Im inneren Kreis sitzen die Hoffnungsträger einer Branche, die schneller wächst als jede andere in der Schweiz. Ausschliesslich junge Männer sind es an diesem Dienstagmittag. Sie beteiligen sich an den Berufs-Schweizermeisterschaften in Informatik und Mediamatik. Die Ohren mit Kopfhörern bedeckt, starren sie konzentriert auf Bildschirme. Dabei gäbe es um sie herum in der Halle des Hauptbahnhofs Zürich genug Ablenkung: Auf der Bühne präsentiert ein Autohändler die neusten Modelle einer bayerischen Edelmarke, «quasi die Vorstufe des sich selbst steuernden Autos»; dazu erklingt Hymnisches aus Lautsprechern. Über den Köpfen schwebt ein mit einer Drohne bestückter ferngesteuerter Ballon; die Zürcher Start-up-Firma Aerotain will sich damit auf dem Gewerbe- und Unterhaltungsmarkt etablieren. Ein paar Schritte weiter tanzt ein Roboter namens «Pepper» zu Musik von Michael Jackson.

Willkommen an der ICTskills2016, der Berufsschau der Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT). Dass sie im Hauptbahnhof Zürich stattfindet (noch bis und mit Donnerstag), ist kein Zufall: «Rund ein Drittel aller ICT-Fachkräfte der Schweiz arbeiten im Raum Zürich», sagt Jörg Aebischer, auf dessen T-Shirt einfach «Jörg» steht. Er ist Veranstalter der ICTskills2016 und Geschäftsführer des Verbands ICT-Berufsbildung Schweiz. Schweizweit gebe es derzeit rund 210 000 ICT-Fachkräfte. Und jedes Jahr brauche es etwa 10 000 mehr.

Ausbildungsplätze sind knapp

«Dieses Berufsfeld wächst viermal schneller als alle anderen Berufe in der Schweiz», so Aebischer weiter. Allein mit dem Schweizer Nachwuchs lasse sich dieser Bedarf nicht decken: «Man ist in der ICT massiv auf Zuwanderung aus dem Ausland angewiesen.» Aufgrund der Masseneinwanderungsinitiative werde dies zunehmend schwierig.

"Der Bedarf im Raum Zürich ist riesig" - Interview mit Jörg Aebischer, Geschäftsführer ICT-Berufsbildung

Dabei würden die Ausbildungsangebote laufend ausgebaut. Derzeit gebe es pro Jahr rund 4000 ICT-Abschlüsse in der Schweiz. Den Löwenanteil daran leisten gemäss Aebischer die Lehrbetriebe mit jährlich 2500 Lehrabgängern im ICT-Bereich. Weitere 1000 ICT-Ausgebildete spucken die Fachhochschulen aus. Universität und ETH Zürich steuern laut Aebischer pro Jahr rund 300 Absolventen mit Master-Diplom bei, Tendenz ebenfalls steigend. Der Rest entfalle auf diverse eidgenössisch anerkannte Fachausweise und Diplome.

Der Branchenverband will laut Aebischer bis im Jahr 2020 die Anzahl der ICT-Lehrstellen von derzeit schweizweit 9000 auf 12 000 zu steigern. «Doch wenn der Bedarf weiterhin so wächst, langt es auch dann nicht, um den Bedarf inländisch abzudecken», warnt der Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz weiter.

Dabei habe die Branche Sexappeal: Wenn Start-up-Unternehmen für mehrere Millionen Franken verkauft würden, steigere dies die Attraktivität. «Es herrscht Goldgräberstimmung», sagt Aebischer. Doch er räumt ein, dass die glamourösen Beispiele von Start-up-Millionären Ausnahmefälle sind. Weitaus häufiger landen ICT-Leute als Programmierer bei Banken und Versicherungen.

Dennoch herrscht an der ICT-Berufsschau, die zum zweiten Mal in Zürich stattfindet, grosser Andrang. Jugendliche lassen sich am Stand der Fachhochschule Schweiz erläutern, wie sie ihre Ausbildung im Fernstudium absolvieren können. Und am Stand der Fachhochschule Luzern gibt Hanspeter Erni Robotik-Workshops für Kinder und Jugendliche. An einer grafisch-visuellen Bildschirmoberfläche lernen sie mit einfachen Mitteln, ein Spielzeugauto so zu programmieren, dass es seinen Weg auf einem vorgezeichneten Parcours wie von alleine findet.
Lehrmittel für Kindergärten

«Wir haben auch für Kindergärten ein neues Lehrmittel entwickelt», sagt Erni. Damit könnten Kindergarten-Kinder ganz ohne Computer Grundgedanken des Programmierens kennenlernen. Auch für die Primarschulen werden laut Erni derzeit im Hinblick auf die Einführung des Lehrplans 21 zahlreiche Informatik-Lehrmittel entwickelt. «Der Markt spielt. Lehrmittel gibt es haufenweise», so Erni.

Roboter "Pepper" ist noch etwas scheu

Derweil sucht ein paar Schritte weiter ein japanischer Messebesucher das Gespräch mit Roboter «Pepper». «Er ist ein sozialer Roboter und soll ein Gefährte des Menschen sein», sagt Tobias Kiefer von der Firma Avatarion, die Kundschaft für «Pepper» in der Schweiz sucht. In Frankreich arbeite der im Frühling lancierte Roboter bereits in Supermärkten, und in Japan sei er in etlichen Nescafé-Filialen anzutreffen. In der Zürcher Bahnhofshalle reagiert «Pepper» auf die Annäherungsversuche des Japaners noch etwas scheu.