Spontane Besucher muss die Dame am Eingang auf der Warteliste notieren. Der Lesesaal der James-Joyce-Stiftung, im zweiten Stock über dem Literatur-Museum Strauhof, ist bis auf den letzten Platz gefüllt an diesem Dienstagabend. Rund 30 Menschen sind gekommen, um gemeinsam mit Stiftungsdirektor Fritz Senn eines der anspruchsvollsten Werke der modernen Literatur zu lesen: James Joyces «Ulysses».

Senns wöchentlicher «Ulysses»-Lesezirkel hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1982 zu einer literarischen Institution entwickelt. Der Grund erschliesst sich im Laufe des Abends schnell: Es ist ein grosses Vergnügen und eine geistige Bereicherung, dem 83-jährigen Senn zuzuhören. Er kennt das Werk des grossen irischen Schriftstellers, der zeitweise in Zürich lebte und auf dem Friedhof Fluntern begraben ist, wie kaum ein anderer. Und er versteht es, sein immenses Wissen ohne jeglichen Akademiker-Dünkel weiterzureichen: Joyce für jedermann.

Doch bevor Senn auf Joyces Hauptwerk zu sprechen kommt, sagt er: «Wir haben ein ernsthaftes Problem: Wir wissen nicht, wie es weitergeht mit der Stiftung. Wir sind offen für jede Unterstützung.» Später erklärt er auf Nachfrage: «Unser Vermögen ist mit den Aktien der UBS in den Keller gegangen. Wir sind ziemlich schlecht dran.»

Rückblende: Die Schweizerische Bankgesellschaft (SBG), Vorläuferin der UBS, hatte 1979 mit Mobiliar aus einem alten Dubliner Hotel das «James Joyce»-Pub in Zürich eröffnet. Fritz Senn arbeitete in jener Zeit noch als Lektor beim Zürcher Diogenes-Verlag. Er sammelte schon damals nahezu alles, was ihm von und über Joyce in die Hände fiel. Wenig später verlor er seine Stelle bei Diogenes. Seine Sammlung drohte zu zerfallen. Die Idee zur Gründung einer James-Joyce-Stiftung kam auf. Sie stiess beim damaligen SBG-Präsidenten Robert Holzach auf offene Ohren: Die Bank spendierte das Stiftungskapital. Noch heute ist die UBS im siebenköpfigen Stiftungsrat mit drei Mitgliedern vertreten.

Die James-Joyce-Stiftung zählt derzeit fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aufgrund der finanziellen Engpässe mussten sie laut Senn ihre Arbeitspensen bereits reduzieren. Die Stiftung dient als Anlaufstelle für Joyce-Forscher und andere Interessierte aus aller Welt. Neben verschiedenen Lesegruppen führt sie zusammen mit der Universität Zürich auch Joyce-Seminare durch. 2009 erhielt Senn für sein kulturelles Lebenswerk die goldene Ehrenmedaille des Kantons Zürich. Nun ist dieses Lebenswerk bedroht.

Obwohl die James-Joyce-Stiftung einst dem Engagement des SBG-Präsidenten ihr Gründungskapital verdankte und auch heute noch über ihren Stiftungsrat starke personelle Verflechtungen zur UBS bestehen: Hilfe von der Grossbank zu erwarten, wäre im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld wohl unrealistisch. Ein UBS-Sprecher betonte jedenfalls auf Anfrage, die James-Joyce-Stiftung sei von der UBS völlig unabhängig. Zur Frage, ob die UBS der Stiftung angesichts der Gründungsgeschichte und der auch heute existierenden personellen Verbindungen aus der Patsche helfen wolle, sagte er nur: kein Kommentar.

Ähnliche Anfragen der az Limmattaler Zeitung beim Rektor der Universität Zürich und beim Irischen Honorarkonsul in Zürich, die ebenfalls dem Stiftungsrat der James-Joyce-Stiftung angehören, blieben unbeantwortet.