Dinah Hess ist 27 Jahre alt, hat 2012 ihr Theologiestudium abgeschlossen und eine grosse Aufgabe vor sich: Christen aus aller Welt Raum zu geben – und das gegenseitige Verständnis zu fördern. Seit wenigen Tagen leitet die Bernerin das Zentrum für Migrationskirchen in Zürich.

Acht Kirchen aus vier Kontinenten gehören dem Zentrum an, das im reformierten Kirchgemeindehaus in Zürich Wipkingen untergebracht ist und vom reformierten Stadtverband sowie der reformierten Landeskirche getragen wird. Ihre Mitglieder stammen mehrheitlich aus Nigeria, Kongo, Brasilien, Argentinien, Sri Lanka, Korea und Finnland. Ausserdem hat sich eine freie Gemeinde mit Schweizer Mehrheit in dem grossen Betonbau an der viel befahrenen Rosengartenstrasse eingemietet.

60 Migrationskirchen in Zürich

Die Migrationskirchen kamen in den 1980er-Jahren auf. Heute gibt es allein in der Stadt Zürich rund 60 von ihnen. Dinah Hess vergleicht sie mit Kulturvereinen: «Es geht um das Zusammenkommen mit Leuten der eigenen Muttersprache.» Dabei stünden der Glaube und das Feiern des Gottesdienstes im Zentrum. Die Art und Weise, Gottesdienst zu feiern, ist jedoch von Kultur zu Kultur unterschiedlich. «Für viele Migrantinnen und Migranten spielen Musik und Bewegung eine grössere Rolle als in der von Zwingli geprägten reformierten Kirche», sagt Hess. Für die hiesigen Kirchen sind die Migrationskirchen nicht zuletzt auch eine willkommene Möglichkeit, ihre Räume besser auszulasten.

Der Umgang mit Menschen aus fremden Kulturen ist Dinah Hess seit ihrer Kindheit vertraut: «Meine Grosseltern brachten mal einen Studenten aus Ägypten bei sich unter, mal Flüchtlinge aus Vietnam und aus Mazedonien», erinnert sie sich. «Ich hatte nie Berührungsängste gegenüber anderen Kulturen.» Ihre Eltern seien fleissige Kirchgänger. Der Besuch der Sonntagsschule war für sie normal, Kirche jedoch kein Muss: «Manchmal tat ich am Sonntagmorgen so, als ob ich schlief, wenn ich nicht in die Kirche wollte.» Ihre Eltern liessen sie schlafen.

Nach der Schulzeit in Burgdorf arbeitete sie am Fliessband in einer Käsefabrik. Später reiste sie nach Australien, China und Indien. Gegen Ende ihres Theologiestudiums verbrachte Hess ein Jahr im südindischen Bangalore und schrieb ihre Masterarbeit über das Kastensystem in der indischen christlichen Kirche. Im Anschluss ans Studium war sie für die Fachstelle Migration der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn tätig.

«Das wäre spannend»

Als sie mitbekam, dass in Zürich die Stelle der Leiterin im Zentrum für Migrationskirchen frei wurde, war ihr erster Gedanke: «Das wäre spannend: Wie leben andere Kulturen das Christentum? Alle haben ihre Eigenarten – aber eigentlich gehört alles zusammen.»

Als Zentrumsleiterin hat Hess nun zum einen administrative Aufgaben: «Ich bin die Vermieterin.» Zudem berät sie andere Zürcher Kirchgemeinden, die immer öfter Anfragen von Migrationskirchen für Räume haben. «Meistens geht es dabei um ganz konkrete, praktische Fragen wie Lautstärke, Sauberkeit und die Höhe der Miete.»

Dialog im Vordergrund

Daneben stehen für Dinah Hess aber der Austausch mit den anderen Kulturen sowie der theologische Dialog zwischen der reformierten Kirche und den Migrationskirchen klar im Vordergrund. Nächste Woche nimmt sie zum ersten Mal am monatlichen Hauskonvent teil. Dabei werden zum einen praktische Angelegenheiten wie die Benützung der Räume besprochen. Zum anderen kommen die Vertreter der verschiedenen Migrationskirchen zusammen, um miteinander über biblische Texte zu reden und den kulturellen Austausch zu pflegen.

Dass auch beim innerkirchlichen Austausch manchmal Welten aufeinanderprallen, etwa wenn es um die Rolle der Frau geht, ist Dinah Hess durchaus bewusst. Doch für sie ist klar: «Man muss damit leben, dass es andere anders machen. Ich kann mich nicht über andere erheben, nur weil ich das Gefühl habe, so ist es richtig.» Ihr Credo: «Ich komme nicht darum herum, im Gespräch und vor allem im gelebten Alltag zu zeigen, wie ich den Glauben lebe und was meine Beweggründe sind. Auf der anderen Seite kann ich aus dem Handeln und Glauben anderer lernen.» Eine Trotzhaltung angesichts kultureller Unterschiede wäre für Hess sinnlos.