«Afrika in Sicht» heisst ein Reisebericht des Dadaisten Richard Huelsenbeck aus dem Jahr 1928. Den Buchumschlag dazu hat der Fotomontagekünstler John Heartfield entworfen. Er zeigt einen europäischen Offizier, der sein Fernrohr auf die ferne Silhouette exotischer Palmen richtet.

Zu diesem Bericht und auch zum Exponat aus Papier und Karton in der Ausstellung «Dada Afrika - Dialog mit dem Fremden» im Museum Rietberg in Zürich passt besonders gut ein Zitat des Dadaisten Tristan Tzara, das an der Wand des Ausstellungsraums prangt: «Afrika - Diese neue Welt, die sich im Aufbruch befindet, wird offensichtlich die Welt der Zukunft sein.»

Auf Augenhöhe mit Afrika

Anders als die Expressionisten und Kubisten, die sich schon früher - allerdings aus klar europäischer Perspektive - für afrikanische Kunst interessierten, näherten sich die Dadaisten dem schwarzen Kontinent auf Augenhöhe. Sie übernahmen nicht einfach nur die exotische Hülle dieser Kunst, sondern reflektierten ihre Beziehung zu den fremden Lebenswelten. Ihre Credo war die Gleichwertigkeit.

Neben den Formen der Masken etwa kamen bei den Dadaisten Bewegung, Trommeln, Musik ins Spiel. Die erste Sektion der Ausstellung trägt denn auch den Titel «Dada Performance» und erinnert an die Abende im Zürcher Cabaret Voltaire, wo Dada vor 100 Jahren geboren wurde.

Für eine dieser Veranstaltungen - «Le Chant Nègre» am 31. März 1916 - entwarf Marcel Janco ein Plakat. Die Kohlezeichnung orientiert sich an afrikanischen Masken und Skulpturen und evoziert gleichzeitig eine entfesselte Vitalität, die an den Dada-Abenden, den «Soirées nègres», angestrebt wurde.

Verblüffende Parallelen

Um den «Dialog mit dem Fremden» zu dokumentieren, haben die Kuratorinnen Michaela Oberhofer und Esther Tisa Francini zahlreiche Dada-Kunstwerke mit vorwiegend afrikanischer, aber auch mit japanischer Kunst oder mit Schweizer Volkskunst kombiniert. Die Kohärenz ist grösstenteils verblüffend.

Neben Jancos Plakatentwurf steht eine männliche Holzfigur voller Bewegung, geschnitzt in Kamerun Anfang des 20. Jahrhunderts. Neben zwei seiner Masken aber hängen eine hämisch grinsende Fratze aus dem Lötschental und eine Maske des japanischen Noh-Theaters. Die Weltoffenheit der Dadaisten war gross, das zeigen die Dialoge in der Ausstellung hervorragend.

«Dada Galerie», die zweite Sektion der Ausstellung, widmet sich dem Zürcher Kunsthändler, Sammler aussereuropäischer Kunst und Reformpädagogen Han Coray. In seiner Galerie erhielten die Dadaisten 1917 erstmals Gelegenheit, ihre Werke zusammen mit afrikanischer Kunst auszustellen.

Engel mit Schweinefratze

In Corays Fussstapfen tritt nun die aktuelle Ausstellung, die sich, so das Museum Rietberg, zum ersten Mal der Auseinandersetzung der Dadaisten mit aussereuropäischer Kunst widmet. Entstanden ist die Schau als Kooperation mit der Berlinischen Galerie, wo sie nach Zürich ebenfalls zu sehen sein wird. Ralf Burmeister, der «Dada Afrika» in Berlin kuratiert, hat die Medienführung am Donnerstag in Zürich mit zahlreichen Hinweisen und Dada-Geschichten bereichert.

So erzählte Burmeister die Geschichte der schwebenden Assemblage «Preussischer Erzengel» (1920) von John Heartfield und Rudolf Schlichter. In der Schweinsfratze dieses Offiziers in Uniform offenbart sich - so der Kurator - «das wahre Gesicht» der damaligen kriegerischen Epoche.

Die Collagen und Assemblagen von Hannah Höch und damit die Berliner Dada-Zeit der 1920er Jahre stehen im Mittelpunkt der dritten Sektion «Dada Magie». Höch verstand es hervorragend, ihre Zeit und die Vergangenheit, ihr gesellschaftliches Umfeld und das Fremde anderer Kulturen zusammenzubringen. Ihre Arbeiten zählen zu den Höhepunkten dadaistischer Kunst.

Mit der Sektion «Dada Kontrovers» endet die eindrückliche Ausstellung. Sie bezieht sich auf Carl Einsteins Programmschrift «Negerplastik» von 1915, der die Künstler der Avantgarde ihre Kenntnis der Kunst Afrikas verdanken. Und hier zeigt die Ausstellung auch ein zeitgenössisches afrikanisches Werk: die Installation «Portes Oranges» der Künstlerin Senam Okudzeto aus Ghana.