16 Jahre lang! Man muss sich das vorstellen: 16 Jahre lang fuhr Steinbildhauer Beat Bösiger von Urdorf in die Stadt, ging in ein Restaurant essen - und schrieb mit seinen von Berufs wegen mächtigen Händen. Und dabei wurde ihm das mit den Wörtern nicht in die Wiege gelegt. Er ist Legastheniker. «Die Legasthenie ist nur beim Lesen eine Behinderung, ich kann schreiben, aber langsam», sagt er im seinen Atelier in Urdorf, der Lipsfabrik mit ihren markanten Sheddächern.

Da war er nun, und hat «an Sätzen und Ausdrücken rumgeschrieben und gefeilt, bis sie eine Melodie hatten», wie er anfügt. «Ich wollte rein rational die Welt erklären und habe mich in diese Fragen reingebissen.»

Urdorfer Bildhauer

Beat Bösiger, 51, verheiratet, vier Kinder, ist in Urdorf aufgewachsen. Gleich nach der Lehre als Steinbildhauer machte er sich selbstständig. Seither ist er auf dem Beruf tätig. Seine Markenzeichen sind die Kugeln, die in den verschiedensten Skulpturen immer wieder vorkommen. Sein Hobby ist die Familie. Früher trieb er Sport, musste aber nach Krankheiten aufhören. Sein Geschäft befindet sich in der altehrwürdigen Lips-Fabrik an der Birmensdorferstrasse 32 in Urdorf. (fuo)

Das Schreiben sei ihm, dem Legastheniker, ein vergnügliches Hobby. Erfreulich, lustig sei es gewesen, er habe sich mit allerlei Gedanken befasst, mit Phänomenen, Philosophie, Glaube.

«Ich schämte mich»

Das Buch sei neben der Bildhauerei und dem Malen ein weiteres Werkzeug, um seine innere Welt zum Ausdruck zubringen, sagt Bösiger und gesteht, er habe lange an sich gezweifelt, wollte sein schriftliches Werk geheim halten, er schämte sich, weil er Autodidakt ist. Doch die Familie und Kunden hätten in motiviert, den Schritt nach aussen zu wagen. Beim Buchschreiben habe ihm geholfen, dass er noch nie eines gelesen habe, so war er frei in seiner Arbeit. An drei Konzepten habe er gearbeitet, eines hat er abgeschlossen. Die stark zusammengekürzte Fassung ist nun im Taschenbuchformat auf 109 Seiten erschienen. 2500 Exemplare sind gedruckt.

Ist es nun ein philosophisches Buch? «Das tönt so hochgestochen. Es geht gewiss um Fragen des Lebens. Die grösste Frage ist diejenige nach Gott», sinniert Bösiger. Er habe den Glauben, der diese Frage für ihn beantworte. «Vielleicht geht es um die Schuldfrage des Menschen allgemein. Ich suche ja nach rationalen und nicht nach emotionalen Erklärungen.» Er komme denn auch zum Schluss, dass der Mensch viel mehr Leid zu tragen habe, als er verursache, siehe Krankheiten und Katastrophen. «Es gibt viele Faktoren, welche die Welt schlecht machen. Man kann nicht immer den Menschen in Verantwortung nehmen.»

Zwölf Gedankeninseln

Beat Bösiger teilte sein Buch in zwölf Gedankeninseln ein. Zu jedem Kapital hat er zur Zierde ein Gemälde entworfen. Nicht nur als Zierde, natürlich, sondern als Ausdruck des Gesagten. Die Gedankeninseln tragen denn Titel wie «Relativität der Wahrheit», «Gott ist beschreibbar», «Die Welt schreibt Rote Zahlen», «Lügen der modernen Zeit», «Gott klont sich», Träume überdauern das Leben» oder «Wir sehen uns im Paradies».«Mein Fazit ist, dass Mensch-sein keine persönliche Angelegenheit ist, sondern ein kollektives Ereignis,. Man kann seine Rechnung nie alleine machen. Das Dasein des Menschen hängt vom Kollektiv ab.»

«Mein Buch hat keine Botschaft und ist kein Ratgeber. Es ist eine persönliche Auseinandersetzung.» Entscheidend sei, Tempo zu drosseln, Erwartungen zurückzustellen, im Kollektiv langsamer zu werden und zu erkennen, dass die Erfolgs- und Fortschrittshysterie den Menschen noch mehr belast et als ihm etwas bringe.

Ein Mäzen kam zu Hilfe

Beat Bösiger hatte kistenweise Papier beschrieben. Freunde halfen ihm, die Menge zu bündeln und zu sortieren. Als ein Mäzen auftauchte und ihn ermunterte, weiter zu machen, sei ihm klar geworden, dass das Buch im Zusammenhang mit seinen Skulpturen und den Bildern steht. «Ein Kreis hat sich geschlossen», sieht Bösiger den Abschluss seines Werks. Trotzdem: Nach wie vor sieht er sich als Steinbildhauer, egal, wie gut die Bücher weggehen oder nicht. Das Buch ist erhältlich im Römerhof-Verlag, Edition 381, ISBN 978-3-95424044-0-9 oder direkt beim Autoren.

Am kommenden Samstag und Sonntag, 26. und 27. Januar findet die Vernissage im Atelier Bösiger an der Birmensdorferstrasse 32 statt. Samstag um 13.30 Uhr Apéro Buchvernissage, 14 Uhr, Begrüssung durch Sandra Rottensteiner, Gemeindepräsidentin. Anschliessend Lesung. Sonntag: «Eine kurze Geschichte zum Buch» von Beat Bösiger. Öffnungszeiten jeden Tag von 11 bis 17 Uhr.