Der 28-Jährige ist jedoch überzeugt, dass man in persönlichen Gesprächen viel Angst und Ablehnung abbauen kann. Zugleich übt er aber auch leise Kritik an seinen Landsleuten.

Herr Yohannes, Sie leben mit Ihrer Frau und Ihrem Sohn in einer Wohnung in Winterthur, arbeiten als Sanitärinstallateur, spielen in der Freizeit Fussball und engagieren sich in einem Verein. Das klingt nach Bünzlischweizer.

Yemane Yohannes: (lacht) Das klingt wirklich so. Aber das Wort Durchschnittsschweizer klingt für mich besser als Bünzlischweizer.

Ticken Sie tatsächlich schon wie die Menschen hierzulande?

Ich ticke noch nicht ganz wie ein Schweizer. Aber mit der Zeit erfahre ich immer mehr, wie die Menschen hier denken und fühlen, und passe mich dieser Lebensweise an. So ein bisschen Schweizer bin ich inzwischen also sicher geworden.

Zur Person

Yemane Yohannes kam 2008 nach zweijähriger Flucht in die Schweiz. Der 28-jährige Eritreer lebt heute als anerkannter Flüchtling mit Frau und Kind in Winterthur.

Dort arbeitet er bei einer Sanitärfirma (im 3. Lehrjahr). In seiner Freizeit engagiert er sich für einen eritreischen Verein, den er selber gegründet hat, oder ist mit dem Bildungsteam der Flüchtlingshilfe unterwegs.

2015 wurde er im Rahmen seiner Integrationsarbeit für sein Engagement gegen Vorurteile und Gewalt mit dem Brückenbauer-Preis geehrt. 

Welchen Flüchtlingsstatus haben Sie?

Ich bin ein anerkannter Flüchtling und habe die Niederlassungsbewilligung C.

Das heisst, Sie sind schon länger als fünf Jahre in der Schweiz?

Ja, ich bin vor acht Jahren in die Schweiz gekommen. In Winterthur lebe ich seit 2013. Bevor ich in die Schweiz kam, befand ich mich zwei Jahre lang auf der Flucht.

Zwei Jahre?

Ja. Viele Leute glauben ja, dass wir mit dem Flugzeug hier ankommen. Aber das stimmt nicht. Auch ich war, wie die meisten anderen, auf dem Land unterwegs.

Als ich schliesslich nach einer langen Reise durch die Wüste in Libyen ankam, wurde ich noch ein Jahr lang in einer Art Gefängnis festgehalten. Später gelang es mir dann aber, mit anderen Flüchtlingen in einem Boot über das Mittelmeer nach Europa zu fahren.

Weshalb sind Sie damals aus Eritrea geflohen?

In der Zeit, als ich in Eritrea an einer vom Militär kontrollierten Hochschule war, hatte ich mir erlaubt, zu fragen, weshalb man die Studienfächer nicht frei wählen dürfe. Meine Fragen wurden als schwerer Verstoss und als Angriff auf das Regime gewertet.

Deshalb wurde ich ohne Gerichtsprozess für mehrere Monate in Haft gesetzt und gefoltert. Nach meinem Gefängnisaufenthalt hatte man mich zur Strafe direkt in den Militärdienst eingezogen.

Zuerst hiess es, das sei nur für sechs Monate, doch dann erfuhr ich, dass der Militärdienst auf unbestimmte Zeit angesetzt war und dass man mir verbot, jemals wieder an die Hochschule zurückzukehren. Mangels Alternativen hatte ich mich damals ziemlich rasch entschieden, das Land zu verlassen.

Haben Sie manchmal Heimweh nach Eritrea?

Natürlich. Denn ich bin ja dort aufgewachsen. Und meine Eltern leben nach wie vor in Eritrea.

Haben Sie zu ihnen eigentlich Kontakt?

Ja, aber nur telefonisch. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Und auch der Telefonkontakt ist nur alle drei bis vier Monate.

Warum?

Meine Eltern wohnen ausserhalb der Hauptstadt, und dort gibt es keinen Empfang. Deshalb müssen sie für ein Telefongespräch extra in die Hauptstadt reisen. Das macht es für die Kommunikation nicht gerade einfach.

Unter welchen Bedingungen würden Sie zurückkehren?

Eritrea ist ein totalitärer Staat, der keine Verfassung hat. Allein das, was der Präsident sagt, ist Gesetz. Deshalb herrschen in meinem Land Willkür und Angst.

Menschenrechte sind dort ein Fremdwort. Zwangsarbeit und Folterungen gehören zum Alltag. Ich würde deshalb erst dann wieder nach Eritrea zurückkehren, wenn ich Vertrauen in den Staat haben könnte und wenn es eine Regierung und Gesetze gibt, die demokratisch legitimiert sind.

Sie befinden sich noch in der Ausbildung zum Sanitärinstallateur und sind deshalb auf Sozialhilfe angewiesen. Macht Ihnen das Mühe?

Im Moment nicht. Denn selbst wenn ich ledig wäre, könnte ich mit meinem Lehrlingslohn hier in der Schweiz kaum leben.

Deshalb bin ich derzeit tatsächlich noch auf die Hilfe des Staates angewiesen. Aber sobald ich die Lehrabschlussprüfung bestanden habe und später hoffentlich eine Festanstellung erhalte, werde ich ohne Sozialhilfe leben können.

Dennoch haben Eritreer hierzulande ein Imageproblem. Denn selbst nach einigen Jahren Aufenthalt beziehen immer noch neun von zehn Eritreern Sozialhilfe. Was läuft falsch?

Ich frage mich, ob die Schweizer Arbeitgeber wirklich bereit sind, Eritreern Arbeit zu geben. Denn es ist nicht so, wie immer wieder behauptet wird, dass Eritreer arbeitsfaul sind und lieber von der Sozialhilfe leben.

Meine Landsleute möchten arbeiten. Aber ich bin nicht sicher, ob man uns wirklich Jobs geben möchte.

Keine Kritik an den Landsleuten?

Doch. Es ist tatsächlich so, dass die meisten meiner Landsleute in der Regel noch viel zu wenig in der Schweiz integriert sind. Dabei muss man jedoch wissen, dass viele Flüchtlinge aus Eritrea in ihrer Heimat nicht einmal die Grundschule besucht haben. Damit erfüllen sie oft die Voraussetzung nicht, um hier eine Arbeitsstelle zu erhalten. Sie sind deshalb frustriert und ziehen sich zurück.

Was muss sich konkret ändern?

Man darf nicht vergessen, dass die Eritreer zuerst einmal, wenn sie hier sind, einige Zeit brauchen, um mit den kulturellen Unterschieden und den traumatischen Erlebnissen der Vergangenheit zurechtzukommen.

Meine Landsleute sind zudem von Natur aus eher zurückhaltend. Sie brauchen deshalb Leute, denen sie vertrauen und die sie motivieren können.

Sie selber sprechen ein gutes Hochdeutsch – Ihre Landsleute aber meistens nicht.

Das stimmt. Sie haben nach wie vor grosse Mühe, die deutsche Sprache zu erlernen. Ich selber versuche ihnen aber immer wieder klarzumachen, wie wichtig die deutsche Sprache ist.

Eine Sprache lernt man nicht nur durch die Grammatik, sondern indem man ständig mit Leuten in Kontakt ist, die diese Sprache sprechen.

Was kann unsere Gesellschaft tun, damit sich die Eritreer hier rascher integrieren?

Interessant ist, dass beispielsweise in den USA fast alle Eritreer eine Arbeitsstelle haben. Ich habe mich gefragt, weshalb das dort so ist.

Die Antwort scheint einfach zu sein: Die Anforderungen, um einen Job zu erhalten, sind in den USA deutlich geringer als in der Schweiz. Man muss in den USA nicht von Anfang an gut Englisch sprechen können, um einen Job zu erhalten.

Ich wünsche mir daher von den Arbeitgebern mehr Toleranz und Geduld mit uns. Zudem glaube ich, dass man zum Beispiel für Hilfsjobs in der Gastronomie, im Baugewerbe und im Bereich Reinigung auch in der Schweiz nicht perfekt Deutsch können muss.

In einzelnen Kantonen werden derzeit Flyer an Flüchtlinge verteilt, die über Sitten, Gebräuche und die üblichen Verhaltensweisen hierzulande aufklären. Was halten Sie davon?

Ich finde es gut, dass die Flüchtlinge über die Verhaltensweisen informiert werden. Denn wenn man sich in einem fremden Land aufhält, ist es wichtig, sich anzupassen und an die geltenden Regeln zu halten. Die meisten meiner Landsleute wissen inzwischen sehr gut, was sie tun dürfen und was nicht.

Auf einem dieser Flyer steht: «Frauen und Männer sind in der Schweiz gleichberechtigt.» Inwieweit ist das für Sie neu?

Es gibt in Eritrea nach wie vor patriarchalische Strukturen. Viele Männer benehmen sich deshalb wie Machos, wie man hier sagen würde, und unterdrücken die Frauen.

Darum ist es gut, dass die Eritreer darüber informiert werden, dass hier Gleichberechtigung herrscht. Allerdings ist uns das Thema nicht völlig fremd.

Denn in Eritrea gilt die allgemeine Wehrpflicht nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen. Auch einige Ministerien der Regierung werden zurzeit von Frauen geführt.

Auf den Flyern steht auch, dass homosexuelle Partnerschaften in der Schweiz offiziell anerkannt sind. Stört Sie das?

In Eritrea ist Homosexualität verboten und wird mit Gefängnis bestraft. In der Gesellschaft werden Schwule und Lesben oft ausgegrenzt.

In den sozialen Medien ist das hier unter meinen Landsleuten immer wieder ein Thema, da es auch in der Schweiz homosexuelle Eritreer gibt. Viele sind der Ansicht, dass die sexuelle Ausrichtung egal sein sollte. Mich stört es nicht, wenn jemand so lebt.

Sie sind Mitglied im Bildungsteam der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Was tun Sie da konkret?

Ich erzähle Kindern und Jugendlichen in Schulen und in Kirchgemeinden die Geschichte meiner Flucht. Ich zeige zudem auf, welche Schritte ich unternommen habe, um mich in der Schweiz zu integrieren.

In Simulationsspielen erfahren die Teilnehmer hautnah, was Flucht bedeutet. Sie übernehmen die Rollen von Menschen, die ihre Heimat wegen Krieg, Folter und Unterdrückung verlassen.

Was lernen die Kinder?

Sie erkennen, dass viele Menschen erst aufgrund einer grossen Verzweiflung und Not heraus bereit sind, ihr Heimatland zu verlassen. Und dass die Flucht sehr lange und gefährlich sein kann.

Wie reagieren Sie auf Schweizer, die Ihnen mit Ablehnung begegnen?

Mir fällt auf, dass es einige Schweizer gibt, die sich ein Urteil über mich gebildet haben, ohne je mit mir gesprochen zu haben.

Wenn ich die Gelegenheit erhalte, dann versuche ich jenen Menschen aufzuzeigen, dass nicht alle Flüchtlinge aufgrund von wirtschaftlicher Not ihr Heimatland verlassen.

Und dass es deshalb wichtig ist, mit den Flüchtlingen persönlich über ihre Beweggründe zu reden. Aber viele sind gar nicht interessiert, mit mir darüber zu reden.

Sie wollen ihre Vorurteile behalten und mich mit rassistischen Äusserungen beleidigen. Doch vieles tun sie ja nur deshalb, weil sie Angst vor uns Fremden haben. Das verstehe ich. Alles, was man nicht kennt, bereitet einem Angst.

Inwieweit können Sie diesen Menschen die Ängste nehmen?

Sobald ich mit ihnen rede, gehen die Ängste weg. Sie müssen nur bereit sein, mir zuzuhören.

Das reicht?

Meistens. Ja. Viele meinen ja, ich sei ein Muslim. Dabei sind etwa die Hälfte der Bewohner von Eritrea Christen. Vor einiger Zeit rief mir ein Mann auf der Strasse zu: «Geh wieder zurück nach Saudi-Arabien!» Ich fragte: «Weshalb soll ich nach Saudi-Arabien?» Er meinte: «Weil du ein Muslim bist!» Ich antwortete ihm: «Nein, ich bin kein Muslim.»

Er war jedoch nicht umzustimmen. «Doch, doch, du bist ein Muslim!» Ich rief ihm zu: «Nein, ich komme aus Eritrea und bin ein Christ!» Dann sagte er nichts mehr und ging weg.