Erst vor wenigen Tagen ist Franz Hohler aus Sankt Petersburg zurückgekehrt. Das Sichtmäppchen mit den Visumsunterlagen - "ein mühsames Prozedere" - liegt noch auf dem Tisch seiner Schreibstube in Zürich-Oerlikon.

Eine Lesereise ins fremdsprachige Ausland ist nicht nur wegen der Konsularvorschriften aufwendig. «Ich überlege mir vorher sehr gründlich, welche Texte ich auswählen kann, damit sie vom Publikum verstanden werden», sagt Hohler im Gespräch. Oft liest der Schriftsteller auf Deutsch an Goethe-Instituten, oder wie in Sankt Petersburg an einer Pädagogischen Hochschule vor Deutschstudierenden. Zu Beginn trägt er dabei meist die Kurzgeschichte «Die Schöpfung» vor.

Darin grübelt Gott bis heute darüber nach, wer zum Teufel ihm die Kiste mit Erbsen geschickt hat, aus denen schlussendlich das Universum spross. Der Einstieg dient ihm auch als Stimmungsbarometer. «Wenn bei der Schlusspointe eine Reaktion im Publikum ausbleibt, weiss ich, dass das Sprachverständnis nicht allzu gross ist.»

In solchen Situationen greift Hohler auf seine Übersetzerin - «wir wurden in kurzer Zeit ein eingespieltes Team» - oder auf einen Text in einem Kinderbuch zurück, den er auf Wunsch von Sprachlehrerinnen ausschliesslich in der Gegenwartsform geschrieben hat.

Auf Bestellung gedichtet hat er auch schon für einen Deutschkurs im schwedischen Radio. «Man lieferte mir gar das zu verwendende Vokabular.» Das spornte Hohler zu einer Fabel über Ökonomie und Ökologie an. «Der Verkäufer und der Elch» handelt vom (erfundenen) nordischen Sprichwort, wonach einer, der selbst dem Elch eine Gasmaske verkauft, besonders tüchtig sei.

Existenzielles in Indien

So unterschiedlich wie das Sprachverständnis sind auch die Reaktionen des Publikums im Ausland. Während in Sankt Petersburg die Studierenden an der Hochschule in Ehrfurcht vor dem berühmten Gast erstarrten, erinnert sich Hohler an eine rege Diskussion in der Majakoswki-Stadtbibliothek.

Dort wurden Fragen zur Schweiz gestellt und zu seiner Generation - den 68ern - die doch noch «voller Utopien gewesen» sei. "Da werden von mir manchmal wirklich umfassende Kurzanalysen verlangt", sagt Hohler und schmunzelt.

Speziell in Erinnerung geblieben ist ihm eine Lesung in Indien, wo er aus dem Roman «Die Steinflut» vortrug. Danach hob einer aus dem Publikum die Hand und stellte unvermittelt die Frage, ob der Autor an die Wiederauferstehung glaube. «Do you believe in resurrection?» Hohler gab schlagfertig zurück: «Wenn Sie mich heute fragen: Ja. Wenn Sie mich morgen fragen: Nein.»

Verloren in Minsk

Die Begegnung mit einer anderen Kultur «und die Konfrontation mit deutlich anderen Umständen» ist es, was Hohler am Reisen reizt. «Es ist ein Stück Welterfahrung.» Dazu gehört auch das Bewältigen des Alltags unterwegs.

Dabei liefert das Erlebte wiederum Stoff für Hohlers Alltagsgeschichten - wie im neusten Kurzgeschichtenband «Ein Feuer im Garten». Dort beschreibt er, wie er kürzlich im weissrussischen Minsk nach einer Adresse mit einem nur schwer aussprechbaren Namen suchte.

Vom Platzregen durchnässt steht er schliesslich ratlos vor einer Mauer und stellt sich die Fragen, die jeden verlorenen Reisenden überfallen: «Was tust du hier? Warum bist du nicht zu Hause? Hast du das nötig? In deinem Alter?»

Ja, er tut sich das weiterhin an, auch als 73-Jähriger. «Alles, was vom eigenen Normalbetrieb abweicht, hält einen lebendig.» Dazu gehörten halt nicht nur die schönen Erfahrungen. In Sankt Petersburg wurde er kürzlich im Bus von Taschendieben bestohlen. «Man hatte mich gewarnt, aber ich lief trotzdem in die Falle.»

Bedrohlichere Situationen hat er zum Glück noch nie erlebt. Brenzlig hätte es in Lateinamerika werden können, wo er in jungen Jahren in von Paramilitärs heimgesuchten Konfliktgebieten unterwegs war.

"Ideologischer Wartsaal" in Teheran

Viel nachgedacht hat Franz Hohler in all den Jahren über die Frage, ob man Missstände direkt anprangern soll. Er habe grössten Respekt vor Menschen wie dem Pazifisten Max Dätwyler, der 1964 auf dem roten Platz in Moskau eine weisse Fahne entrollte und so seine Verhaftung provozierte.

"Aber ich selber würde das nicht tun. Ich kritisiere die Verhältnisse in meinem Revier, und das ist die Schweiz." Das schliesst nicht aus, dass er Appelle von Amnesty International unterzeichnet. Unterwegs sieht er sich aber als Kulturschaffender in der Rolle des Brückenbauers, der den Kontakt mit den Menschen vor Ort sucht.

Bei seiner letzten Reise in den Iran habe er viele "spannende, intelligente und witzige" Menschen getroffen, die unter "dieser grauenhaften Käseglocke ihrer religiösen Führung" leben müssen.

Dass er sich bei einer Lesung an der Teheraner Universität zuerst Koranverse anhören musste, gehöre zu einem Ritual, "das die meisten im Publikum genauso nervte wie mich." Gekommen war das Publikum für seine Geschichten, "und so warteten wir gemeinsam im ideologischen Wartsaal darauf, dass wir beginnen konnten."*

*Dieser Text von Theodora Peter wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.