Wenn Dorothea Baur* Post bekommt, schlägt ihr Herz jedes Mal ein bisschen höher. Nicht, weil sie sich auf den Inhalt der Briefe freut; sie befürchtet, dass wieder einmal jemand Geld von ihr fordert, das sie nicht hat. Dorothea Baur lebt von der IV und Ergänzungsleistungen – mehr schlecht als recht, «doch ich kann damit umgehen, ich bin es gewohnt, mit wenig zu leben».

Dorothea Baur geht steif, wenn sie in ihr Wohnzimmer in einem dieser Quartiere im zürcherischen Limmattal, in dem sich Block an Block reiht, führt. Immer wieder zuckt sie während des Gesprächs zusammen, dann weiss man: Es zieht gerade ein Schmerz durch ihren Körper. Die Mittfünfzigerin leidet an Fibromyalgie, einer chronischen und bislang unheilbaren Schmerzerkrankung, die Forschern Rätsel aufgibt, schwer zu diagnostizieren ist und, obwohl die Weltgesundheitsorganisation sie 1992 als rheumatische Krankheit klassifizierte, von der Schweizer Invalidenversicherung kaum anerkannt wird.

Arbeit, entgegen ärztlichem Rat

Lange hat Baur versucht, den Schmerzen und ärztlichen Empfehlungen zum Trotz ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, doch dann, vor 14 Jahren, kam der Zusammenbruch – «ich konnte einfach nicht mehr». Ihr Arzt bestand darauf: Jetzt ist Schluss mit arbeiten. Seither lebt sie am Existenzminimum. Und seither kämpft sie darum, von den zuständigen Ämtern ernst genommen zu werden. Denn bei der Fibromyalgie, erzählt Baur, ist der Vorwurf «Die simuliert doch!» selten weit weg.

Dorothea Baur ist eine kämpferische Person, sie braust auf, wenn sie von den Erfahrungen erzählt, die in ihr über all die Jahre diese riesige Frustration aufgestaut haben. Doch eines Tages, vor geraumer Zeit, da war sie es plötzlich müde, um jeden Franken zu kämpfen. Legte die Briefe einfach in den Schrank, sagte sich: Dann nehmen sie mir halt die 100 Franken auch noch weg, bleib ich eben zu Hause, isoliere mich noch mehr. Der Aktenberg wurde grösser, die Überforderung mit ihm. Bis sie merkte: So geht es nicht weiter. Ich brauche Hilfe.

Alles selber machen? Das geht nicht

Am selben Punkt stand auch Cornelia Biasca, die heute neben Baur am Tisch sitzt und mit ihr durch Ordner blättert. Vor vielen Jahren war das, ihr geistig schwer behinderter Sohn schon eine Weile auf der Welt. Es war auch bei ihr ein langer Prozess, sich zuzugestehen, dass sie nicht alles alleine bewältigen kann. Doch als sie so weit war, fand sie Unterstützung bei gemeinnützigen Institutionen. «Ohne Hilfe von aussen hätte ich es damals nicht geschafft», sagt sie. Heute, mit ihrem mittlerweile erwachsenen Sohn aus dem Haus, will sie etwas zurückgeben.

So engagiert sie sich seit letztem November im Treuhanddienst der Behindertenorganisation Pro Infirmis Zürich als Freiwillige. Denn mit Ämtern hat sie genug Erfahrung, nicht nur als Mutter, sondern auch als ehemalige Gemeindepräsidentin von Killwangen. Sie kennt beide Seiten: die der Gemeinden, die ihre Sozialkosten nicht aus dem Ruder laufen lassen dürfen, und die der Leistungsbezüger, die sich oft fremdbestimmt fühlen. Und leider, so Biasca, komme es tatsächlich manchmal auch vor, dass Beamte diesen Menschen das verweigern, was ihnen per Gesetz zusteht: die Existenzsicherung.

Es ist aber nicht nur das treuhänderische Fachwissen, das bei ihren regelmässigen Einsätzen gefragt ist. «Häufig haben die Menschen psychische Probleme, sind isoliert und deprimiert und brauchen auch einfach mal jemanden, der ihnen zuhört, an ihrem Schicksal teilnimmt und auf ihrer Seite steht.» Für Baur ist Biasca viel mehr als eine, die ihr hilft, die Papiere in Ordnung zu bringen, und für sie Beamtendeutsch auf Deutsch übersetzt. «Ich freue mich jedes Mal, wenn sie an der Türe steht», sagt Baur und umarmt ihre Treuhänderin, dieses «Herz von einem Menschen». Ihr die Einsicht in sämtliche Akten zu gewähren, sei anfangs schwer gewesen, sagt Baur, «man offenbart dadurch sehr intime Dinge – Dinge, die nicht einmal mein Freund und meine Familie von mir wissen».

Gegenseitiges Vertrauen sei unabdingbar, sagt auch Biasca. Sie ist für ihre Arbeit darauf angewiesen, dass die Kundin alles auf den Tisch legt. Häufig habe man es – zumindest in der Anfangsphase – mit Schulden zu tun. Da muss jede Kreditkarte mit verhängnisvollem Kleingedruckten und jede Anschaffung auf Raten offengelegt werden, auch wenn sich die Menschen dafür schämen, sich etwas geleistet zu haben, das sie sich eigentlich nicht hätten leisten können. Dafür urteilt Biasca auch nicht. Sie hat Verständnis dafür, wenn sich Baur mal etwas Schönes kaufen will – und versucht, mit ihr die Anschaffung auf nachhaltige Art und Weise in ihrem Budget unterzubringen.

*Name geändert