Für Pater Martin Werlen ist es offensichtlich, «die katholische Kirche steckt in verschiedenen Sackgassen. Eine davon ist die Frauenfrage.» Um sie drehte sich denn auch das Abendgespräch mit den Schwestern des Klosters Fahr, zu dem der Verein «Pro Kloster Fahr» am Montagabend in die Liebfrauen-Kirche in Zürich lud.

Martin Werlen, ehemaliger Abt der Klöster Einsiedeln und Fahr, machte dabei gleich zu Beginn deutlich, dass er in seinem Referat keine Lösungen liefern werde. Denkanstösse waren es aber allemal.
Wer in eine Sackgasse gerate, so Werlen, tue gut daran, nicht einfach sitzen zu bleiben und zu warten, bis sich die Umgebung verändere.

«Doch wer heute konkrete Schritte der Umkehr anzeigt, begegnet immer wieder dem selben Alarmknopf, dem Zeitgeist», sagte Werlen. Einem Begriff, der die Eigenart einer bestimmten Epoche beziehungsweise den Versuch bezeichne, uns diese zu vergegenwärtigen. Der Zeitgeist sei in sich weder positiv noch negativ. Er sei sogar wichtig für die Verkündigung des Evangeliums. «Denn wenn wir den Zeitgeist nicht kennen, die Mentalität, die in einer gewissen Zeit da ist, reden wir ins Leere, an den Menschen vorbei», so Werlen.

Tradition und Traditionen

Vieles in unserem Leben sei vom Zeitgeist geprägt. Auch vieles in der Heiligen Schrift, in der Kirche sei Zeitgeist, erläuterte Werlen. So seien viele Bräuche entstanden. «Wenn diese Bräuche schon länger zu uns gehören, nennen wir sie oft Tradition», sagte Werlen. Vieles, das wir als Tradition bezeichneten, sei in Wahrheit Zeitgeist früherer Jahrhunderte und damit veränderbar, leitete er her.

Hier nun wird es aus Sich von Werlen aber brenzlig. «Gefährlich wird es für den Glauben, wenn der Zeitgeist vergangener Jahrhunderte in der Kirche als Tradition bezeichnet wird», hält er fest. Dann verfalle man leicht in den Irrtum, dies sei Tradition im theologischen Sinn.

«Unter Tradition versteht die Kirche die Treue zu Jesus Christus durch die wechselhafte Geschichte. Und weil sie wesentlich für die Kirche ist, darf man an ihr nicht rütteln», so Werlen. Es sei tragisch, wenn gegen den heutigen Zeitgeist gewettert werde, um am Zeitgeist vergangener Jahrhunderte kleben zu bleiben. Hilfreich sei diesbezüglich die Unterscheidung zwischen Tradition und Traditionen, wie sie vom französischen Theologen Yves Congar vorgenommen worden sei.

Tradition im Singular sei das, was für die Kirche wichtig sei, also die Weitergabe des Glaubens, hielt Werlen fest. Ihr gegenüber stünden Traditionen im Plural, die vom Zeitgeist geprägt seien und manchmal aufgegeben werden müssten, um die Tradition nicht zu gefährden.

«In der Kirche gibt es viele Traditionen, die aufgegeben werden können, ohne dass Wesentliches des Glaubens verloren geht, so Werlen. Das Weihnachtsfest am 25. Dezember sei beispielsweise eine dieser Traditionen. Man könnte das Fest gar streichen, ohne dass Wesentliches des Glaubens verloren gehen würde. Auch im Kirchenrecht gibt es laut Werlen viele Traditionen, die verändert werden können.

Auf die Frauenfrage übertragen, bedeute das, dass diese stark vom Zeitgeist vergangener Jahrhunderte geprägt sei, aber wenig von der Tradition, so Werlen. Zu den Traditionen in der Frauenfrage gehöre etwa, dass die Frauen in der kirchlichen Sprache einfach mitgemeint seien. Auch in der Heiligen Schrift sei die Frau oft vergessen gegangen.

Beim grundlegenden Sakrament des Glaubens, der Taufe, werde jedoch nicht zwischen einer Männer- und Frauentaufe unterschieden. Es gebe nur die eine Taufe. «Wenn aber das Geschlecht einer Person höher eingestuft wird als die Taufe, dann haben wir ein Glaubensproblem», folgerte Werlen.

Es sei habe folglich nichts mit einer Anpassung an den Zeitgeist zu tun, wenn Frauen in der Kirche gleichberechtigt wahrgenommen werden wollen. Im Gegenteil. Um dies zu erreichen, müsse man sich austauschen und so gemeinsam die Tradition entdecken. Zudem forderte er die Frauen dazu auf, sich zu vernetzen und in die Öffentlichkeit zu gehen. Als gutes Beispiel diene der katholische Frauenbund.