwann wurde es mir zu abstrakt.» Sie habe sich dann der Physik zugewandt. Ihre Zukunftspläne? «Ich werde Physik studieren, an der Universität Cambridge», kommt es wie aus der Pistole geschossen. Wie es dann weitergehe, werde sich zeigen.

Prüfungen und Exkursionen

Auf die Physik-Olympioniken warten im Laufe dieser Woche zwei fünfstündige Prüfungen — eine praktische und eine theoretische. Zudem gehören diverse Exkursionen zum Programm, unter anderem ans Paul-Scherrer-Institut bei Villigen (AG).

Als Mitglied der Schweizer Delegation ist Nicolà Gantenbein dabei. Der 19-Jährige aus Eschenbach (SG) ist selbstredend ebenfalls von Physik angefressen. «Das Faszinierende daran ist, dass man das Meiste mittels Physik erklären kann», sagt er. «Und dass sich immer wieder praktische Bezüge herstellen lassen.» So war er letztes Jahr bei einer Exkursion auf die Mittelmeer-Insel Lipari dabei, um vulkanische Gesteine zu untersuchen. Auch seine Hobbys deuten darauf hin, dass sich hinter dem 19-jährigen Wuschelkopf ein gar nicht abgehobener Forschergeist verbirgt: Imkern und Skifahren zählen zu Gantenbeins Freizeitbeschäftigungen.
Wenig überraschend, dass auch er Physik studieren will — aber nicht in Zürich, sondern in Lausanne. So könne er auch gleich noch Französisch lernen.

Wenig geliebtes Fach

Die internationale Physik-Olympiade findet seit 1967 mehr oder weniger regelmässig statt. Dass sie nun erstmals in der Schweiz, genauer: an der Universität Zürich, eröffnet wurde, «ist ein grosser Tag für uns», sagt Uni-Rektor Hengartner — und fügt an: «Es ist eine wunderbare Möglichkeit, auch die Schweizer Schülerinnen und Schüler für ein Fach zu begeistern, das leider etwas zu wenig geliebt wird.»

Auch das Fach Physik ist vom Nachwuchsmangel in den sogenannten Mint-Fächern betroffen, zu denen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und technische Fächer zählen. Wie stark dieser Mangel sei, lasse sich nicht einfach beziffern. Feststehe: «Die Physiker, die wir ausbilden, gehen weg wie warme Semmeln», sagt Hengartner. Gefragt seien sie in den verschiedensten Branchen: In der Grundlagenforschung, als Lehrer, in Versicherungen, Banken, in der Industrie und in der Medizin, die zunehmend auch Bildgebungs- und Robotik-Kenntnisse anwende.

Insgesamt legten die Mint-Fächer laut Hengartner an der Universität Zürich in den letzten zehn Jahren bei den Studierendenzahlen um 40 Prozent zu, vor allem in den Life Sciences. Dennoch: «Physik hat noch Wachstumspotenzial», so der Unirektor. «Und vielleicht bringt uns ja die Physik-Olympiade ein paar gute Studierende.»