Der Kraftakt folgt auf Kommando: «Eins!», schallt es über den Steg vor dem Klublokal des Limmat Clubs Zürich (LCZ) an der Schipfe. Und schon ziehen zehn Männer, verteilt auf zwei Seile, am Bug des 15 Meter langen Holzschiffes «Turicum». Es reicht nicht: Das anderthalb Tonnen schwere Ungetüm gleitet von der Stegkante wieder zurück in den Fluss. «Zwei!» Wieder stemmen sich die Klubmitglieder mit ihrem ganzen Gewicht in die Seile. Wieder reicht der Zug nicht ganz. «Dreeeiiii!» Endlich: Die Spitze des sogenannten Langschiffs ragt einen kurzen Moment in den blauen Himmel, bevor es unter lautem Johlen der Männer auf dem Steg aufschlägt. Im Laufschritt ziehen sie das Boot den Holzplanken entlang, bis auch das Heck auf dem Trockenen ist. Es ist vollbracht.

Dafür braucht es kräftige Hände: Das Langboot wird an Land gezogen

René Schraner schaut zufrieden auf das Schiff vor ihm. Der Ex-LCZ-Präsident ist Medienverantwortlicher der Hirsebreifahrt, mit der man einer legendären Wette zwischen Zürchern und Strassburgern im Jahr 1456 gedenkt (siehe Artikel rechts). Schraner, oder genauer: seine Kamera, ist der Grund für den Kraftakt der zehn Wasserfahrer. Wenn am kommenden Mittwoch 30 Vereinsmitglieder zusammen mit 54 Vertretern der Zunft zur Schiffleuten, des Zürcher Bogenschützenvereins, des Schützenvereins, der Stadtmusik Zürich und Ehrengästen bei der Schipfe ablegen, um bis nach Strassburg zu fahren und dort warmen Hirsebrei zu verteilen, dann wird Schraner diesen grossen Moment für die Nachwelt mit einer Filmkamera festhalten.

Damit die Aufnahmen gelingen, ist der 68-Jährige mit dem weissen Schnauz im runden Gesicht auf ein Stativ angewiesen. «Während der Fahrt ist es ohnehin schwierig, zuhinterst auf dem Schiff zu stehen. Freihändig zu filmen wäre oft schlicht nicht möglich», erklärt er. Oberfahrer Rolf Dubs wird daher ein kleines Podest installieren, auf dem Schraner sein Stativ fixieren kann. Es sei für den Verein ein grosses Glück, dass unter den Mitgliedern viele Handwerker seien, sagt Schraner: «So lassen sich Reparaturen an den Booten und andere technische Arbeiten fast immer mit eigenen Leuten erledigen.»

Cards: Hirsebreifahrt

Das ist auch während der Hirsebreifahrt so: Auf den zwei Langschiffen und zwei kürzeren Übersetzbooten aus Holz, mit denen die Wasserfahrer ins Elsass navigieren, werden kleinere Reparaturen während der Fahrt vorgenommen, wie Oberfahrer Dubs sagt. Und natürlich hat der Verein das eine der beiden Langschiffe, die «Limmat», auch selbst kunstvoll bemalt, nachdem sie es anlässlich der Hirsebreifahrt für rund 60 000 Franken angeschafft hatte.

29 Hindernisse stehen im Weg

Dreieinhalb Tage benötigen die Zürcher dieses Jahr, bis sie in Strassburg ankommen. Das ist lange, wenn man bedenkt, dass die Begründer dieses Brauchs dafür nur 20 Stunden Zeit hatten. Der Grund sind 29 Hindernisse wie Wasserkraftwerke und Wehre, die in der Zwischenzeit auf der Strecke erbaut wurden. Deren Überwindung – meist per Kahntransportanlage mittels Drahtseilzug – dauere sehr lange, sagt Schraner. Dazu kommen diverse offizielle Empfänge, für die die Fahrt über Limmat, Aare und Rhein unterbrochen wird: «Heuer rechnen wir deshalb einen halben Tag mehr ein als noch 2006. So haben wir weniger Stress», sagt der LCZ-Medienverantwortliche.

In der milden Abendluft vor dem Klublokal hängt plötzlich der Duft von gebratenem Fleisch. Gleich nachdem die «Turicum» an Land lag, warfen jüngere LCZ-Mitglieder den Grill an. Auch das Gespräch mit Schraner dreht sich bald ums Essen. Er erwähnt, dass der Hirsebrei heute – anders als im 15. Jahrhundert – nicht mehr auf den Langschiffen bis nach Strassburg mitgeführt wird. Die Konditorei Sprüngli liefere ihn auf dem Landweg bis nach Kehl, der deutschen Nachbargemeinde, wo ihn die Hirsebreifahrer auf eines der Langschiffe aufladen und dann an den Zielort über den Rhein verfrachten.

Wie gut kennen Sie sich mit der Hirsebreifahrt aus?

Was war der Grund für die erste Hirsebreifahrt?

In Strassburg fand ein Wettschiessen statt

Die Zürcher wollten dem Strassburger Bürgermeister zum Geburtstag gratulieren

In Strassburg wurde ein Kegelturnier durchgeführt

Wie wurde bei der ersten Fahrt 1456 der Hirsebreikessel warm gehalten?

Der Topf war mit Stroh und Lumpen umwickelt

Einer der Teilnehmer musste sich auf den Topf setzen

Mit einer Fackel

Wie viele Hindernisse müssen die Schiffsleute auf ihrer Fahrt von Zürich nach Strassburg überwinden?

11

55

29

Der organisierende Limmat Club Zürich ist…

eine Zürcher Zunft

der älteste Wasserfahrverein der Schweiz

der jüngste Wasserfahrverein der Schweiz

Wenn die Hirsebreifahrer in Strassburg ankommen, befinden sie sich auf..

der Seine

der Rhone

der Ill

Wie hiess der Stadtpräsident, der 1956 an der Hirsebreifahrt teilnahm?

Emil Landolt

Josef Estermann

Sigi Widmer

Wie heisst das Gedicht, das auf die Hirsebreifahrt von 1576 verfasst wurde?

Das Glückhafft Schiff von Zürich

Viele Köche verderben den Brei

Schiff ahoi

In welchem Zeitabstand wird die Hirsebreifahrt seit dem 2. Weltkrieg durchgeführt?

alle 10 Jahre

alle 20 Jahre

alle 30 Jahre

In Strassburg werden die Hirsebreifahrer vom Bürgermeister empfangen, dem…

Maitre

Maire

Marie

Welches Getränk wird den Hirsebreifahrern bei Oberengstringen auf die Schiffe mitgegeben?

Süssmost

Wein

Whisky

Quiz: Wie gut kennen Sie sich mit der Hirsebreifahrt aus?

Eine Herausforderung ist die Fahrt für die Wasserfahrer dennoch auch im Jahr 2016 – insbesondere auf der Limmat, dem anspruchsvollsten Abschnitt: «Da braucht es gute Teamarbeit und die Fähigkeit, den Fluss mit seinen Tücken zu lesen», sagt Schraner, der mit zwei Kollegen Ende der Sechzigerjahre schon bis nach Rotterdam gerudert ist. Er, der bereits das vierte Mal an einer Hirsebreifahrt teilnimmt, freut sich heute aber vor allem auf die vielen Empfänge: «Die Herzlichkeit, die uns entgegengebracht wird, ist unbeschreiblich. Selbst die Basler freuen sich auf uns», sagt Schraner und erntet schallendes Lachen seiner Kameraden.