Schwere Depressionen sind grausam zerstörerisch. «Nicht mehr wollen können ist meines Wissens die zentralste Hemmung des menschlichen Körper-Geist-Systems. Diese Hemmung, wenn sie Hemmung bleibt, ist so tödlich, wie eine Krankheit nur sein kann. (…) Aber die Hemmung Depression ist lebensrettend, wenn der Umgang mit ihr gelingt. Ohne Hemmungen keine Reife. Depression ist eine geballte Nachreifung. Ein pauschaler Schlag mit der Bratpfanne, damit einer in Ohnmacht fällt, bevor er einen Mord begeht, an anderen oder an sich selbst. Je früher der Paukenschlag, desto besser.»

Odyssee und Gang durch die Hölle

Das schreibt einer, der es wissen muss: Adrian Naef, Schriftsteller und Musiker. Er hat mehr als einmal eins mit der Bratpfanne auf den Kopf bekommen und «das Irrenhaus» von innen kennen gelernt, hat heraus- und vom «Nachtgänger» wieder zum «Taggänger» gefunden. Und er hat darüber ein Buch geschrieben: «Nachtgängers Logik. Journal einer Odyssee» (2003). Naef ist in diesem unkonventionellen Geschichten- und Bilderbuch über das Burghölzli, die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK), mit einem Ausschnitt aus seinem «Journal» vertreten, einem wunderbar widerspenstigen Text, voller Lebendigkeit und Entschiedenheit.

Auch Rolf Lyssy, der mehr ist als der Regisseur von «Die Schweizermacher», hat das «totale Chaos», den «grenzenlosen, geistigen Absturz» einer schweren Depression durchgemacht. Sein Beitrag «Als die Zeit (nicht) stillstand» ist das packende, unverstellte Zeugnis eines aus dem Gleichgewicht Geratenen, eines Menschen, der «im Kern seiner unverwechselbaren Individualität schwer getroffen ist». «Wenn ich mich heute an meinen Klinikaufenthalt im Burghölzli zurückerinnere, wo sich mir die ganze Bandbreite menschlicher Tragik, und paradoxerweise auch Komik, offenbarte, (…) so empfinde ich diese Zeit nach wie vor als einen Gang durch die Hölle und gleichzeitig als den Ort, der entscheidend zu meinem Überleben und meiner Gesundung beigetragen hat.»

Ein Ort, wo man schwach sein darf

Oder Florian Burkhardt (Model, Autor, Internetpionier), der wie sein Gesprächspartner Marcel Gisler (der ihn im Dokfilm «Electroboy» porträtiert hat) das Burghölzli von innen kennt: Auch er erlebt den «absoluten Bruch» – und die Klinik als rettenden «Ort, wo man schwach sein darf, wo man Probleme haben darf». Für ihn, den damals noch sehr jungen Mann, war die Klinikzeit nicht nur schwierig, sondern auch spannend, «eine Extremerfahrung»: «Ich konnte ja gar nichts mehr machen. (…) Du gehst an eine Nordpolexpedition. Ein Riesenabenteuer. Alles hinter dir zu lassen, alles. Und das war schon sehr spannend.»

Anderen wiederum ist das Burghölzli im Lauf der Jahre zu einer «Art Heimat» geworden. Für Herrn B. etwa, der, an einer paranoiden Schizophrenie leidend, in über 30 Jahren dort bereits acht Mal «eine Heimat auf Zeit» gefunden hat. Herr B. hat gelernt, dass er mit seiner Erkrankung leben muss und dass er, wenn das «Chaos im Kopf» überhandnimmt, im Burghölzli zur Ruhe kommen kann. Im Gespräch mit dem Ergotherapeuten und Leiter der Arbeitstherapie Albrecht Konrad erhält der Leser, die Leserin Einblick in eine ganz normale, exemplarische Patientengeschichte.

Der Mensch und das Menschliche

Diese und andere Patientengeschichten im ersten Teil des Buches bieten vielfältig anregende Lektüre. Sie werden ergänzt durch zwei künstlerische Beiträge: die ebenso zarten wie bestimmten «Gedankenräume» von Cécile Wick, zeichnerisch-zeichenhaft bewegt zwischen Nähe und Weite, und die «Die unsichtbare Geschichte», die in den Infrarotfotografien von Jan Conradi, Mitherausgeber des Buches und Oberarzt an der PUK, anklingt.

Nicht weniger unterhaltsam, aber weit heterogener sind die Berichte, Erinnerungen, Aperçus und Fachgespräche im zweiten Teil, der «Das Burghölzli: Institution und Geschichte» überschrieben ist. Die bald 150-jährige Institution, an der grosse Psychiater und Wissenschaftler wirkten, die Psychiatriegeschichte schrieben, wird als historisch bedeutender Ort fassbar, an dem schon früh der Mensch und das Menschliche ins Zentrum rückten.

Darum geht es ja auch in diesem Buch: nicht um das Fragwürdige von Methoden, nicht um die Mängel, die auch bei Ärzten und Forschern wie Eugen Bleuler und Sohn Manfred oder Auguste Forel vorhanden waren, sondern um die Erhellung dessen, was es bedeutet, wenn Menschen gewollt oder ungewollt in engsten Kontakt mit der Welt der Psychiatrie gelangen, hier, an diesem konkreten Ort mit dem vertraut klingenden Namen Burghölzli, der im Vergleich mit anderen Institutionen seiner Art so privilegiert ist.

Abwechslung und neue Nähe

Das Burghölzli also als heilsamer und sogar schöner Ort, wo einem geholfen werden kann, auch jenen, denen kaum zu helfen ist. Aufschlussreich etwa die Erinnerungen von Daniel Hell, der als Erster ein Ferienlager mit Patienten einer geschlossenen Station durchführte und dank Nähe und Vertrauen zu folgenreichen Einsichten gelangte. Liebevoll ironisch Berthold Rothschilds Beschreibung der Trennung von «Männlein und Weiblein», die nur bei den jährlichen Tanzfesten «ausser Kraft gesetzt» wurde, und witzig anschaulich Paul Hoffs theatralische Szenen zum Thema Schizophrenie, ein Begriff übrigens, der wie manch anderer im Burghölzli geprägt wurde.

Bei einigen wenigen Beiträgen (den Gesprächen mit Jules Angst oder Christian Scharfetter) wird auch der medizinisch interessierte Laie – das Buch richtet sich ausdrücklich an eine breite Leserschaft – gefordert; zum Glück hilft das Internet manchmal weiter. An einigen Stellen hätte man sich auch ein sorgfältigeres Lektorat, etwas mehr Fussnoten oder Lebensdaten und ähnliche Angaben gewünscht – der Attraktivität des neuen Burghölzli-Buches tut das aber wenig Abbruch.

Burghölzli. Geschichten und Bilder. Herausgegeben. von Heinz Böker und Jan Conradi. Mit 20 Beiträgen und 26 Zeichnungen und Fotografien. Limmat Verlag, Zürich 2016, 284 Seiten, 42.50 Franken.